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Zoo-Nachrichten Cheftierarzt Eulenberger: Geburt von Elefant Voi Nam fast verpasst
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Zoo Leipzig - Infos und Events: Ein Special von LVZ.de in Kooperation mit dem Zoo Leipzig
16:30 14.06.2018
Ein Foto aus dem Jahr 2004: Der damals noch kleine Elefant Voi Nam auf der Außenanlage im Zoo Leipzig. Quelle: Archiv Zoo Leipzig

Die Geburt von Voi Nam im Jahr 2002 war die erste Elefantengeburt nach 66 Jahren im Leipziger Zoo. Lange hatten wir auf ein solches Ereignis gehofft. Ich mindestens seit 1965, als ich nach meiner Zootierpflegerlehre in den Sommerferien nach dem ersten Studienjahr als Student der Veterinärmedizin im Leipziger Zoo arbeiten durfte und später auch als Doktorand im Zoo von den jahrelangen, erfolglosen Bemühungen um Elefantennachwuchs erfuhr.

Vorbereitungen für Elefanten-Schwangerschaft

Als Mitte der 80er-Jahre die junge Garde vietnamesischer Elefanten nach Leipzig kam und unter besseren Bedingungen ein neuer Anfang gewagt wurde, waren wir alle voller Hoffnung, dass einer der jungen Kühe bald in "guter Hoffnung" sein könnte. Um das zu erleben, wurde alles Denkbare unternommen: die Haltungs- und Fütterungsbedingungen wurden verbessert, dem etwas faulen Mekong gut zugeredet. Wöchentlich wurde mithilfe des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen der Hormonstatus der Kühe erfasst, damit wir zum einen wussten, wenn es den Elefantendamen danach sei und zum anderen, um rechtzeitig zu wissen, wenn es denn geklappt haben könnte.

Der ehemalige Cheftierarzt Klaus Eulenberger - hier mit einer neugeborenen Giraffe im Jahr 2008 - berichtet von seinem schönsten und bewegendsten Zoo-Moment. Foto: Zoo Leipzig

Als dann im Jahre 2001 der für Trächtigkeit sprechende Hormongehalt bei Trinh im Urin nach drei Monaten nicht mehr abfiel, war Optimismus angesagt. Aber noch konnte der Embryo ja frühzeitig absterben und das Ganze würde von vorn beginnen müssen. Das tat er aber nicht! Von Monat zu Monat nahm die Gewissheit zu, dass in Leipzig endlich wieder eine Elefantengeburt zu erwarten war. Damit aber auch die Anspannung! Es sollte ja nichts schiefgehen. Es mussten zum Teil schwierige Entscheidungen getroffen werden. Wird Trinh vorübergehend wieder angekettet? Können die anderen Kühe dabei bleiben? Wie können wir die Geburt überwachen? Denn es ist bekannt, dass Elefantenmütter nicht selten unmittelbar nach der Geburt ihr Neugeborenes töten. Wir sollten also darauf vorbereitet sein, es vor der Mutter schützen zu müssen. Möglicherweise ist der Geburtsschmerz so stark, dass sie sich an der vermeintlichen Ursache "rächen" wollen.

Fast exakt vohergesagter Geburtstermin – trotzdem fast verpasst

Die Kollegen in Hamburg und Berlin mit reichlich Erfahrungen in Elefantengeburten wurden natürlich auch um Rat gefragt. Untersuchungen von Hormonen in Blut und Milchvorstufen dienten dazu, den Geburtstermin ziemlich exakt vorherzusagen. Das gelang hervorragend, so dass Nachtwachen mit Überwachung am Monitor erst die letzten vier Tage eingerichtet werden mussten. Natürlich waren auch wir Tierärzte ständig in der Nähe und kontrollierten die angehende Mutter auf ihren Gesundheitsstatus und mit den Augen des tierlichen Geburtshelfers. Schließlich konnten Dr. Bernhard und ich auf jahrelange Erfahrungen in der Geburtshilflichen Tierklinik der Universität Leipzig zurückblicken.

Trotzdem hätte ich die Geburt fast verpasst. Am 4. April, gegen 23 Uhr, kontrollierte ich noch einmal das sogenannte Präkolostrum, das nach unseren Informationen erst unmittelbar vor der Geburt zur reifen Milch wird. Trinh erwies sich dabei als nicht kitzelig, und die Flüssigkeit hatte noch keinen wirklichen Milchcharakter. Ich meinte deshalb zu den Pflegern: "Na, das wird diese Nacht noch nichts, ich gehe jetzt nach Hause". Zum Glück war dieses nur zehn Minuten vom Zoo entfernt. Ich hatte gerade die Nachttischlampe ausgeknipst, da kam der Anruf aus dem Elefantenhaus: "Es geht los!" Ich hatte mich also getäuscht oder täuschen lassen.

Rasante Geburt am 635. Trächtigkeitstag

Als ich dort wieder ankam, konnte ich auf dem Monitor im Pflegerraum noch nichts Aufregendes entdecken; der erneute Anruf von Herrn Tempelhof wirkte dann aber schon alarmierender. Und als ich dann auf der anderen Seite des Hauses ankam, war bei Trinh schon eine deutliche, ballonartige Vorwölbung unterhalb des unruhig schlagenden Schwanzes zu erkennen. Das war gegen 3 Uhr am 635. (!) Trächtigkeitstag. Dann ging es rasant weiter: Starke Presswehen setzen ein, 3.30 Uhr wird blutiger Schleim abgesetzt und 3.40 Uhr das Kalb mit einem Schwall Fruchtwasser in die Außenwelt entlassen.

Neugeborener Voi Nam gerettet

Trinh ließ aber keinerlei Mutterfreuden erkennen, sondern attackierte das am Boden liegende glitschige Etwas äußerst heftig und lebensgefährlich. Herr Tempelhof, der eigentlich das Neugeborene in Empfang nehmen und in Sicherheit bringen sollte, hatte alle Hände voll zu tun, um Trinh an weiteren Attacken zu hindern und warf mir das zum Fixieren des Kalbes vorgesehene Seil zu. Nach ein bis zwei vergeblichen Versuchen gelang es mir schließlich, das Seil um das glitschige Hinterbein zu schlingen und den im Stallgang wartenden Kollegen zuzuwerfen. Voi Nam war gerettet. Der Zufall wollte es also, dass ich der erste war, der ihn in Empfang nehmen durfte, wie ich nun stolz berichten kann!

Trinh wurde treusorgende Mutter

Danach beruhigte sich Trinh auch wieder, "Voi" blieb aber noch separiert in der Box von Mekong, der den Rest der kalten Nacht im Freien verbringen musste, glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen. Voi Nam wurde inzwischen gemessen und gewogen, nicht als zu leicht befunden und erhielt einige Medikamente im Sinne einer Neugeborenenprophylaxe. Gegen 6 Uhr schien Trinh so beruhigt zu sein, dass wir ihren Sohn zu ihr geben konnten. Zunächst ging auch alles gut, "Voi" durfte sogar nach der Milchquelle suchen. Plötzlich, zwei Stunden später aber mussten die Pfleger noch einmal eingreifen, als bei Trinh die ebenfalls schmerzhaften Nachgeburtswehen einsetzten, die sie zu einer erneuten Attacke gegen Voi Nam veranlassten. Nachdem auch die Nachgeburt ausgestoßen worden war, entwickelte sich Trinh zu einer treusorgenden Mutter, die ihren Sohn zu einem stattlichen Elefantenbullen aufzog. Ich freue mich, dass er nach 13 Jahren "in der Fremde" wieder in Leipzig lebt und nicht "sein Herz in Heidelberg verloren hat".

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