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WGT News Volkspalast, Schauspielhaus, Felsenkeller: Düstermusik auf 40 Leipziger Bühnen
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WGT
17:26 21.05.2018
Ein Plätzchen im Schatten: Schwarze Konzertgänger am frühen Abend an der Heidnischen Bühne am Torhaus Dölitz. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Das Wave-Gotik-Treffen beginnt immer früher. Schon am Donnerstag zeigt sich die Stadt deutlich dunkel eingefärbt. Abends ist in der Moritzbastei kaum noch ein Durchkommen. Und das ist nur eine von vielen Aufwärm-Partys. Am Freitag ist, obwohl das Viktorianische Picknick offiziell erst um 15 Uhr beginnt, der Clara-Park schon weit vorher dicht gefüllt. „Goethes Erben“ spielen im Duo einen Geheimgig auf improvisierter Bühne und werden bejubelt, obwohl die meisten wegen der Mini-Anlage nur Bruchstücke hören.

Es wird einmal mehr ein Trend deutlich: Wo früher die opulent Gewandeten unter sich waren, sind heute mehr als die Hälfte Schaulustige unterwegs. Schön, dass immer mehr deutlich Ältere den Mut finden, sich in fantasievoller Robe zu exhibitionieren. Es entsteht ein Bild vom Treffen, das nur bedingt der Realität entspricht: Auf der Agra und den Konzerten am Abend sieht man diese Flaneure nicht mehr, die meisten gehören gar nicht zu den 21 000 Besuchern mit Eintrittsbändchen. Doch das WGT greift über die klassischen Eintrittzahler hinaus zunehmend Raum in der Stadt. Die wird trotz des vorherrschenden Schwarz bunter davon. Und die Gäste aus dem Ausland erfreuen sich staunend am weltoffenen Leipzig.

Musikalischer Auftakt für den Rezensenten am Freitag ist eine unverzichtbare Bandlegende: In der Kantine des Volkspalastes spielen Crisis, die, 1976 im englischen Guildford gegründet, zu den Speerspitzen der Punkbewegung gehörten. Für den schwarzen Innercircle ist die Band wichtig, da hier mit Tony Wakeford und Douglas Pearce zwei Zentralfiguren der britischen Neofolk-Bewegung ihre Kariere begannen. Wakeford hat die Band für ein paar Konzerte wieder ins Leben gerufen, der Club ist gut gefüllt.

Gruftis wissen Tradition zu schätzen

Doch die alten Songs, damals von wütenden, hageren Jünglingen mit wirren Haar vorgetragen, wirken an diesem Abend, intoniert von gesetzt-fülligen Herren mit durchweg altersbedingter Glatze in der Front, die sich beim Vortrag keinen Schritt bewegen, irgendwie surreal. Man muss wohl nicht alle alten Suppen wieder aufwärmen. Der Applaus ist aber sehr freundlich, Gruftis wissen Tradition zu schätzen.

Von gänzlich anderem Kaliber dann Rome in der Kuppelhalle des Volkspalastes. Der Luxemburger Jerome Reuter vermag in sparsamster Besetzung aus Akustik- und E-Gitarre, dazu kommen ein mächtiges Schlagwerk und gelegentliche Synth-Flächen, vor allem mit seiner unglaublich präsenten Stimme den imposanten Raum komplett zu füllen. Er ist eine Art Gothic-Singer/Songwriter, der immer wieder zu großem Apocalyptic-(Neo-)Folk-Hymnen findet. Er selbst nennt es Chanson Noir, es klingt atmosphärisch, eindringlich, hinreißend. Hunderte schwelgen dicht gedrängt.

Eher ruhige Töne auch am nächsten Tag im Schauspielhaus. „9 Welten“ kommen aus Leipzig, aber der Weg auf die Bretter des Hochkulturtempels ist für sie genauso weit wie für die davor auftretenden „Nytt Land“ aus dem Oblast Omsk in Sibirien. Sie nutzen ihre Chance und überzeugen mit ihrem Mix aus Dunkel-Folk und Post Rock. Ihre Lieder – seit Kurzem erst mit Gesang – kommen sanft daher, finden aber immer wieder zu atemberaubender Dichte und Intensität: Lautstarke Ovationen im vollen Haus.

Die Gitarren mit Blei ausgegossen

Zur größten Überraschung des Abends gerät „pg.lost“ im Haus Leipzig. Unglaublich, was die vier Herren aus Norrköping rein instrumental an Energie von der Rampe bringen. Die Songs sind komplex strukturiert und durchaus artifiziell, mutieren aber meist zu wollüstigen Lärmorgien und die Musiker zu enthemmten Berserkern. Unmöglich, sich dem zu entziehen, da kann man sich nur beglückt überrollen lassen.

Die Kehrseite der Treffenbeliebtheit dann am Sonntag: Eine hunderte Meter lange Schlange lässt die Lust aufs Heidnische Dorf schnell schwinden. Lieber noch einen Abstecher auf den Catwalk vor den Agra-Hallen: Am dritten Treffentag zeigen der Himmel und sofort auch die Damen ihre schönsten Seiten. Früher trugen Gruftis gern Shirts mit der Aufschrift „Sonne macht albern“ – aber in Wahrheit werden auch sie von einer gewissen Ausgelassenheit ergriffen, wenn schönes Wetter ist.

Konnte auf das Heidnische Dorf noch schweren Herzens verzichtet werden, so muss man am Abend vor dem Felsenkeller tapfer den Kampf in der Menschentraube am Eingang aufnehmen. Drinnen dann eine Ahnung, wie sich die Insassen einer Sardinenbüchse fühlen müssen, die jemand in der Sauna liegen gelassen hat. Tiamat aus Schweden belohnen Schweiß und Mühsal mit brachial-suizidaler, gänzlich hoffnungsfreier Düsternis. Die Gitarren mit Blei ausgegossen, wuchten sie Stücke ihrer ersten Alben aus den Anfangsneunzigern in die wabernde Schwüle. Meilensteine des Gothic-Metal, seinerzeit wurde erstmals die Hochzeit der Schönen mit dem Biest gewagt. Band und Publikum verausgaben sich völlig. Doch nach der Zugabe flieht alles schnell in die rettende Kühle der Nacht.

Von Lars Schmidt

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