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Teil 25 der LVZ-Serie: „Stadttor" Ritterpassage hofft auf mehr Schwung

Teil 25 der LVZ-Serie: „Stadttor" Ritterpassage hofft auf mehr Schwung

Für ihre glanzvollen Passagen sind Städte wie Paris und Mailand weltberühmt. Doch wohl nirgendwo gibt es ein so einzigartiges, weil geschlossenes System an Passagen wie in Leipzig.

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Blick in die Leipziger Rittepassage unweit des Hauptbahnhofes. (Archivfoto)

Leipzig. Das Flair der Innenstadt wird maßgeblich durch diese Besonderheit städtischer Architektur geprägt. Bemerkenswert dabei sind die verschiedenen historischen Formen, die erhalten geblieben sind. In einer Serie sollen in unregelmäßigen Abständen die wichtigsten vorgestellt werden. Heute: die Ritterpassage.

Jung und schon mit bewegter Geschichte. Modern und doch nah an der historischen Altstadt – das ist die Ritterpassage. Straße oder Passage?, mag sich mancher Tourist fragen. Fehlt ihr nicht ein Glasdach, ist sie nicht breit wie eine Straße? Stimmt. Aber in Leipzig – der Stadt der Passagen und Höfe – werden längst alle Spielarten von Durchgängen als Passagen bezeichnet. Und außerdem kommt Passage vom lateinischen passus (Schritt).

Durchschreitet man also den Durchgang in Höhe Brühl 65/67 und der Richard-Wagner-Straße 1/3, findet man auch das Schild: Ritterpassage. Flankiert von den zwei Baublöcken des Forums am Brühl, das 1996 nach Abbruch des Hotels „Stadt Leipzig" entstand. Die 75 Meter lange und rund 15 breite Ritterpassage verbindet beide Blöcke.

„Sie ist eine freie Interpretation des Bautyps", erklärt Heike Scheller, „da sie nicht überdeckt ist und die Fassaden wirkliche Außenfassaden sind", so die Architektin. „Inspiriert wurde die Bauweise von der parallel verlaufenden Nikolaistraße, die durchgehend zum Hauptbahnhof führt. Gestalterische Triebfeder war es, das östlich zu wiederholen", so die Sachgebietsleiterin im Stadtplanungsamt. Demgemäß führt die Passage, als eine Art verlängerte Ritterstraße, weiter bis zum Hauptbahnhof.

Ein bisschen nüchtern wirkt der Durchgang inmitten der Häuserschlucht schon: Kaum Grün, kaum Bänke, wenig Hingucker, die zum Verweilen einladen. Schnell eilt man hindurch. Das war vor einem Jahrzehnt noch anders. Damals sollte die Ritterpassage zum Stadttor werden, zur attraktiven Fußgängerachse zwischen Bahnhof, Brühl und der Innenstadt.

Aber wie? Architekt Frieder Nething riet Debeko Immobilien, einer Tochter der Deutschen Bank, zu einem Kunstobjekt mit bewegten Skulpturen. Sieger des Internationalen Wettbewerbs, den der Inhaber des Karrees ausgelobt hatte, wurde Hans-Michael Kissel – ein international anerkannter Künstler im Bereich der kinetischen Skulptur. „Es galt, den hohen Raum mit künstlerischen Mitteln zu verzaubern – mit der Poesie der schwebenden Bewegung", so der Kinetiker. Die Ritterpassage bekam ein neues Gesicht: 13 schwingende, flügelartige Elemente aus Edelstahl und Aluminium wuchsen aus den Wänden der Passage; weitere acht bewegliche Skulpturen veränderten ihren Raum.

Inspirieren ließ sich der Ladenburger Künstler von Schriftzügen aus einem Brief Johann Sebastian Bachs von 1730 an den Rat der Stadt Leipzig. Das kinetische Kunstwerk „Hommage an Johann Sebastian" wurde 2000, dem 250. Todesjahr Bachs eingeweiht. Die Philharmonie der Nationen unter Justus Frantz spielte auf; die Ritterpassage erhielt ihren offiziellen Namen. Im Abendlicht schimmerten die silberfarbenen Zeichen. Das Windspiel wurde zum Blickfang in der Häuserschlucht, die Ritterpassage zum Tor in die Innenstadt. Doch ein Sturm wurde der Installation zum Verhängnis. „Obwohl alle Teile von einem Tüv-geprüften Schweißer gefertigt wurden und mehrere Statiker die Konstruktion überprüft haben", so Kissel, „löste sich ein leichtes Flügelelement und schlug neben Passanten auf; verletzt wurde zum Glück niemand".

„Ich entschloss mich, die oberen Flügel abzubauen und sie weit über die Berechnungen der Statik hinaus zu verstärken. Das Werk funktionierte jahrelang, bis ein Bleigewicht abfiel. Ohne nachzuprüfen, wurden alle oberen Flügel abgebaut", ärgert sich der Kinetiker. Nach Monaten erhielt er ein Dekra-Gutachten aus Saarbrücken. Kissel: „Der prüfende Ingenieur war weder vor Ort, noch kannte er die Installation selbst. Er erstellte seine Berechnungen anhand von ungenauen Beschreibungen, ging von falschen Materialien aus. Dennoch schlug er vor, die Anlage im Windkanal testen zu lassen. Darauf ging man nicht ein, sondern baute auch die Anlage längs der Passage ab."

„In meiner 40-jährigen Tätigkeit sind mir solch persönliche Katastrophen noch nie vorgekommen. Eine große Windskulptur im Husumer Hafen ist dort seit 14 Jahren extremen Orkanen ausgesetzt." Über den Verbleib seiner Leipziger Installation kann niemand Auskunft geben. „Wir haben das Forum am Brühl 2012 veräußert; das Objekt wird seit diesem Zeitpunkt auch nicht mehr von uns verwaltet", heißt es von Seiten der DWS Holding und Service GmbH (Deutsche-Bank-Gruppe) auf Anfrage. Und auch die BNP Paribas Real Estate, die Ladenflächen in der Ritterpassage vermietet, antwortet: „Das Objekt Forum am Brühl steht derzeit in der Veräußerung. Nähere Daten sind uns zurzeit leider nicht bekannt." Da kann man nur spekulieren.

Spricht man Leipziger an, die sich noch an das Windspiel erinnern können, meinen viele: „Wenigstens die unteren Teile hätte man lassen können." „Die Installation war eine Super-Idee", bekräftigt Bauleiter Gunter Heinze. „Mir als Leipziger tut der Verlust in der Seele weh", so der Ingenieur. Wie nun weiter in der Ritterpassage?

Ingrid Hildebrandt

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