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Ausstellungen In die Wüste geschickt: Bildermuseum zeigt Marion-Ermer-Preisträger
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16:47 07.12.2018
Jana Schulz vor ihre Arbeit „Golden Boys“. Sie porträtiert Boxer in Slowmotion, ohne eine einzige Kampfszene zu zeigen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Sand ist echt. In sanften Dünen häuft er sich goldgelb auf einem klar abgegrenzten Sockel. Genau so sieht es in der Wüste aus, stimmt’s? Der blaue Himmel dahinter ist aber eindeutig eine aufgehängte Folie.

In ihrer Installation „Simulacrum“ dekonstruiert Fine Bieler den Begriff Wüste, analysiert die Klischeevorstellungen, die wir Mitteleuropäer gemeinhin von der uns (noch) nicht sonderlich bekannten Landschaftsform haben. Neben der sauber vorgetäuschten Düne sieht man Filme, in denen Wüsten eine Rolle spielen, von Karl-May-Klassikern bis Lawrence von Arabien. Doch eigentlich sieht man sie nicht. Auf eine Wand in grüngelben Tarnflecken werden nur Beschreibungen der jeweiligen Szenen projiziert – Kopfkino in Reinkultur.

Dass alle vier Trägerinnen und Träger des Marion-Ermer-Preises 2018 mit filmischen Mitteln arbeiten, ist kein festes Prinzip dieser Ehrung, die alle zwei Jahre vergeben wird. Zu den festen Größen gehört aber, dass die Ausgezeichneten noch zum Nachwuchs zählen und ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt im Osten Deutschlands haben. In diesem Falle sind sie sogar durchweg in Leipzig verortet. Zum zweiten Mal werden die Arbeiten der Preisträger des seit 2001 verliehenen und mit jeweils 5000 Euro dotierten Preises im MdbK gezeigt. Aus reichlich 200 Bewerbungen hatte die international besetzte Jury auszuwählen.

Das Hotel in der Geburtsstadt Lenins

Ähnlich analytisch angelegt, dennoch sinnlich greifbarer ist „Venets. Welcome to the Ideal“ von Kirill Gluscheko. Venets heißt ein Hotel, dass in Uljanowsk, der Geburtsstadt Lenins, gebaut wurde, um die Besuchermassen zum hundertsten Geburtstag des Sowjetführers 1970 aufzunehmen. Die Vorgehensweise des 1983 in der russischen Exklave Kaliningrad Geborenen erscheint zunächst unkünstlerisch. Er gibt sich als Mitarbeiter eines fiktiven Verlages aus, um Recherchen in verschiedenen Städten und Regionen der ehemaligen Sowjetunion durchzuführen, die dann tatsächlich zumeist in Buchform erscheinen. Historische und heutige Fotos kombiniert er mit Dokumenten. Neben Schriftstücken gehört dazu auch ein Werbevideo jenes tristen Hotels Venets. Erst durch die Art der Präsentation wird Gluschenkos Spurensicherung auf die Ebene von Kunst erhoben. Dabei kommt es ihm darauf an, nicht nur die ideologischen Verheißungen, sondern auch deren ästhetische Einkleidung mit der Realität zu konfrontieren.

Deutlich dynamischer wirkt Ronny Buliks 3-Kanal-Videoprojektion. Gefilmt hat er mit dem Handy, die Aufnahmen dann aber durch Filter laufen lassen, um eine grafische Wirkung zu erreichen. Im zentral angeordneten Hauptfilm läuft der Akteur eilig durch den Louvre, um diese Visite nach einem kurzen Blick auf die Mona Lisa abhaken zu können. Genau so schnell taucht er danach in den Untergrund von Glasgow ein, wo er Tänzer und Vertreter anderer Szenen trifft. Das Meisterwerk der Renaissance wird mit der gegenwärtigen Subkultur auf eine Stufe gestellt. Beide erhalten allerdings nicht viel Aufmerksamkeit des gehetzten Betrachters, der im Rhythmus des namensgebenden „Think Think Push“ gefangen ist. Beruhigend und herunterbrechend müssen deshalb die verfremdeten und betont langsamen Aufnahmen von Alltagsgegenständen oder einer Schildkröte – Symbol der Gemächlichkeit – auf den seitlichen Projektionen dienen.

Außenseiter in Zeitlupe

Durchweg in Slow Motion angelegt sind hingegen die Aufnahmen von Jana Schulz. In drei Filmen von „Golden Boys“ hat sie Boxer porträtiert ohne eine einzige Kampfszene zu zeigen. Ihre Protagonisten bereiten sich mental auf den Fight vor, entspannen oder konzentrieren sich, packen die Sachen ein, fahren zur Arena. Um ihnen so nah zu kommen, sie in ganz persönlichen, fast intimen Momenten beobachten zu können, musste die Künstlerin viel vertrauensbildende Vorarbeit leisten. Dennoch bleibt der Außenblick gewahrt. In Berlin hat sie junge türkische Athleten kennengelernt, in Kalifornien mexikanische und afroamerikanische. Es sind die Außenseiter, die sich mit dem betont männlichen Sport Respekt in der Gesellschaft verschaffen möchten. Genau diesen Kampf zeigt Jana Schulz, auf harte Schläge und Blut kann da gut verzichtet werden.

Alle vier diesjährigen Preisträger ohne interne Hierarchie sind Absolventen den HGB. Dass die Leipziger Akademie heute nicht mehr nur für Malerei und Buchkunst steht, wird damit sehr deutlich vorgeführt. Solange daraus keine Vororientierung für künftige Bewerber um den Preis erwächst, ist das in Ordnung.

Marion-Ermer-Preis 2018. Fine Bieler, Runny Bulik, Kirill Gluschenko, Jana Schulz im Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10; bis 10. Februar 2019, Di und Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr; Sonntag, 9.12., 11 Uhr: Kuratorenführung

An Samstag und Sonntag (10–18 Uhr) feiert das Museum sein 160-jähriges Bestehen bei freiem Eintritt; zu sehen sind u.a. Meisterzeichnungen aus sieben Jahrhunderten, es gibt Einblicke in die Neugestaltung der Dauerausstellung

Von Jens Kassner

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