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Europawahl 2014 Bittere Stunde für den erfolgsverwöhnten Seehofer
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Wahlen 2014
21:52 25.05.2014
Angela Merkel, Horst Seehofer (M.) und Sigmar Gabriel wollen das Tauziehen um die Verteilung der Bildungs-Milliarden beenden. Quelle: Hannibal/Archiv
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München

Und ebenfalls erstmals seit Menschengedenken hat die CSU mit ihren dramatischen Absturz von 48 auf 40 Prozent das deutschlandweite Unionsergebnis nach unten gezogen - und nicht wie üblich verbessert.

„Das ist eine bittere Stunde und auch eine Niederlage für einen persönlich“, gesteht Seehofer bei der CSU-Wahlparty in München. Seehofer ist der Erfinder der „Koalition mit dem Bürger“, sein Instinkt für die Stimmung in der Bevölkerung war bislang das Fundament seiner Autorität in der CSU. Eine beträchtliche Zahl bayerischer Bürger droht Seehofer bei der Europawahl offensichtlich mit dem Koalitionsbruch. Seehofers Instinkt war dieses Mal unzuverlässig: „Wir sind alle enttäuscht, weil wir im Wahlkampf nicht das geringste Anzeichen für diesen Einbruch registrieren konnten.“

Den ersten Hochrechnungen zufolge war die Wahlbeteiligung in Bayern mehrere Prozentpunkte niedriger als im Bundesdurchschnitt. offensichtlich blieben viele CSU-Anhänger einfach daheim, so dass die CSU etwa acht Prozentpunkte verlor. „Wir müssen uns fragen, wo die sieben bis acht Prozent geblieben sind“, sinniert Seehofer. Wenn man sieben oder acht Prozent verliere, „dann muss irgendwo ein Fehler passiert sein“. Die Parteifreunde beginnen mit der Fehlersuche bereits am Sonntagabend - ein erster Vorgeschmack auf die unerfreulichen Tage, die Seehofer bevorstehen. Die CSU-Politiker bei der Wahlparty nennen ganz verschiedene Gründe für das Debakel - aber einige zeigen ziemlich deutlich auf Seehofers Wahlkampfstrategie des „Ja, aber“: ein flammendes Grundsatzbekenntnis zu Europa verbunden mit schneidenden Attacken auf die EU-Kommission. Damit wollte Seehofer am rechten Rand die Alternative für Deutschland neutralisieren.

Das hat offensichtlich nicht funktioniert, denn die AfD schnitt ohne bayerische Kandidaten in Bayern sogar etwas besser ab als im Bund. Die CSU-Wahlkampagne hätte proeuropäischer sein sollen, moniert der Münchner Europaabgeordnete Bernd Posselt, der vermutlich seinen Sitz verloren hat. „Die AfD an Kritik übertreffen zu wollen, das bringt nichts.“ Noch deutlicher formuliert es Max Straubinger, der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag: „Kein klarer Kurs der CSU im Wahlkampf“, kritisiert er. Auf der einen Seite proeuropäische Bekenntnisse, auf der anderen Seite ein Europa-Kritiker wie Parteivize Peter Gauweiler. „Da wird der Spagat dann zu groß.“ Die Spagat-Theorie findet am Wahlabend bereits mehrere Anhänger. „Wir müssen darüber nachdenken, ob die sehr europakritische Haltung nicht Wasser auf die Mühlen der Gegner war“, sagt der frühere Parteichef Erwin Huber und spricht von einer „Katastrophe“.

Andererseits gibt es CSU-Politiker, die glauben, dass ein Ignorieren der AfD ein noch schlechteres CSU-Ergebnis zur Folge gehabt hätte: „Wenn man gar nichts gemacht hätte, hätten die vielleicht noch mehr“, sagt die oberbayerische CSU-Bezirksvorsitzende Ilse Aigner.   Vielen CSU-lern fällt eine Besonderheit auf: Nur das CSU-Wahlergebnis ist besonders. Alle anderen Parteien bewegen sich im Bundestrend und im Rahmen der Erwartungen. Insofern ist es Seehofer, der nach dieser Europawahl den größten Erklärungsbedarf hat.

Carsten Hoefer

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