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Teil 27 der LVZ-Serie: Unbekanntes mitten in der Stadt - Innenhof Katharinenstraße/Salzgäßchen

Teil 27 der LVZ-Serie: Unbekanntes mitten in der Stadt - Innenhof Katharinenstraße/Salzgäßchen

Für ihre glanzvollen Passagen sind Städte wie Paris und Mailand weltberühmt. Doch wohl nirgendwo gibt es ein so einzigartiges, weil geschlossenes System an Passagen wie in Leipzig.

Leipzig. Das Flair der Innenstadt wird maßgeblich durch diese Besonderheit städtischer Architektur geprägt. Bemerkenswert dabei sind die verschiedenen historischen Formen, die erhalten geblieben sind. In einer Serie sollen in unregelmäßigen Abständen die wichtigsten vorgestellt werden. Heute: der öffentliche Innenhof am Wohnblock Katharinen-/Reichsstraße/Salzgäßchen.

Hier soll ein Durchgangshof sein? Wo geht’s rein, wo wieder raus? Eigentlich ganz einfach: Man muss nur die richtigen Seiten entdecken. Aber die meisten laufen an ihnen vorbei. Kein Wunder: Bei all dem Trubel ringsum. Gehen sie doch irgendwo hinein, dann in eines der vielen Restaurants, Geschäfte und Cafés am Karree. Eines der bekanntesten hat es sogar unter Denkmalschutz geschafft. Genau genommen nur der kleine Vogel an der Fassade - gerade mal ein paar Jahrzehnte alt und schon eine Leipziger Legende.

Mit dem gefiederten Kältespezialisten verbinden Liebhaber damals wie heute leckeres Eis und nette Treffs. Die Leuchtreklame der Pinguin-Milchbar in der Katharinenstraße dokumentiere DDR-Werbegeschichte, würdigen sächsische Denkmalpfleger das Logo. Also hinein in das 50 Jahre junge Restaurant; um alsbald auf der anderen Seite wieder herauszukommen: Direkt im Innenhof des Wohnkarrees zwischen der Katharinen- und Reichsstraße. Was fällt als erstes in den Blick? Die großen torähnlichen Durchgänge, die das Salzgäßchen und sein Gegenüber verbinden.

Wie konnte man die bloß übersehen! „Unser Hof ist ein bisschen unbeachtet. Viele nehmen den Block nur als geschlossenen Bau wahr", meint eine Mieterin. Wie es sich mitten in der Stadt wohnt? Leise sei es zwar nicht immer, aber auch nicht langweilig, findet die ältere Dame, die schon jahrelang in einer der zahlreichen Einzimmerwohnungen lebt. Dass der großzügige Innenhof öffentlich ist, sei wohl auch den meisten Leipzigern unbekannt; nur wenige gehen hindurch. Dabei ist er nicht nur eine Abkürzung, sondern auch eine Entdeckung wert: Zum Näherkommen lädt ein kleiner Brunnen. Ganz in sich selbst versunken tanzen drei Kinder einen Reigen; entworfen wurde die Bronzeplastik von den Bildhauerinnen Elfriede Ducke und Hanna Studnitzka. Die 1964 aufgestellte Anlage steht ebenfalls unter Denkmalschutz.

Doch Leipziger Baugeschichte hat der gesamte Wohnblock an der Katharinenstraße 2-4 und der Reichsstraße 11-13 geschrieben. Mehr darüber ist in dem Buch „Eine Wohnung für alle" zu erfahren, dass von der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) sowie Pro Leipzig herausgegeben wurde. Von den Anfängen bis zur Gegenwart ist in dem Band die Geschichte des kommunalen Wohnungsbaus und sein stadtplanerischer und sozialer Kontext dokumentiert. Gleich mehrere Abschnitte sind dem Block im Bereich Katharinenstraße/Salzgäßchen/Reichsstraße gewidmet, „wo zwischen 1961 und 1964 die innerstädtische Aufbauplanung begann. Nach Plänen von Rudolf Rohrer, Heinrich Göller und Klaus Poller entstand der um einen geräumigen Durchgangshof gruppierte Neubaukomplex".

Neben der Milchbar Pinguin im Erdgeschoss werden sich manche noch an die Verkaufsstelle von „Kunst der Zeit" oder den Exquisit für Damen und Herren" erinnern. Den „hohen Aufwand bei der Fassadengestaltung des vierseitigen Baus mit Sandsteinverkleidung und Mosaikfeldern in den Fensterbrüstungen", hebt Denkmalpfleger Stefan W. Krieg hervor. Dabei knüpfe der Komplex - heute im Bestand der LWB - an die Roßplatzbebauung an. Deutlich moderner sei aber die Formensprache mit ihrer freigestalteten Blockform, dem völligem Verzicht auf Historisches sowie den Rasterungen in unterschiedlichen Rhythmen. „Die platzartige Aufweitung zwischen dem Bau und dem Alten Rathaus sollte die gewollte Großzügigkeit widerspiegeln und gleichzeitig den Blick auf den Deutrichs Hof freigeben", ergänzt Thomas Nabert in dem Band. Dass dieser Renaissancebau 1968 abgebrochen wurde, obwohl der Gebäudeteil in der Reichsstraße 8 im Zweiten Weltkrieg nur teilweise beschädigt wurde, wird von Kennern des historischen Leipzigs immer noch als Verlust empfunden.

Deutrichs Hof war längst nicht der einzige Durchgangshof im Umkreis von Markt, Reichs- und Katharinenstraße. Kochs Hof, das größte Bürgerhaus des Leipziger Barock (Reichsstaße 15, Markt 3), muss ein wahrer Palast gewesen sein. Als „ein multifunktionales Wohn-, Wirtschafts-, Repräsentations- und Handelshaus", beschreibt es Wolfgang Hocquél: „Im Erdgeschoss befanden sich an breiten Straßenfronten Läden und in den Höfen Messegewölbe." Das Gebäude wurde ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Leipzig - die Stadt der Durchgangshöfe und Passagen: Haben sich die Architekten des modernen Wohnblocks an der Katharinenstraße von dieser Bautradition inspirieren lassen? Haben sie deshalb den großzügigen Hof gestaltet. Gab es an gleicher Stelle einen Vorgängerbau? Wie sah er aus? Wer Antworten sucht, findet eine kleine Gedenktafel - gestiftet von der Stadt Leipzig und der Republik Griechenland: „In der Katharinenstraße 4 stand bis zur Zerstörung am 4.12.1943 das Griechenhaus. Jahrhunderte Treffpunkt der Kaufleute, Gelehrten und Studenten vom Balkan und Mittelpunkt der griechischen Gemeinde zum Hl. Georg in Leipzig. Hier fanden um das Jahr 1700 die ersten griechisch-orthodoxen Gottesdienste in Deutschland statt."

Interessant war das Griechenhaus auch architektonisch: Galten die Holzgalerien in seinem Hof doch als bekanntestes Zeugnis für diese Bauweise in der zweiten Hälfte 17. Jahrhunderts, als sich viele Häuser mit Galerien schmückten. Unverwechselbar machen Leipzig seine Durchgangshäuser und Passagen. Wer kennt schon all ihre Geschichten, die Schönheiten ihrer Baukunst? Also auf zur Erkundungsreise: Die startet man am besten im Durchgangshof mitten in der Stadt - zuvor noch einen Kaffee in der Milchbar - und schon ist man fit für die Tour.

Zahlen & Fakten:

Gebäudetyp: Durchgangshof

Zustand: Saniert

Erbaut: 1961 bis 1964

Umbaute Fläche des Innenhofs: 1800 Quadratmeter

Adressen: Katharinenstraße/Reichsstraße

Lage: Katharinenstraße 2-4; Reichsstraße 11-13 Nutzung:

Wohnungen, Einzelhandel (2 Geschäfte), Gastronomie (6), Büros (LWB City-Kiosk, Stadtbüro Leipzig)

Zugänge: 2 (Salzgäßchen, Katharinenstraße/Böttchergäßchen)

Aufzüge: ja

Verbindung zu anderer Passage: nein

In der Serie erschienen bisher:

1 Mädler-Passage

2 Strohsack-Passage

3 Brühl-Arkaden

4 Oelßners Hof

5 Großer Joachimsthal

6 Petersbogen

7 Blauer Hecht

8 Handwerkerpassage

9 Altes Rathaus

10 Kretschmann’s Hof

11 Speck’s Hof

12 Steibs Hof

13 Theaterpassage

14 Städtisches Kaufhaus

15 Hansa-Haus

16 Marktgalerie

17 Bauwens-Haus

18 Jägerhof-Passage

19 Messehofpassage

20 Königshaus-Passage

21 König-Albert-Haus

22 Kleines Joachimsthal

23 Stentzlers Hof

24 Handelshof

25 Ritterpassage

26 Höfe am Brühl

27 Innenhof Katharinen-/Reichsstraße/Salzgäßchen

Der Innenhof Katharinen-/Reichsstraße/Salzgäßchen gehört zu den eher unbekannten Plätzen in der Leipziger City. Foto: Volkmar Heinz

Ingrid Hildebrandt

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