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Sicherheit Leipzig Mit Leipziger Müllfahrern auf Tour: Ständiger Blick in drei Spiegel
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13:21 09.11.2018
Mit dem Müllfahrzeug unterwegs in Leipzig - da ist viel Aufmerksamkeit gefragt. Quelle: André Kempner
Leipzig

Mit dieser grandiosen Rundumsicht in der Fahrerkabine des Niederflur-Müllwagens könnte man sich noch etwas mit Stadtrundfahrten hinzuverdienen, scherzen wir bei der Ausfahrt vom Betriebshof der Stadtreinigung Leipzig. Doch schon der erste flüchtige Blick in die Außenspiegel verrät: Bei den neuralgischen Sichtpunkten ist der Spaß vorbei und permanente Konzentration gefordert. Die Tour mit einem Müllwagen verdeutlicht nicht nur dieses Problem.

Mario Müller (56) fährt seit 22 Jahren Müllwagen und hält kurz mit seinem Mercedes-Modell vor einem älteren MAN. Verglichen mit den Niederflurfahrzeugen saß der Fahrer da noch so hoch wie auf einem Jägersitz. „Heute haben wir die Busfahrer-Optik und sitzen nicht höher als in einem SUV“, beschreibt der erfahrene Wagenlenker die Sichtvorteile. Außerdem klappen die Türen auf wie in einem Linienbus. Das hat den Vorteil, dass der Müllwagen auch eng neben einem geparkten Auto halten kann. Lader Jörg Kösters (37) kann aussteigen, ohne Auto-Außenspiegel mit einer Schwenktür abzurasieren.

Die LVZ auf Reportage-Fahrt in einem Müllwagen: Ständiger Blick in drei Spiegel und rückwärts mit Zentimeterabstand.

Es ist noch stockduster, als wir in Richtung Lindenthal fahren, um dort Biotonnen zu leeren. Mein Blick fällt auf die drei Spiegel an der rechten Fahrzeugseite, auf die es besonders ankommt. Der lange Hochkant-Außenspiegel entspricht der Sicht, die jeder Autofahrer kennt. Ein quadratischer Spiegel darüber zeigt eine Weitwinkelansicht von der hinteren Lastwagenseite bis tief hinein in die rückwärtige Straße. Der dritte Spiegel ist in waagerechter Neigung über der Tür angebracht und erfasst die komplette Seite des Müllwagens. Dieser Rampenspiegel liefert den entscheidenden Blick beim Rechtsabbiegen, ist eine Art spiegelverkehrter Schulterblick für die rechte Seite.

„Verzerrt alles ganz schön“, finde ich. Mario Müller antwortet: „Stimmt, aber man gewöhnt sich schnell daran.“ Mir fällt auf, dass die rechte Müllwagenseite selbst an diesem noch dunklen Morgen taghell erleuchtet ist. „Wir haben rechts über den Hinterreifen eine starke LED-Leuchte einbauen lassen, damit ich die Wagenseite schnell erfassen kann“, sagt Mario Müller. Die Sicht ist sogar besser als im Display der Rückfrontkamera, die dem Fahrer gut beleuchtet zeigt, wie der Kollege an der Ladevorrichtung arbeitet.

Und trotzdem passiert das, was auch Autofahrer in eng bebauten Straßen immer wieder erleben: In der Lindenthaler Hauptstraße, in der Jörg Kösters die ersten Biotonnen zum Wagen rollt, saust plötzlich ein Radfahrer am Müllwagen vorbei. Ich hatte meinen Blick von Spiegel zu Spiegel wandern lassen und meinen Kopf gerade einmal für drei Sekunden zu Mario Müller geneigt – das hat für den Überraschungsmoment gereicht. Allerdings hätte der LKW-Fahrer in der Situation grundsätzlich schlechte Karten gehabt – der Radfahrer war ohne Licht unterwegs.

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„Ich habe noch keine schlimme Situation erlebt“, sagt Mario Müller, der wenig später in der Pitschkestraße von mir tiefsten Respekt erntet. Schmale Straße, links und rechts geparkte Autos, und er fährt trotzdem relativ zügig mit einem Abstand von zum Teil nur einem Zentimeter an ihnen vorbei – rückwärts versteht sich, wir reden ja über einen Profi am Lenkrad. Und dem sieht man die Konzentration an der leicht gekräuselten Stirn an. „Wir können nicht rumtranen, müssen ständig auf der Hut sein“, spricht Mario Müller auch für seine Kollegen, „denn in solchen Wegen schießen gern mal Fahrräder oder Autos aus einer Querstraße.“

„Ich bin ständig beim Ringsrumgucken“, sagt Mario Müller, „denn Fahrradfahrer mogeln sich gern mal durch. Die fahren wirklich überall.“ Jörg Kösters bestätigt: „Ich bin ja selbst auch Radfahrer. Aber tatsächlich ist es so, dass ich als Lader eher darauf aufpassen muss, dass mich ein Radfahrer nicht umfährt als ich ihn. Die vergessen manchmal, dass hinter dem Lastwagen gearbeitet wird.“ Daher ist er besonders auf der Hut, wenn er aus zweiter Reihe Tonnen zum Fahrzeug rollen muss. Assistenzsysteme seien daher sicherlich hilfreich, aber auch keine hundertprozentig sichere Lösung.

Alle sind sich einig, dass sich die Unfallthematik Rechtsabbiegen nur so lösen lässt: „Alle müssen Rücksicht aufeinander nehmen, sich in Geduld üben und vorausschauend fahren“, sagt Mario Müller. Kurz vor der Pause wird sein Wunsch erfüllt: Ein Busfahrer wartet geduldig am Ende der Karl-Mannsfeld-Straße, bis die letzte Biotonne entleert ist. An der folgenden Gabelkreuzung setzt ein Autofahrer zurück, um dem Müllfahrzeug Platz zu machen. Der Lohn von allen für alle: freundliches Nicken, Lächeln und ein Gruß per Hand.

Mario Müller und Jörg Kösters haben Fahrradfahrer nicht als Feindbilder aufgebaut. Radfahrer Kösters hat mit Müller sogar einen Motorradfahrer am Lenkrad, der noch mehr Perspektiven kennt. Ihren Wunsch dürfte jeder Berufskraftfahrer, der Breites durch Enges bewegen muss, aber unterstreichen: „Radfahrer sollten mehr aufpassen und sich mal hinten anstellen.“

Von Stefan Michaelis

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