Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
WGT News Jungfrauenversteigerung beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig
Thema Specials Wave Gotik Treffen WGT News Jungfrauenversteigerung beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
WGT
16:24 21.05.2018
Sklavenhändler mit Sklavin: Mar Dietrichson und die Leipzigerin Christina im Heidnischen Dorf. Quelle: Dirk Knofe
Anzeige
Leipzig

 Das Mittelalter muss herrlich gewesen sein. Der süße Duft von Met vermischt sich mit Aromen frisch aufgebrühten Mokkas und den ätherischen Essenzen aus einer öffentlichen Badewanne. Zum Mittag eine Hexenpfanne und als Nachtisch schwarzes Eis in schwarzer Waffel, mit Kohle gefärbt. Schnell noch zur Wahrsagerin, die für 1,50 Taler den weiteren Verlauf des Tages orakelt. Und wenn die Karten Verheißungsvolles versprechen, warum dann nicht die eine oder andere Goldrandmünze in eine Jungfrau oder einen Jungmann investieren, der zu Gebote steht?

So war es also anscheinend, das Mittelalter. Jedenfalls im Heidnischen Dorf anno 2018, in dem am Torhaus Dölitz während des 27. Wave-Gotik-Treffens noch bis Pfingstmontag rund 10 000 Menschen erwartet werden. Zum Schlemmen, zum Baden, Orakeln und zur Jungfrauenversteigerung. Offenbar eine Zeitreise ins sehr frühe Mittelalter – bevor das Christentum den Heidenspaß torpedierte. „Heidenkind – ungetauft und unbeschwert“ steht auf einem zum Verkauf angebotenen Strampler, gleich daneben ein Leibchen, Größe 56/62, mit dem Aufdruck „Grandma is a Goth“. Den Kapitalismus gab es aber bereits. „Wir sind Sklavenhändler“, ruft Mar Dietrichson von der Brunnenbühne, „wir machen das wegen des Geldes!“

Im Heidnischen Dorf am Torhaus Dölitz wurden Jungfrauen versteigert und auch mal gekämpft.

Acht Jungfrauen und einen Jungmann führen die Sklavenhändler über die Wiese. „Me too“ war im ersten Jahrtausend wohl noch kein Thema. Gestern habe man nur Schrott verkauft, Second-Hand-Ware, wie sie die meisten zu Hause haben dürften, verlautbart Mar Dietrichson. „Aber heute gibt es hier erstklassiges Frischfleisch.“ Wer bietet, muss einen Euro in die Mütze eines Wikingers werfen. Die erste Jungfrau, angeblich geklaut, kurz bevor sie ihren Verlobten kennenlernen sollte, geht nach zehn Münzen an einen neuen Besitzer.

Dagegen bringt der eine Jungmann im Angebot den vermeintlichen Menschenräubern nur vier Geldstücke. Ganz anders eine augenscheinliche Vampirin, um die drei Artgenossen im Publikum konkurrieren. Beim Stand von 15 Euro wird die zwischenzeitliche Höchstbieterin zur Belohnung in den Hals gebissen. Bei 72 Euro fällt Thors Hammer.

Ein Sündenbabel im Süden von Leipzig

Marko Wehner heißt der bärtige Mann im richtigen Leben, der sich hier Mar Dietrichson nennt. An der Ostsee betreibt er eine Schmiede. Und eine Ferienwohnung. Seit 20 Jahren kommt Wehner jedes Jahr zum WGT, um seine Werke aus Eisen zu verkaufen. Und Sklaven auch. Letztere freilich nur auf freiwilliger, zeitlich und örtlich begrenzter Basis sowie mit mannigfaltiger Möglichkeit zum Freikauf. Mit dem Erlös finanziert die Händlergruppe, die die Jungfrauenversteigerungen während Europas größtem Grufti-Treffen organisiert, Fahrtkosten von Mitstreitern ohne eigenen Stand. Der Rest wird gespendet, dieses Jahr an ein Tierschutzprojekt.

Eine moderne Sitte bricht ins Mittelalter ein, als Mar Dietrichson eine junge einheimische Sklavin, Christina heißt sie, beim Gebot von zehn Goldrandtalern spontan zum Sofortkauf anbietet. Ein Dresdner namens Tobias greift zu und löhnt zusätzliche 20 Euro auf einen Schlag. Ein rentables Geschäft, wie sich herausstellen wird: Christinas Weggefährte Rocko ersteht sie später für 25 Euro zurück und trägt den zwischenzeitlichen Besitzer seiner Freundin darüber hinaus als Prämie huckepack aus dem Dorf.

Willkommen im Victorian Village in der Orangerie und dem Garten des Goliser Schlösschen!

O tempora, o mores! Ein Sündenbabel im Süden von Leipzig? Schon möglich, aber das macht nichts. Ein paar Meter weiter nimmt einem Bruder Ignatius für 15 Euro die Beichte ab, Ablassbrief inklusive. Vielleicht ist es nicht das Mittelalter, das im Heidnischen Dorf des Wave-Gotik-Treffens zum Leben erweckt wird. Aber eine faszinierende andere Welt ist es schon.

Weitere Jungfrauenversteigerungen am Sonntag und Montag jeweils gegen 15.30 Uhr im Heidnischen Dorf am Torhaus Dölitz, Eintritt mit WGT-Bändchen oder Tageskarte für 15 Euro (bis 16 Jahre 5 Euro, bis 12 Jahre frei)

Von Mathias Wöbking

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig sind Grufties schon lange nicht mehr nur unter sich. Auch die Fans von Lack, Leder oder historischen Gewändern machen munter mit. Das Dunkel lichtet sich.

21.05.2018

In mehr als einem Vierteljahrhundert Wave-Gotik-Treffen war es die erste Band aus China im Programm: Am Sonntag haben Suld im Heidnischen Dorf ihren Folk-Metal präsentiert. Kulturell angeeckt haben sie aber allenfalls ganz am Schluss des Konzerts mit einer witzigen Geste.

23.05.2018

Das Heidnische Dorf am Torhaus Dölitz lockt auch 2018 mit Wikingerlager, Rittern, Gauklern, Bogenschützen, Feuershows, Handwerk aus alten Zeiten, Lesungen, Lagerfeuer und rustikaler Gastronomie.

20.05.2018
Anzeige