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Ausstellungen Gerd Rohling zeigt in Leipzig „QNST“ mit Biss
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10:23 27.09.2018
Die Skulptur hat keinen Titel, der Künstler heißt Gerd Rohling und zeit im Museum der bildenden Künste die Ausstellung „Der Sprung“. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Besucher wird mit einem Tor empfangen. „Form + Inhalt“ bekommt er versprochen. Auch wenn das bei Kunst eine Selbstverständlichkeit sein sollte, klingt es hochtrabend. Das Pathos wird dann durch das Signet der Malerinnung auf der Rückseite gebrochen. „Wir bildenden Künstler haben ja kein eigenes Symbol. Darum musste ich das der handwerklichen Maler nehmen“, sagt Gerd Rohling. Und ergänzt: „Ein guter Anstreicher ist besser als ein schlechter Kunstmaler.“

Es begann auf einem Flohmarkt im Wedding. Jetzt sind Gerd Rohlings ironische und ernste Arbeiten im Leipziger Museum der bildenden Künste zu sehen. So spielerisch die Ausstellung wirken mag, es ist Biss dahinter.

Er selbst betätigt sich nur selten als Kunstmaler. Ganz hoch gehängt in der Halle sieht man eine fahle Mondsichel hinter Schleierwolken. Sie wurde gemalt, doch der Hund, der den Mond anhimmelt, besteht aus Spanplatte, Spachtelmasse und Lack – so wie viele Objekte Rohlings. Hunde kommen dabei gehäuft vor, der Rasse Pitbull Terrier angehörend. Nicht dass Rohling eine besondere Vorliebe für diese hätte. Er besitzt keinen und gibt sogar zu, ein bisschen Angst vor ihnen zu haben. Doch mit dem schwarzen Augenfleck wirken seine Kreaturen auch etwas clownesk. Damit stehen sich symbolisch für die eigene Ausdrucksweise – Stichwort Form + Inhalt. So spielerisch und manchmal beiläufig die Ausstellung wirken mag, es ist Biss dahinter.

Der Künstler, Jahrgang 1946, stammt zwar aus Krefeld, ist aber seit dem Studium in den frühen 70er Jahren zum Berliner geworden. Zwar hat er sich nicht die schnoddrige Großschnauze der Hauptstädter angeeignet, wirkt eher zurückhaltend, doch deren Witz. Im Wedding, wo er wohnt, gab es in den 90ern eine Menge Kampfhunde, für das proletarisch geprägte Milieu Statussymbol und Waffe zugleich.

Auf dem Weddinger Flohmarkt, einem seiner Lieblingsplätze, hat er drei Jahre nach dem Mauerfall die informelle Ausstellung „Der Sprung“ realisiert. Auf dem Toilettencontainer lag plötzlich ein überdimensionaler Pitbull und schaute auf Trödler und Gäste. Doch das reichte Rohling nicht. Er schuf noch einen zweiten Hund, der über die Pfützen des leckenden Containers hüpft. Dieser war schon nach zwei Tagen verschwunden und blieb es auch. Es ist also eine Replik, die für die Leipziger Ausstellung mit dem gleichen Titel angefertigt wurde.

Die Möglichkeiten des Raumes nutzen

Schon bei der Eröffnung des MdbK-Neubaus (2004) sei er von diesem Raum begeistert gewesen, sagt Rohling. Doch der vorherige Direktor Hans-Werner Schmidt war von seinem Werk nicht gleichermaßen begeistert. Als Gerd Rohling dann hörte, es gäbe mit Alfred Weidinger einen neuen Chef, rief er sofort an und hatte diesmal Glück. Tatsächlich ist die großzügig dimensionierte Terrasse im ersten Obergeschoss nicht so leicht zu bespielen. Jedenfalls nicht mit Kunst klassischen Zuschnitts. Doch zu dieser Kategorie gehören Rohlings Arbeiten sowieso nicht.

Er nutzt die Möglichkeiten des Raumes konsequent aus. Ein Hund, natürlich ein Pitbull, erklimmt eine Leiter an der hohen Wand. Dass er die vom zweiten Geschoss herabhängende Wurst erreichen kann, ist trotzdem fraglich. Das sei gewissermaßen ein Selbstporträt, so Rohling. Jeder Künstler wolle nicht nur satt werden, sondern auch ganz nach oben und dort dann möglichst allein sein. „Jeder will auf’s Titelblatt.“ Um das sicherzustellen, zumindest in einem einzigen Exemplar, hat er die Cover renommierter Kunstjournale mit eigenen Arbeiten ausgestattet und stellt sie gleich mit aus.

Eigentlich hat er ein gutes Stück von der Wurst schon erreicht. Neben diversen Preisen und Einzelausstellungen war Rohling auch an internationalen Großereignissen beteiligt. Doch das hält ihn eben nicht davon ab, auch Trödelmärkte mit einem nicht unbedingt kunstaffinen Publikum als Bühne zu nutzen. Für manche seiner Arbeiten findet er dort sein Material. Beispielsweise ein kleines „Männeken Piss“, dem er den großformatigen Schriftzug „off“ hinzufügt.

Liebe kommt, Liebe geht

Ein paar Straßenzüge weiter steht ein als Leihkarton gekennzeichneter Behälter auf dem Fußweg. Mit „zu verschenken“ haben die großzügigen Spender ihre illegale Sperrmüllentsorgung deklariert. Rohling nimmt das Geschenk an und bringt es ins Museum. Spätestens an dieser Stelle wird der Besucher, der sich den erweiterten Kunstbegriff der Spätmoderne noch nicht ganz verinnerlicht hat, auf eine harte Probe gestellt. Er muss den Blick heben, um auf einer der wenigen Malereien die Aufschrift „QNST“ zu erkennen.

Ist das Ganze also nur ein überdimensionierter Gag? Kurator Jan Nicolaisen sieht das anders. Bei aller Verspieltheit sei Gerd Rohling einerseits ein Romantiker, andererseits ein messerscharfer Analytiker unserer Gesellschaft. So kann man die auf Abfahrts- und Ankunftspläne der Bahn gedruckten Sentenzen „Die Liebe kommt“ und „Die Liebe geht“ gern als Kommentar zur schnell verflogenen Euphorie nach der deutschen Vereinigung lesen. Und wenn Rohling mit seinem Holzhund auf Rädern durch den Wedding spaziert, soll es schon ängstliche Reaktionen gegeben haben. Kunst wirkt also doch.

Von Jens Kassner

Gerd Rohling, „Der Sprung“: bis 6. Januar 2019, Di und Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr; Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstr. 10

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