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Leipziger Psychologin: Kinder leiden seelisch und körperlich unter dem Lockdown

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07:01 23.04.2021
Ob sie wollen oder nicht: Viele Kinder kehren am Montag ins Homeschooling zurück. Ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner wird auch an Grundschulen das Wechselmodell Pflicht. Ab 165 stoppt der Präsenzunterricht komplett.
Ob sie wollen oder nicht: Viele Kinder kehren am Montag ins Homeschooling zurück. Ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner wird auch an Grundschulen das Wechselmodell Pflicht. Ab 165 stoppt der Präsenzunterricht komplett. Quelle: IMAGO/K. Schmitt
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Leipzig

Kinder leiden im Lockdown seelisch und körperlich – so das Ergebnis zweier Leipziger Erhebungen aus dem ersten Lockdown, die jetzt veröffentlicht wurden, kurz bevor Schulen und Kindergärten in Sachsen wohl ein drittes Mal zu großen Teilen schließen. Im Rahmen der LIFE-Child-Studie, einer Längsschnitt-Untersuchung seit 2011, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin die Folgen der ersten Kontaktbeschränkungen im Frühjahr 2020 ausgewertet. Eine der Forscherinnen ist die Psychologin Tanja Poulain.

Was halten Sie davon, dass bei einer Inzidenz von 165 ein neuer Lockdown bevorsteht?

Die Infektionszahlen sind hoch, daher finde ich gut, dass die Politik handelt. Ich glaube aber, dass vor allem in den Unternehmen noch vieles möglich wäre, um Ansteckungen zu verhindern, und finde es schade, dass offenbar zuerst wieder an Kindergärten und Schulen gedacht wird. Denn aus unseren Studien kennen wir die negativen Folgen für die Heranwachsenden.

Dr. Tanja Poulain, Psychologin an der Leipziger Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin. Quelle: privat

Was haben Sie festgestellt?

Wir haben circa 700 Kinder sowohl im Jahr vor der Pandemie als auch während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 befragt und konnten die Aussagen miteinander vergleichen. Körperlich sowie psychisch fühlten sich die Kinder und Jugendlichen 2019 wesentlich wohler als 2020. Sie gaben während des Lockdowns deutlich häufiger an, traurig oder schlecht gelaunt zu sein und sich unwohl zu fühlen, wenn sie nicht wie gewohnt mit ihren Freunden in der Schule saßen, sondern allein zu Hause.

Depression und Angststörung

Welche möglichen Gefahren bringt das mit sich?

Es ist durchaus möglich, dass die Zahl der Kinder steigt, die psychologisch betreut werden müssen. Manche verfallen möglicherweise sogar in eine Depression oder entwickeln eine Angststörung, wobei das hoffentlich die Ausnahmen sind. Generell ist es aber so, dass die Pandemie nicht spurlos an den Kindern vorübergeht.

Zur Person

Tanja Poulain, 34, ist gebürtige Thüringerin. Sie studierte an der Universität Leipzig Psychologie und promovierte am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Im Rahmen der LIFE-Child-Studie forscht sie an der Medizinischen Fakultät vor allem über das Freizeitverhalten und den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen – demnächst vielleicht wieder großteils zu Hause: Sie hat selbst drei Kinder im Kita- und Schulalter.

Wie leiden die Kinder körperlich?

Sie bewegen sich im Lockdown weit weniger. Wir fragten sie, ob sie sich fit und gesund fühlen, ob sie gut rennen können, voller Energie sind. Die Antworten darauf fielen 2020 signifikant negativer aus als bei denselben Kindern im Jahr zuvor. Im Gegenzug stieg aber die Bildschirmzeit. Im Vorschul- und Grundschulalter im Durchschnitt auf ungefähr zwei Stunden pro Tag, bei den Älteren noch wesentlich mehr. Sie beschäftigten sich während des Lockdowns täglich so lange mit Computer, Smartphone & Co. wie vor der Pandemie allenfalls am Wochenende. Der Bildschirm wird zum Zufluchtsort.

Kann sich das auch biologisch im Gehirn niederschlagen?

Einige Studien legen nahe, dass eine hohe Bildschirmzeit bei kleinen Kindern die Gehirnfunktion beeinträchtigen kann. Kinder brauchen die soziale Interaktion und viel Bewegung. Sie müssen die Dinge mit allen Sinnen erkunden, um ihre Welt zu begreifen und zu verstehen.

Eingeübtes Verhalten verfestigt sich – auch nach Corona

Werden die Kontaktbeschränkungen langfristige gesundheitliche Folgen haben, womöglich über die Corona-Pandemie hinaus?

Über Langzeitfolgen lässt sich bisher nur spekulieren, denn wir stecken ja noch mitten in der Pandemie. Aber es wird wohl Kinder geben, denen es nach der Normalisierung des Schulalltags nicht automatisch wieder so gut geht wie vor der Pandemie. Wir sehen auch das Risiko, dass sich eingeübtes Verhalten verfestigt: Auch nach der Pandemie hat dann ein Kind vielleicht nur noch Lust, fernzusehen oder Computer zu spielen, sobald es zu Hause ist, und kann sich für nichts anderes mehr motivieren.

Was raten Sie den Eltern?

Dass sie Alternativen zur Bildschirmzeit bieten. Wenn das Homeschooling geschafft ist, erst mal rausgehen, sich bewegen. Die Mediennutzung könnte zum Anreiz statt zum Angebot bei Langeweile werden. Problematisch ist das natürlich für Familien, in denen die Kinder zu Hause auf sich allein gestellt sind. Zum Beispiel, weil die Eltern arbeiten.

Macht es sich die Bundespolitik zu einfach, wenn sie die Kinder nach Hause schickt?

Es ist jedenfalls bedauerlich, wenn Kindergärten und Schulen schließen, obwohl seit Ostern vor allem an den Schulen mit den verpflichtenden Selbsttests sehr gute Konzepte umgesetzt werden. Hoffentlich bleibt es wenigstens lange beim Wechselmodell und Kitas und Schulen müssen nicht wieder komplett zumachen. Denn so haben Kinder und Jugendliche wenigstens noch regelmäßig die Möglichkeit sich auszutauschen.

Von Mathias Wöbking