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Ausstellungen „Peace is Power“: Yoko Ono zeigt in Leipzig Gewalt und Schönheit
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09:53 04.04.2019
100 weiße Seile zeichnen den Verlauf der Sonnenstrahlen nach – in Yoko Onos „Morning Beams“. Im Hintergrund sind ihre „Golden Ladders“ zu sehen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Manche der Zitronen- und Orangenbäume tragen schon Früchte, andere blühen erst und verbreiten aromatischen Duft. Dazu zwitschern Vögel. Die Arbeit „Ex It“, die den zentralen Saal unter dem Museumsdach füllt, spricht sämtliche Sinne an. Doch Yoko Ono geht es dabei nicht um Wohlfühl-Atmosphäre. Die Holzkisten, aus denen die Bäumchen wachsen, sind billige Särge, wie sie bei Katastrophen zum Einsatz kommen. Aber die Blüten und das Gezwitscher lassen auch Hoffnung zu.

Gewalt spielt im Werk der 1933 in Tokyo geborenen Künstlerin eine zentrale Rolle. Das betrifft Kriege – ihr „Bed In“ mit John Lennon als Protestaktion gegen das Gemetzel in Vietnam hatte gerade 50-jähriges Jubiläum. Es betrifft aber auch das ordinäre Verbrechen wie die Ermordung ihres Mannes durch einen geltungssüchtigen Irren gleichsam wie die tagtägliche Gewalt gegen Frauen.

Für die multimediale Arbeit „Arising“ sammelt Yoko Ono Zeugnisse von Frauen, so etwas selbst erfahren haben. Für die Fortsetzung des Projektes in Leipzig haben sich in nur drei Tagen mehr als 70 Betroffene gemeldet. Alfred Weidinger findet das erschreckend. Dass ein Museumsdirektor sich über das Anwachsen eines Werkes nicht freuen kann, ist eher selten.

Museumsdirektor greift selbst zum Hammer

Bei anderen Exponaten hingegen legt er gern Hand an. So griff Weidinger beim Presserundgang selbst zum Hammer und schlug einen Nagel in ein Brett. Die Besucher sollen es ebenso handhaben, dann auch noch Haare um die Nägel wickeln. Wenn das Brett voll ist, ist das Kunstwerk vollendet. Ebenso werden die Gäste aufgefordert, zerschlagene Tassen wieder zu reparieren, etwas über die Schönheit ihrer Mutter an eine noch leere Wand zu schreiben oder den Schriftzug „Imagine Peace“ auf Karten verschiedener Länder zu stempeln.

In einem anderen Raum kann man sich Puzzle-Teile mitnehmen, dabei aber nicht vergessen, dass sie in Wehrmachtshelmen liegen. Bei einem weiteren Beteiligungsprojekt namens „Toilet Thoughts“ gab es gewisse Probleme. Von den in den Toiletten von Leipziger Restaurants und Clubs aufgehängten Plakate, die vervollständigt werden sollen, sind etliche verschwunden. Immerhin bedeutet das eine Anerkennung als Kunstwerke an einem ungewöhnlichen Ort.

Eine Ausstellung in Bewegung

Die Ausstellung wächst und verändert sich also während ihrer Dauer. Partizipation ist das Schlüsselwort des gesamten Konzeptes. Für die Leipziger Variante des „Water Event“, erstmals 1971 umgesetzt, bat Ono deutsche Künstler, Gefäße zu spenden, in welche sie Wasser füllt. Unter den 300 Bewerbungen wurden 93 ausgewählt und im Café des Museum platziert.

Mit der Ausstellung „Peace is Power“ hat das Museum der bildenden Künste die Werke von Yoko Ono nach Leipzig geholt. Am Mittwoch wird sie feierlich eröffnet.

Dass Yoko Ono viel mehr ist als die Frau John Lennons und schon vor dem Zusammentreffen mit dem Beatle in der Fluxus-Bewegung eine zentrale und international beachtete Rolle spielte, hat sich herumgesprochen. Ihr in Leipzig eine großangelegte, sich durch das ganze Haus ziehende Schau zu widmen, die man gern als Retrospektive bezeichnen kann, hat für Alfred Weidinger mehrere Gründe. Zunächst hofft er natürlich auf möglichst viele Besucher. Mit den Einnahmen der Tickets können dann die vielen kleinen Projekte von häufig noch ganz jungen Künstlern mitfinanziert werden. Doch der aus Wien kommende Direktor beklagt auch, dass selbst 30 Jahre nach dem Mauerfall ostdeutsche Museen in den überregionalen Medien stark unterbelichtet werden. Mit so einem großen Namen kann man da vielleicht ein kleines bisschen gegensteuern. Noch ein Grund ist Onos Rolle im Feminismus. Er verweist darauf, dass Leipzig die Geburtsstätte der deutschen Frauenbewegung ist. „Museen sollten das aufnehmen, was die Politik nicht vermitteln kann.“

Viel Poesie bei aller Rationalität

Der Begriff Ausstellung ist nicht allein wegen der vielen in Veränderung begriffenen Arbeiten nicht ganz zutreffend. Für Ono steht häufig das Konzept im Vordergrund, oder die Partitur, wie die auch als Musikerin aktive Künstlerin es bezeichnet. Viele solcher Instruktionen hat sie schon 1964 im Buch „Grapefruit“ veröffentlicht. Die Umsetzung fällt dann an jedem Ort etwas anders aus. Der Prozess des Entstehens gehört wie der des Verschwindens dazu. Doch es gibt auch ganze Serien von Zeichnungen, Texten, Fotografien und Videos zu sehen. Sie ist disziplinierter als viele ihrer Fluxus-Kollegen, doch auch wesentlich sinnlicher als die Konzeptualisten. Bei aller Rationalität steckt viel Poesie drin. Besonders eindrucksvoll sieht man das bei den „Morning Beams“, 100 weißen Seilen, die den Verlauf der frühen Sonnenstrahlen nachzeichnen.

Yoko Ono hat den Ruf, nicht ganz einfach im Umgang zu sein. Dass Weidinger zu Mittag noch nicht wusste, ob sie denn am Mittwochabend zur Vernissage anwesend sein wird, scheint dieses Image zu bestätigen. Doch er betont, dass man sich sehr gut mit ihr unterhalten könne und sie wie kein anderer Künstler sich Gedanken um die Reduzierung der Kosten gemacht habe.

Zum Thema: Mehr News und aktuelle Ausstellungen der Leipziger Museen

Eine tragende Rolle bei dem Projekt spielt Jon Hendricks, den Weidinger als „Mr. Fluxus“ bezeichnet. Er zieht seit Jahrzehnten als enger Freund der Künstlerin die Fäden bei all ihren Ausstellungen. Auf die Frage, wie er denn die Leipziger Schau im Vergleich mit anderen einordne, sagt er sofort: „This is the best.“ Mögen die großen Kunstjournale es so zur Kenntnis nehmen. Nur Besucher, die Lennon-Devotionalien erwarten, werden nicht auf ihre Kosten kommen.

Yoko Ono. Peace is Power, Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10; bis 7. Juli, Di und Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

Von Jens Kassner

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