Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Sachen im Advent
Google+ Instagram YouTube
Plagiatalarm im Weihnachtsgottesdienst

Plagiatalarm im Weihnachtsgottesdienst

Überfüllte Kirchen mit Menschen aller Altersklassen gibt es vor allem an Weihnachten. Doch für viele Pfarrerinnen und Pfarrer ist die davor liegende Adventszeit purer Stress.

Voriger Artikel
Grell und hell: Amerikaner lieben ihr Christmas-Lichtermeer
Nächster Artikel
Ausgefallene Räucherhäuser zur Weihnachtszeit im Trend: Plattenbau und Olaf Schubert

In der besinnlichen Adventszeit arbeiten Pfarrer auf Hochtouren. Denn die Weihnachtsgottesdienste und Predigten müssen vorbereitet werden. Abschreiben bei Priester-Kollegen ist bedingt erlaubt.

Quelle: dpa

Heidelberg. Denn zum Alltagsgeschäft kommt dann noch die Vorbereitung der Festtagsgottesdienste: Vor allem müssen die Predigten verfasst werden, die dem großen Publikum dann vorgetragen werden. Eine Mischung aus religiöser Orientierung, Ernsthaftigkeit und einer Brise Unterhaltung - am besten komprimiert auf zehn Minuten - ist gefragt. Und Abschreiben nur bedingt erlaubt.

„Ich beginne immer frühzeitig, das jeweilige Thema mit mir herumzutragen und fange an, mir Notizen zu machen“, sagt der evangelische Pfarrer Maximilian Heßlein von der Heidelberger Christuskirche. Neue Impulse sucht er in Bibelkommentaren, dem griechischen Urtext, Predigtportalen und vor allem im Gespräch mit seiner Familie und Freunden. „Manchmal sitze ich am Schreibtisch aber auch nur herum und fange an, Zeitung zu lesen, wenn ich nicht weiterkomme“, erzählt der 41 Jahre alte Theologe, der für seine geistreichen Kanzelreden bekannt ist.

„Wenn sich Kollegen komplett aus Vorlagen wie den Predigt-Portalen im Internet bedienen, vergeben sie sich etwas für ihr eigenes Leben. Ich möchte nicht auf die Selbstreflexion und das Grübeln verzichten, wenn mir zuerst nichts Gescheites einfällt“, sagt Heßlein. In der katholischen und evangelischen Kirche gab es in den vergangenen Monaten eine intensive Debatte, wann es sich beim Einsatz von Predigt-Vorlagen um Plagiate handelt.

Der Leiter des katholischen Priesterseminars in Freiburg, Michael Gerber, betont: „Printmedien und Internet bieten eine Vielzahl vorformulierter Predigten. Sie sind aber nicht dazu da, wortwörtlich übernommen zu werden. Vielmehr sollen sie Gedankenanstöße bieten.“

Der evangelische Prälat Traugott Schächtele aus Schwetzingen hält die Bearbeitung von fremden Texten grundsätzlich für unbedenklich. „Predigt-Vorlagen gibt es schon seit Luther. Eine Verwendung von Textelementen ist in der Gattung Predigt durchaus erlaubt“, sagt Schächtele, der den Gottesdienst als ästhetisches Gesamtkunstwerk sieht. Seine eigenen Predigten veröffentlicht er kontinuierlich auf seiner Internetseite, wo er wie in einer wissenschaftlichen Arbeit auch die Quellen angibt.

„In der Predigt gibt es kein Copyright. Nicht zu tolerieren ist aber, wenn man sich im Gemeindebrief oder Internet mit fremden Federn schmückt“, stellt der Prälat klar. Er rät Pfarrerinnen und Pfarrern, sich vor dem Dezember mit anderen Priestern eine Woche zurückzuziehen und in Ruhe an den Predigten zu arbeiten.

Ein „Opfer“ religiöser Plagiate ist der fränkische Dorf- und Radiopfarrer Alexander Seidel aus Wilhelmsdorf bei Nürnberg. Die populären Predigten des 44 Jahre alten Protestanten werden deutschlandweit als Anregung in vielfältiger Weise genutzt. Schon öfters fand der Pfarrer seine Texte ohne Veränderungen auf den Websites von Kirchengemeinden unter dem Namen eines Kollegen.

„Einerseits freut es mich, wenn meine Arbeit gut ankommt. Andererseits habe ich ein Problem damit, wenn andere die Ergebnisse meiner geistigen Schmerzen spazieren führen“, sagt Seidel. Deshalb hat er sich angewöhnt, seine „Plagiateure“ anzuschreiben und freundlich auf die Übereinstimmungen aufmerksam zu machen. Er hat schon einige Reaktionen von Kollegen bekommen, die sich bei ihm entschuldigt haben.

Christian Jung, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Bräuche & Riten