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Nah dran Gewalt in Familien: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie zeigen sich erst jetzt
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Gewalt in Familien in Leipzig: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie zeigen sich erst jetzt

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11:47 14.07.2021
Das Childhood-Haus Leipzig hat in diesem Jahr mehr Kinder und Jugendliche versorgt, die Opfer von sexualisierter und körperlicher Gewalt geworden sind – das hängt auch mit Corona zusammen.
Das Childhood-Haus Leipzig hat in diesem Jahr mehr Kinder und Jugendliche versorgt, die Opfer von sexualisierter und körperlicher Gewalt geworden sind – das hängt auch mit Corona zusammen. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Als Psychologin und Psychotherapeutin im Childhood-Haus Leipzig ist Petra Nickel nah dran an den Opfern dieser Gewalt. „Eine der Hauptursachen für Gewalt gegen Kinder ist eine Überforderung in den Familien. Die Belastung hat im Corona-Lockdown sicherlich noch zugenommen. Wenn dazu noch mangelnde Selbstbeherrschung und Gewaltbereitschaft kommen, bricht die Gewalt gegen Kinder in einer solchen Situation vermehrt durch“, erklärt Nickel. 

Das Childhood-Haus ist eine ambulante Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die sexualisierte und körperliche Gewalt erfahren haben. In der Einrichtung arbeiten verschiedene Professionen und Institutionen zusammen: Die betroffenen Kinder und Jugendlichen werden nicht nur medizinisch und psychologisch betreut – auch Polizei und Gericht sowie das Jugendamt werden hinzugezogen. Das soll den Kindern mehrfache Befragungen ersparen und ihnen die Untersuchungen in den kindgerecht gestalteten Räumen erleichtern.

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Im letzten Jahr haben die Fälle von häuslicher Gewalt in Sachsen zugenommen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Landeskriminalamts zeigt: Die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt ist 2020 auf 9235 gestiegen – im Jahr zuvor wurden 8890 Fälle registriert. Nach Angaben der Polizei waren 1040 der Opfer Kinder.

Erst mit den Lockerungen haben die Missbrauchsfälle zugenommen

Im Childhood-Haus macht sich dieser Anstieg der Gewalttaten gegen Kinder aber erst in diesem Jahr bemerkbar. Etwa 200 bis 250 Kinder und Jugendliche werden jährlich in der Einrichtung versorgt und betreut. Die Zahl der Fälle ist seit der Eröffnung Ende 2018 in etwa gleich geblieben – auch im Corona-Jahr 2020. „Erst jetzt mit den Lockerungen beobachten wir einen deutlichen Anstieg. 2021 ist bisher das Jahr mit den meisten Fällen“, sagt Matthias Bernhard, der als Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin im Childhood-Haus für die medizinischen Untersuchungen der Opfer verantwortlich ist.

Dr. Matthias Bernhard und Dr. Petra Nickel kümmern sich im Childhood-Haus Leipzig um Kinder und Jugendliche, die Opfer von körperlicher und sexualisierter Gewalt geworden sind. Quelle: Christian Modla

Dass es während des Lockdowns keinen massiven Anstieg der Fälle gab, erklärt Bernhard so: „Im Lockdown haben sich die Leute eher zusammengerissen – in einer Extremsituation ist das nicht ungewöhnlich. Doch jetzt mit den Lockerungen bricht vieles aus – auch die Gewalt.“ Noch sei die Pandemie nicht vorbei – im Gegenteil, einige Auswirkungen, etwa auf dem Arbeitsmarkt, würden sich erst jetzt zeigen und bei den Menschen zu großen Unsicherheiten führen.

Mehr Anfragen wegen häuslicher Gewalt

Nicht überall zeigt sich das Schlimmste erst in diesem Jahr. Beratungsangebote wie die bundesweit erreichbare Nummer gegen Kummer wurden im Corona-Lockdown stark frequentiert. Seit März 2020 sei ein deutlicher Anstieg von Anfragen verzeichnet worden, heißt es in einem Bericht des Vereins, der die kostenlose Beratung anbietet. Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern können sich hier am Telefon oder online anonym beraten lassen.


 Hilfe bei häuslicher und sexualisierter Gewalt


Ansprechpartner sind Beratungszentren, das Jugendamt, die Polizei und Kinderschutzambulanzen.

Die Opferhilfe Sachsen ist unter der Nummer (0341) 22 54 318 zu erreichen.

In Fällen von häuslicher Gewalt ist die Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking (KIS) des Frauen für Frauen e.V. unter (0341) 30 68 778 sowie der Frauennotuf unter (0341) 30 61 08 00 (Notfallnummer 24/7) zu erreichen.

Eine kostenfreie und anonyme Beratung für Kinder und Jugendliche ist die Nummer gegen Kummer unter (0800) 1110333 oder 116 111. Eltern können sich hier kostenfrei und anonym unter (0800) 1110550 beraten lassen.

Eine Übersicht über Beratungsstellen, Vereine und Institutionen der Stadt Leipzig finden Sie hier.

Im letzten Jahr haben Kinder und Jugendliche dabei vermehrt Gewalterfahrungen thematisiert. „Unsere statistischen Daten zeigen, dass sich in 2019 insgesamt 1518 Kinder und Jugendliche konkret zum Thema „Opfer häuslicher Gewalt“ an unsere Beratungsangebote gewandt haben und 1932 waren es in 2020“, sagt Sprecherin Anna Zacharias. Welche dieser Fälle gemeldet und verfolgt werden, bleibt ungewiss. Es gibt viel Gewalt, die niemandem auffällt und die in keiner Statistik erfasst wird.

Um Projekte, wie das Childhood-Haus in Leipzig zu unterstützen, sammelt die Stiftung „Leipzig hilft Kindern“ Spenden.

So können Sie helfen:

Die Stiftung „Leipzig hilft Kindern“ wurde 2009 durch die Leipziger Volkszeitung, die Stadt- und Kreissparkasse Leipzig und die VNG AG gegründet. Als weitere Mitglieder brachten sich das Gewandhaus Leipzig und die Porsche AG ein. Im Fokus stehen Bewegungs- und Sportprojekte für Kinder, Schwimmkurse und Ferienfreizeiten. Wenn Sie die Stiftung unterstützen möchten, können Sie Ihre Spende auf folgendes Konto überweisen:

Sparkasse Leipzig

IBAN:DE16860555921100902003

BIC: WELADE8LXXX

Verwendungszweck: Spende für die Stiftung „Leipzig hilft Kindern“

Von Lilly Günthner