Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Ausstellungen Die Aussteigerin: Leipziger Bildermuseum zeigt Angelika Tübke
Thema Specials Leipziger Museen Ausstellungen Die Aussteigerin: Leipziger Bildermuseum zeigt Angelika Tübke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Schau!, das Leipziger Museumsportal - eine Sonderveröffentlichung von LVZ.de
13:24 04.04.2019
Angelika Tübke vor ihren Porträts Christa Wolfs (1981) und ihres Sohnes Albrecht Tübke (1975). Quelle: André Kempner
Leipzig

Es gibt einen Kalauer über den Künstler Willi Sitte, der inzwischen den Rang eines Sprichworts hat: „Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt“. Bei Angelika Tübke ist es umgekehrt. Ihre Porträts beschönigen nicht, es ist kein Photoshop mit Eitempera und Ölfarbe, dem der Betrachter gegenübertritt. Diese Bilder sind wunderschön und kraftvoll; sie wirken aus der Tiefe. Man kann sich diesen in sich ruhenden, aber doch glühenden, offenen Blicken nicht entziehen, wenn man erstmal drin ist in dieser Ausstellung im Museum der bildenden Künste. Ausgestellt werden rund 60 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen aus sieben Jahrzehnten. Das Lebenswerk einer Künstlerin, die lange in Leipzig arbeitete, hier aber noch zu entdecken ist.

Der Ort dieser Schau ist sicher auch den Zufällen des seit einiger Zeit rasant beschleunigten Ausstellungsbetriebs im Museum geschuldet, erscheint aber sinnvoll. Im dritten Stock sind am anderen Ende Zeichnungen aus sieben Jahrhunderten zu sehen – feine und eher stillere, aber doch einnehmende Meisterwerke. Wer zu Angelika Tübkes feinen, handwerklich perfekten Bildern will, kommt erst durch den Neo–Rauch–Raum mit seinen dramatischen und unheimlichen Traumerinnerungen – um dann in dieser ruhigen sicheren Welt zu landen. Eine Welt, die noch in den Fugen ist.

Aus dem Dunkel leuchtend

Es gibt Landschaften mit herrlichem Blau und großen Himmeln, Felder, Wiesen, Wälder, italienische Berge und polnische Dünen, dann Stillleben und Aktstudien. Die Porträts fesseln aber am meisten: die aus dem Dunkel leuchtende „Marie mit Blumenkranz“ (1995), die stolze Karin Zschocke (1979), die charaktervollen Bilder ihres Mannes Hans Gräfe oder ihres Sohnes Albrecht Tübke als Schulanfänger 1978. Während sich hinter ihm die Kindheit in fröhlichen Zeichnungen austobt, scheint sich im Gesicht mehr als nur eine Ahnung vom so genannten Ernst des Lebens abzuzeichnen.

Dass diese Bildnisse so sanft wie intensiv von den Wänden zu sprechen scheinen, hat sicherlich mit der altmeisterlichen Technik der Künstlerin zu tun. Es werde in mehreren Schichten weiß oder farbig grundiert und dazwischen lasiert, „bevor die Ölfarbe aufgetragen wird“, beschreibt die Leipziger Malerin Rosa Loy den langsamen, konzentrierten Arbeitsprozess. Es entstehe so ein im Wortsinne vielschichtiges Porträt, das durch die Lasuren einen inneren Zusammenhalt bekomme. Es bleibt ein Restgeheimnis. „Welches Glück haben die Kinder, die von ihr gemalt wurden, es sind Seelenabbildungen am Anfang eines Lebensweges, und sie sind so offen, unschuldig, ernsthaft und doch kindlich. Ich wünschte, ich hätte ein solches Porträt von mir selbst als Kind von Angelika Tübke.“

Zum Thema: Mehr News und Infos aus den Leipziger Museen

Vor gut einem Jahr hatte Museumsdirektor Alfred Weidinger Rosa Loy gebeten, für das Museum drei Ausstellungen zu kuratieren. Die mit ihrem Mann Neo Rauch in Markkleeberg lebende Malerin will nun Künstlerinnen zeigen, die man in Leipzig kennt, bei denen man sich jedoch frage, was sie jetzt machten. Angelika Tübke, inzwischen 83, malt immer noch. Gerade ist sie dabei, das Wolkentheater über Dalliendorf bei Wismar im Aquarell einzufangen.

In dem Dorf, das nicht viel mehr als 100 Einwohner hat, lebt sie seit 1982. Sie ist dorthin ausgestiegen damals, aus dem Leipziger Kunstbetrieb, weg von dem Mann mit dem sie von 1960 bis 1976 verheiratet war: Werner Tübke.

1954 bis 1959 studiert die in Dessau Geborene an der Leipziger HGB Freie Grafik. Sie will Buchillustratorin werden. Die Malerei, für die Leipzigs Kunst international steht, wird noch nicht gelehrt. Ihr zukünftiger Mann ist damals Assistent für figürliches Zeichnen. Fast alle Studenten bewundern ihn. Angelika Tübke heiratet ihn.

Werner zu Angelika Tübke: „Der Maler bin ich, und du machst alles andere.“

Bei dem Kunstpädagogen und Maler Hans Schulze lernen beide die Techniken der alten Meister. Gemeinsam bereisen sie ein Jahr lang die SowjetunionLeningrad, Taschkent, Usbekistan. Ihr „Usbekisches Bauernpaar“ entstand auf dieser Reise, gemalt aus der Erinnerung, heute ist es im Besitz des Bildermuseums. Es ist das erste und einzige Großformat. Später werden die Söhne Adrian und Albrecht geboren. Als sie nach einer Pause wieder mit dem Malen beginnen möchte, bremst sie ihr Ehemann aus: „Der Maler bin ich, und du machst alles andere. Ich werde dich fürstlich entlohnen.“ Angelika Tübke aber malt, es kommt zur Trennung und schließlich dem Umzug ins dörflich-idyllische Andernorts. 1988 heiratet sie erneut.

Die Künstlerin ist immer bei sich geblieben – mit technischer Perfektion und Disziplin auf der einen Seite, Liebe und Dienen auf der anderen Seite. Sie zeige ihren Mikrokosmos, der ein ganzes Universum offenbare, meint Rosa Loy. Angelika Tübke sagt: „In meinen Bildern ist immer ein Du.“ Es ist noch einiges mehr.

Angelika Tübke: Bis 24. März 2019 im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Katharinenstraße 10), Di, Do–So 10–18, Mi 12–20 Uhr.

Von Jürgen Kleindienst

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Leipziger Kindermuseum ist eine wahre Erlebniswelt. Hier dürfen sich Kinder nach Lust und Laune ausprobieren, in historische Kostüme schlüpfen und erleben, wie es früher in Leipzig zuging. Hier einen Blick durchs Schlüsselloch werfen!

04.04.2019

Lebendiger, aktueller, emotionaler: Rund 2000 Objekte und Dokumente erzählen die Geschichte(n) Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Die völlig überarbeitete Dauerschau im Zeitgeschichtlichen Forum ist wiedereröffnet.

14.11.2018

Im GRASSI-Museum ist auch Deutschlands größte Musikinstrumenten-Sammlung zu Hause. Die Ausstellung „Die Suche nach dem vollkommenen Klang“ bietet Besuchern aller Altersstufen einen Einblick in die Musikgeschichte und in die vielfältige Welt der Musikinstrumente.

04.04.2019