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Vermintes Gelände: Politische Kunst von Mona Hatoum und Ayse Erkmen im Bildermuseum

Ausstellung in Leipzig Vermintes Gelände: Politische Kunst von Mona Hatoum und Ayse Erkmen im Bildermuseum

Kunst, die sich einmischt und politisch Stellung bezieht: Bis 18. Februar sind im Museum der bildenden Künste in Leipzig die teils raumgreifenden Installationen von Ayse Erkmen & Mona Hatoum zu sehen. Um Krisen, Kriege und Gewalt geht es in den Arbeiten, die unter dem Titel „Displacements/Entortungen“ ausgestellt werden.

Unüberwindlich: die Installation „Impenetrable“ von Mona Hatoum besteht aus hunderten Stacheldrahtfäden.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Den Besucher empfängt ein schwebender Kubus, gebildet aus feinen Drähten. Das Schwirren der Linien bei Veränderung der Sichtachse hat etwas Poetisches. Fast kriegt man Lust, darin einzutauchen. Doch von nahem ist erkennbar, dass es sich um Stacheldraht handelt. „Impenetrable“ lautet der treffende Name dieser Installation von Mona Hatoum, die typisch für die Ausstellung ist.

Kurator Frédéric Bußmann weist auf die verschiedenen Bedeutungsebenen des Begriffs Displacements hin, der als Titel gewählt wurde. Zum einen Flucht und Vertreibung, dann eine psychologische Verschiebung der Affekte, schließlich auch die künstlerische Intervention, bekannt als Verfremdung. In Bezug auf diese Ausstellung müsste man noch die zeitliche Drift ergänzen, sollte sie doch schon Monate früher und parallel zu „Die Künstler in der Fremde“ stattfinden. Das hätte gepasst, sind doch die Libanesin Mona Hatoum und die Türkin Ayse Erkmen global tätig und privat nicht eindeutig zu verorten.

Als Weltbürgerinnen zeigen sich beide auch in ihrer Kunst, und sie sorgen sich um diese prekär gewordene Welt. Krisen, Kriege und Gewalt sind ein Dauerthema, das aber mit minimalistischen Mitteln bearbeitet wird.

In einem Raum von Ayse Erkmen dominiert die eigentlich augenfreundliche Farbe Grün. Auf Monitoren hüpfen grasgrüne Objekte lustig herum wie in der Werbung für Gummibärchen. Doch es sind Landminen, die in leicht abstrahierter Form animiert wurden. Plastisch ausgeformt und als Grafiken finden sich diese perversen Waffen in einer Fülle, die jedem Kriegsminister das Herz aufgehen lassen muss, im Raum wieder. Was wie eine kaschierende Aufhübschung durch kleine Bäumchen aussieht, sind allerdings Stoffbändchen mit dem Namen der Künstlerin. Sie interessiere sich für „the beauty of danger“, sagt sie. Tatsächlich kann man den martialischen Objekten ebenso wie den Videos, die beim Bronzeguss der Artefakte entstanden, eine ansprechende Ästhetik abgewinnen.

Handgranaten – gefertigt aus Murano-Glas

Mona Hatoum hat eine ähnliche Herangehensweise. Manchmal sind sogar die Gegenstände vergleichbar. Was von fern wie Christbaumschmuck in einer Vitrine aussieht, sind Handgranaten – gefertigt aus Murano-Glas. Andere Arbeiten sind deutlich spröder. Ein ganzer Raum sieht aus wie ein Baumarkt, in dem die Ware noch nicht in die Regale geräumt wurde. Doch „Quarters“ bezieht sich auf die containerartige Massenunterbringung von Menschen, sei es in Gefängnissen, Kasernen oder auch Flüchtlingslagern. Die Regale erweisen sich als fünfgeschossige Betten.

Eine andere Gemeinsamkeit beider Künstlerinnen ist es, auf die jeweiligen Räumlichkeiten der Ausstellung zu reagieren und Werke, die zumeist woanders schon zu sehen waren, zu modifizieren – Displacements also in der Vieldeutigkeit des Begriffs. „Half of“ hat Ayse Erkmen erstmals in einer japanischen Galerie in Reaktion auf die großartige Architektur Tadao Andos realisiert und dann mehrfach wiederholt. Die Leipziger Version sei aber die größte von allen, betont sie. In der riesigen Halle zwischen erstem und zweitem Obergeschoss hängen Konstrukte aus Draht und Stoff, wie gigantische Kastendrachen wirkend. Die Maße nehmen Bezug auf den Raum, halbieren ihn einmal, zweimal und so weiter. Nebenan sind Stahlkäfige ihrer Kollegin zu sehen, in denen farbige Glasformen aus Südfrankreich eingesperrt wurden.

Mona Hatoum hat eine ursprünglich in Hiroshima entstandene Arbeit abgewandelt. Stühle, ein Tisch, sogar Spielzeuge sind aus einer Kombination von Maschendraht und verkohltem Holz nachgebildet, an den ersten Atombombenabwurf erinnernd. So zurückhaltend viele ihrer anderen Installationen sind, wird hier viel Sentimentalität in den Vordergrund gestellt. Fast didaktisch erscheint dagegen ihr Erdball namens „Hotspot“. Der Globus ist aus kräftigem Draht geformt, die Konturen der Kontinente leuchten als Neonröhren. Die Welt ist durchsichtig geworden, als Ganzes erfassbar. Und zugleich als ein einziger Hotspot, in dem es überall brennt.

Leipzig gehört zu kleineren Standorten, in denen Ayse Erkmen und Mona Hatoum gern gesehen sind. Ihre Kunst ist so kühl wie sensibel, immer hochintellektuell und zumeist politisch. Allerdings ist zu erahnen, dass weder AfD-Anhänger noch die Autokraten dieser heißlaufenden Welt sich davon irgendwie beeindrucken lassen werden. Es ist Kunst für ein Publikum, das ohnehin schon aufgeklärt ist, aber den ästhetischen Kick im Grauen zu schätzen weiß, wenn er derart kultiviert verpackt wird.

"Displacements/Entortungen"
bis 18. Februar 2018
Di und Do–So 10 bis 18 Uhr, Mi 12 bis 20 Uhr
im Museum der bildenden Künste Leipzig

Von Jens Kassner

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