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WGT News Frühes Scheppern am Agra-Park
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WGT
18:56 17.05.2018
Noch sind die Tore verschlossen: Andrang der Wave-Gotik-Besucher Donnerstagvormittag vor dem Agra-Messepark. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

 224 Bands und Solo-Künstler werden ab Freitag zum 27. Wave-Gotik-Treffen erwartet. Die Gruppe Blechschaden, ein Bläserensemble aus München, gehört nicht dazu. Aber mit Blechschaden hat die größte Versammlung der Schwarzen Szene in Europa am späten Mittwochnachmittag trotzdem begonnen, inoffiziell jedenfalls: 18 Stunden vor der angekündigten Öffnung des Agra-Messe­parks, wo bis Pfingstmontag die Hälfte der 20 000 erwarteten WGT-Besucher das Epizentrum des Festivals bilden, hat es gleich mal gescheppert. Kurz nachdem die Ordnungskräfte einen Parkplatz vor dem Zeltgelände freigegeben hatten.

Ein schlechtes Omen? „Iwo“, sagt Jimmy Ege, der den Unfall beobachtet hat. „Von so etwas lassen wir uns die Parkplatz-Party nicht versauen.“ 1994 besuchte der 43-Jährige aus Tuttlingen erstmals das Treffen, das damals mit 16 Bands und vielleicht 3000 Besuchern noch ein paar Nummern kleiner war. Seit einigen Jahren gehört es für Ege zum Ritual, spätestens Mittwochabend Leipzig zu erreichen. „Zum Pizzaessen“, erklärt Dominik Pacyga. Der 29-Jährige aus Unterfranken gehört ebenso wie Ege zu einer Gruppe aus zwei Hand voll Leuten, die sich hier irgendwann kennengelernt haben und seit gut zehn Jahren zum gemeinsamen Besuch verabreden.

Mehr als 200 Bands und Einzelkünstler werden beim diesjährigen Wave-Gotik-Treffen in Leipzig erwartet. Obwohl die Bühnen erst am Freitag öffnen, reisen viele Fans schon am Donnerstag an. Unser Fotograf Dirk Knofe hat sich auf dem Festivalgelände auf der AGRA umgeschaut.

Sie sind damit bei Weitem nicht allein. Um drei Uhr am sehr frühen Donnerstagmorgen haben die Ordner einen Kleinbus aus dem Elsass als letztes Fahrzeug auf den Parkplatz gelassen. Am Vormittag werden sich daraufhin hunderte Autos die Bornaische Straße entlang schlängeln. Bis die Polizei das WGT-Personal kurz vor elf schließlich bittet, den Zeltplatz eine Stunde früher als geplant freizugeben, um den Verkehr zu entlasten.

„Die Zusammenkunft hier auf dem Schotter gehört mindestens so sehr zum Treffen wie die Konzerte“, sagt Ralph Wentz, ein Biberacher, 51 Jahre alt. Seine Frau, die 49-jährige Mechthild Wentz, erklärt, dass ihre zwei Söhne ein mathematisches Kunststück vollbringen: Der zehnjährige Attila ist zum elften Mal beim WGT, für den achtjährigen Wodan ist es der neunte Besuch. Die Schwarze Szene kümmert sich selbst darum, dass dem Treffen über all die Jahre nicht die Besucher ausgehen. Die „Treffen & Festspielgesellschaft“ betreibt längst einen WGT-Kindergarten.

Vielsagende Geschlechtsmuster

„In Großbritannien ist das nicht so“, knurrt Mathew Thompson. Sein Tochter, sagt der 46-jährige Betreiber eines Mittelaltergeschäfts in der Grafschaft Yorkshire mit gespielter Empörung, „steht auf quietschbuntes Manga“. Melanie Metcalfe-Thompson, 45, pflichtet ihrem Gatten bei: „In England ist die Schwarze Szene völlig im Untergrund verschwunden.“ Wann immer es geht, verbringen die Eheleute daher Pfingsten in Leipzig. „Hier spielen Bands, die nie zu uns auf die Insel kommen“, sagt Thompson.

Um am Dienstag rechtzeitig ihre Fähre zu erreichen, brauchen die Thompsons eine Standfläche, von der sie dann leicht wegkommen, erklären sie. Doch auch die meisten anderen Camper zieht nicht allein besagte Parkplatz-Party so früh hierher: Es geht um die perfekte Stelle fürs Zelt. „Nahe an den Wassertrögen und nicht weit vom Ausgang“, erläutert die 23-jährige Chemnitzerin Ellen Richter. In der Regel folgt die Strategie, den bevorzugten Ort zu erobern, einem vielsagenden Geschlechtsmuster: Vor dem Fußgängertor zum Agra-Gelände warten die Frauen auf Öffnung, um möglichst schnell die favorisierte Fläche zu markieren. Die dazugehörigen Männer fahren derweil das Auto zur Einfahrt.

Zum wievielten Mal sie das jetzt so machen? Ellen Richter blickt auf ihr Handgelenk: vier WGT-Bändchen, das fünfte kommt in den nächsten Stunden dazu. Ihr Begleiter Thomas Engelmann, 31, freut sich aufs siebte Armband und zeigt stolz eine weitere Trophäe aus früheren Jahren: Mit dem Mobiltelefon hat er die Abendnachrichten eines Privatsenders abfotografiert. Vorne die Sprecherin, dahinter ein großes Foto von ihm hinter einen schwarzen Maske.

Von der Bedeutung des WGT als Kostümfestival ist allerdings noch nicht viel zu sehen. Die Verkleidungen stecken noch in Rucksäcken und Koffern. Für die Darmstädterin Patricia Helfert ist es die Mischung, die das Leipziger Treffen so besonders macht: „Aus Konzerten und der sonstigen Gothic-Kultur, für die auf anderen Festivals kaum Platz ist.“ In ihrer Heimatstadt ist es einfach Gleichgesinnte zu erkennen: Das Autonummernschild beginnt mit „DA-RK“. Allein drei davon finden sich in der Agra-Schlange.

„Das Ambiente und die Tatsache, dass das Festival die ganze Stadt einnimmt“, so begründet der 52-jährige Belgier Philippe Colson, warum er bereits seit zwölf Jahren zu Pfingsten nach Leipzig pilgert. 21 Uhr ist er mit seiner Frau Eva Lazard am Mittwoch in Lüttich losgefahren. Sie haben sogar zwei Novizen mitgebracht: Gabrielle und Martin Adam sind zum ersten Mal beim WGT. „Spaß, Spaß, Spaß“ sei ihr Ziel, jubelt die 27-jährige Gabrielle. Sie wollen es krachen lassen – womit auch geklärt ist, dass es irgendwie passt, wenn es gleich zu Beginn des Wave-Gotik-Treffens ordentlich gescheppert hat.

Von Mathias Wöbking

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