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UKL aktuell Neuer Test könnte Brustkrebs-Patientinnen die Chemotherapie ersparen
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15:37 27.06.2018
Dank eines neuen Gentests könnte bei Tausenden Frauen in Deutschland mit Brustkrebs im Frühstadium auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Quelle: dpa

Bei Tausenden Frauen in Deutschland mit Brustkrebs im Frühstadium könnte auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Das zeigt eine große Studie, die vor wenigen Tagen auf der Tagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago vorgestellt wurde.

Sie sagt aus: Ein einfacher Test des Gencodes der Tumorzellen kann bei einer bestimmten Patientengruppe das Rückfallrisiko vorhersagen. Ist das Risiko nicht groß, müssten sich die Frauen keiner Chemotherapie unterziehen.

Prof. Bahriye Aktas, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde am Universitätsklinikum Leipzig. Quelle: Stefan Straube

Über diese Studie berichtete jetzt Prof. Dr. Bahriye Aktas, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde am Universitätsklinikum Leipzig, auf der Veranstaltung „Post-Chicago-Compact“ vom Universitären Krebszentrum Leipzig (UCCL), dem Tumorzentrum am Universitätsklinikum Leipzig und dem Klinischen Krebsregister Leipzig (KKRL).

Die Veranstaltung in Leipzig findet traditionell kurz nach der ASCO-Tagung, dem weltweit führenden Onkologie-Kongress, statt. Im Zehn-Minuten-Takt erläutern dabei Leipziger Krebsexperten, die den Kongress in Chicago besuchten, die neuesten Erkenntnisse. Auch Prof. Aktas hatte am ASCO-Kongress teilgenommen.

Gentest heißt "Oncotype DX"

„Die Studie hat weitreichende Bedeutung“, so Prof. Aktas. „Denn nunmehr werden bei Frauen, die eine Brustkrebs-Diagnose im Frühstadium erhalten und klinisch keine klare Entscheidung getroffen werden kann, ob sie eine Chemotherapie brauchen oder nicht, durch den Gentest ,Oncotype DX‘ tatsächlich die Behandlungsoptionen sicherer. Wir müssen aus dieser Gruppe nur noch derjenigen eine Chemotherapie empfehlen, die ein relevant erhöhtes Rückfall-Risiko aufweist.“

Manchmal genügt Hormontherapie

Der Gentest berechnet auf der Basis der Aktivität von 21 Tumor-Genen das künftige Rückfall-Risiko. Anhand eines Zahlenwertes entscheiden die Ärzte dann: Bei einem sehr geringen Risiko reicht eine Hormontherapie. Besteht ein hohes Rückfall-Risiko, ist eine Chemotherapie unerlässlich.

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Allerdings hat die größte Patientengruppe Werte in einem Zwischenbereich, für den es bisher keine gesicherten Erkenntnisse gab. Sicherheitshalber rieten Ärzte dann auch diesen Patientinnen zu einer Chemotherapie. Nun steht aber fest: Auch die Frauen in der mittleren Risikogruppe können jetzt nur mit der Hormontherapie behandelt werden und brauchen keine Chemotherapie.

Krankenkassen zahlen Test noch nicht

„Vorsicht ist geboten bei Patientinnen unter 50 Jahren, die offenbar auch bei mittlerem Risikoscore von einer Chemotherapie profitieren könnten“, sagt Prof. Aktas. „Für Frauen über 50 Jahren sind die Ergebnisse des Gentests eindeutig. Wenn es nicht ein grundsätzliches Problem gäbe: In Deutschland wird dieser Test nicht von allen Krankenkassen bezahlt. Betroffene Frauen müssten bei uns also rund 3000 Euro bezahlen, damit festgestellt werden könnte, ob sie eine Chemo brauchen oder nicht. Ich halte das für unzumutbar.“

Dr. Susanne Briest, Koordinatorin des Brustzentrums am Universitätsklinikum Leipzig. Quelle: Stefan Straube

Die Koordinatorin des Brustzentrums am Universitätsklinikum Leipzig, Dr. Susanne Briest, sieht ein moralisch-ethisches Dilemma: „Es mag ja Frauen geben, die rund 3000 Euro aus eigener Tasche in ihre Behandlung investieren können, für die meisten der bei uns behandelten Patientinnen ist das jedoch eine Zumutung. Damit stellt sich die Frage, ob ich einer Patientin einen aus medizinischer Sicht sinnvollen Test empfehlen kann, wenn ich weiß, dass sie dessen Finanzierung nicht zu leisten vermag.

Weiter sagt Dr. Briest, dass gegenwärtig am UKL-Brustzentrum eine Studie läuft, die sich ebenfalls mit der Risikoabschätzung von Brustkrebs beschäftigt. Patientinnen, die an dieser Studie teilnehmen, erhalten den Oncotype-DX-Gentest im Rahmen der Studie kostenneutral.

Dabei spart der Test auch Kosten

Auch auf der „Post-Chicago-Compact“ wurde heftig darüber diskutiert, dass die deutschen Krankenkassen den Test (noch) nicht bezahlen. Prof. Dr. Florian Lordick, Direktor des UCCL und einer der wissenschaftlichen Leiter der Veranstaltung, bezeichnete die Situation als „völlig unverständlich“. Prof. Aktas sagte, dass es nötig sei, dass die Kassen die Wertigkeit der Erkenntnisse verstünden.

„Wenn eine große Gruppe von Patientinnen auf eine Chemotherapie verzichten kann, ist das doch nicht zum Nachteil der Kassen, hier könnten viel höhere Kosten eingespart werden. Viel wichtiger ist allerdings, dass den Patientinnen die Risiken einer Chemotherapie erspart werden könnten, die nicht nur akut, sondern auch langfristig gesehen werden müssen“, sagt Prof. Aktas.

Weitere Erkenntnisse

Die Veranstaltung „Post-Chicago-Compact“ lieferte weitere medizinische Erkenntnisse:

Problem: Patienten verstehen Ärzte nicht

Dr. Gregor Weißflog von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie erläuterte in seinem Vortrag eine Untersuchung, die zeigt, wie aus der Sicht der Ärzte die Prognosemitteilung bei Patienten mit nicht heilbaren Krebserkrankungen erfolgt – und was der Patient versteht.

Die Onkologen sind mit den Gesprächen überaus zufrieden, haben ihrer Meinung nach tatsächlich vermittelt, dass eine unheilbare Krankheit besteht, und haben auch eine Einschätzung zur Überlebenszeit gemacht. Die Patienten aber können beispielsweise nur zu 57 Prozent die vermittelten Inhalte wiedergeben.

Studierende lernen verständliche Kommunikation

„Wir wissen um die Probleme, die in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient auftreten können. Deshalb werden in Leipzig bereits die Medizinstudenten unterrichtet, wie man verständlich mit dem Patienten redet und auch, wie man prognostische Informationen vermittelt“, so Dr. Weißflog. „Prozentzahlen werden oft nicht verstanden. Auch was es heißt, wenn zwei von hundert betroffen sind, ist meist unklar. Wir orientieren deshalb auf absolute Zahlen und möglichst bildliche Darstellungen, also Grafiken, um das Gesagte zu unterstützen.“

Andere Therapie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs

Eine in Chicago vorgestellte europäisch-nordamerikanische Multi-Center-Studie veranlasst das Universitäre Krebszentrum Leipzig sogar, „ab sofort“ bei operiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs die Therapien umzustellen. Prof. Lordick erläuterte, dass beim Vergleich zweier Behandlungsregime die eine Methode zu einer deutlich besseren Prognose führte.

„Eine hohe Wirksamkeit hat ihren Preis: Das Mittel führt zu höheren Belastungen beim Patienten, bringt aber beim erkrankungsfreien Überleben einen Zugewinn von fast 20 Prozent und beim Gesamtüberleben von rund 15 Prozent drei Jahre nach der Operation“, so der Leipziger Krebsexperte. „Patienten, die das Behandlungsregime vertragen können, werden ab jetzt damit behandelt. Das ist unser neuer Standard.“

Uwe Niemann

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