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Mehr Matsch: ein Plädoyer für Dreckspatzen

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15:59 05.11.2020
Durch Pfützen rennen, im Matsch spielen – Kinder leben in der Natur ihre Lust am Leben aus. Quelle: magentapix/Pixabay
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Leipzig

Dreckspatzen sind eine Wucht! Kinder – frisch und fröhlich aus dem Schlammbad, aus der Pfütze, aus einer Suhle Matschepampe entstiegen – sind zum Fressen süß. Das sehen natürlich nicht alle Erwachsenen so. Dabei sind Schmutz und Dreck eine Wohltat für Seele und Immunsystem. Und für Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude, wie der Philosoph und Biologe Andreas Weber sagt. Er ist vor neun Jahren mit seiner Streitschrift „Mehr Matsch!“ bekannt geworden und macht sich seit jeher für eine Kindheit im Freien stark.

Natur ist nicht heil, aber lebendig – und damit so wie wir selbst. Durch diese Wechselwirkung kann ein Kind in der Natur seine Identität auf eine positive Weise ausbilden, also innerlich wachsen. Insofern macht die Natur seelisch gesund. Im Kontakt zu Bäumen, Wiesen und Tieren werden solche Dimensionen der eigenen humanen Identität gespiegelt, die sich nicht in Konzepten, Verhaltensprogrammen oder Gleichungen erfassen lassen, sondern die ein Kind nur erleben kann.

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Ab nach draußen – bei jedem Wetter

Wie riecht es im Wald? Wie fühlt sich ein Baumstamm an? Wie sieht ein Fink aus? Welche Herausforderung ist es, Frösche zu fangen, Baumhäuser zu bauen oder Feuer zu machen? „Die Beziehung zur natürlichen Umwelt ist neben sozialen Beziehungen elementar für die kindliche Entwicklung“, sagt die Umweltpsychologin Dr. Dörte Martens. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde in Brandenburg und systemischer Coach. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte: die Wirkung von „wilder“ Natur auf kindliche Entwicklung und Gesundheit. Dörte Martens ermuntert Eltern, auch bei schlechtem Wetter nach draußen zu gehen und Natur ausfindig zu machen, wo der Nachwuchs tun und lassen kann, was er will.

„Natur bietet eine passende Umgebung für kindliche Bedürfnisse: Auf der einen Seite haben Kinder das Bedürfnis nach Kontinuität und Sicherheit, das durch die Natur erfüllt wird. Denken wir an einen Baum im Park, der stetig bleibt, auf den wir uns verlassen können“, sagt Dörte Martens. Auf der anderen Seite haben Kinder das Bedürfnis nach Neuem und Veränderung. „Auch hier bietet der Baum im Park etwas. Er kann je nach Wetter, Licht oder Jahreszeit freundlich, bedrohlich oder abenteuerlich wirken. Mal ist er belaubt, mal kahl, mal schneebedeckt.“

Grenzen erkennen und ausloten

Dörte Martens fand unter anderem heraus, dass sich die Stimmung ihrer Probanden aufhellte, wenn sie durch Wälder wanderten: „Grün statt grauem Beton, weicher federnder Boden statt hartem Asphalt. Ein Aufenthalt im Wald spricht alle Sinne an.“ Die Gegenwart der Natur, das Spiel in ihr ist relevant für die Befriedigung der emotionalen, aber auch der kognitiven Bedürfnisse heranwachsender Menschen. Wird ihnen die Freiheit verwehrt, unkontrolliert von Erwachsenen in einer von selbst gewordenen – nicht einer künstlich gefertigten – Welt Erfahrungen zu machen, können Kinder zentrale Fertigkeiten schwerer entfalten.

Natur zeichnet sich durch Unverfügbarkeit oder Teilverfügbarkeit aus: Ich habe keinen direkten Einfluss darauf, ob ich bei einem Waldbesuch einen Igel oder ein Reh entdecke. Auch kann Natur schmerzhafte Erfahrungen auslösen wie etwa die Berührung einer Brennnessel. „Diese sogenannte Widerständigkeit der Natur ist für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Lernaspekt, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und auszuloten. Sie entwickeln daraufhin Strategien, dennoch die Brennnessel zu berühren, beispielsweise über Hilfsmittel wie Stöcke oder mit langen Ärmeln, oder im Fall der Tiere ein geduldiges, ruhiges Abwarten und Beobachten. Damit machen Kinder und Jugendliche Selbstwirksamkeitserfahrungen, sie lernen, wie sich das Gegenüber ,Natur‘ verhält und wie sie Einfluss nehmen können“, sagt Dörte Martens.

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Die Wildnis als kindlicher Erfahrungsraum

Diese Chance erkennen nicht alle Menschen. „In unseren Studien haben wir bereits eine Naturentfremdung bei der Elterngeneration entdeckt, die dann mit Ängsten für ihre Kinder in der freien Natur einhergehen. Eine Möglichkeit, diesen Effekt zu lindern, ist die Einrichtung von Naturerfahrungsräumen – wenig gestaltete, naturbelassene Flächen, auf denen sich Pflanzen und Tiere frei entwickeln können und auf denen gleichzeitig Kinder frei spielen können, in der Regel ohne jegliche künstliche Spielgeräte.“

Geht man Erfahrungen mit Wildheit und Wildnis aus dem Weg, versperrt man klassische kindliche Erfahrungsräume. So wie Kinder ihr Modell von Menschlichkeit von jenen übernehmen, die sie lieben, so übernehmen sie von anderen Lebewesen das Gefühl aktiver Lebendigkeit. Andere Wesen, ja selbst Flüsse, Steine und Wolken lehren die Kinder eine Form der Selbsterkenntnis, die sie in einer allein menschengemachten Welt nicht erwerben könnten. Kinder nehmen die Welt im Spiel wahr. Spielen ist nicht irgendein Zeitvertreib, sondern schöpferisches Einverleiben der Wirklichkeit. Es ist eine Form des Denkens, nicht mittels Informationen, sondern in Handlungen, in Symbolen, in Körpern, in Glück. Was Kinder lernen, wenn sie den Matsch durch ihre Finger quellen lassen, ist nicht eine Vorform des Faktenwissens, das ihnen die Schule einmal abverlangen wird. Im Gegenteil. Kinder sind keine „kleinen Wissenschaftler“, sondern Genies der Lust, am Leben zu sein.

Tipps für mehr Wildnis im Stadtleben

Lassen Sie Wildnis in Ihrer Lebensumgebung zu. Erlauben Sie die Unordnung, die damit einhergeht. Denn Wildnis zulassen heißt: Freiheit zulassen. Wenn Sie einen Garten haben: Nicht alle Flecken müssen gemäht und gestutzt werden. Gestatten Sie einer Wiese zu wuchern, auch wenn es zuerst schwerfällt. Stellen Sie sich vor, sie sei eine bittere Medizin, die heilt. Ermuntern Sie ihr Kind, sich in einer Ecke einzurichten und dort seine Märchenlandschaft aufzubauen, in einer Hecke, unter einer Tanne, mit allen Accessoires, Fundstücken, Matschhaufen – auch wenn es manchmal etwas unordentlich aussieht. Werfen Sie ein paar nützliche Dinge gleichsam beiläufig in den Garten hinaus – Seile, Bretter, geschnittene Äste. Legen Sie einfaches Werkzeug bereit. Gestatten Sie Ihrem Kind, den Garten als Erlebnisraum zu nutzen – das ist sowieso dessen wichtigste Funktion.

Stichwort Schule: Dörte Martens verweist auf Studien, die belegen, dass die kognitive Leistungsfähigkeit signifikant stärker nach einem Naturbesuch steigt als nach einem Besuch in einer urbanen Umgebung. „In dem Moment, wo die Natur die automatische, ungerichtete Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen einfordert, kann sich die sogenannte gerichtete Aufmerksamkeit, die wir für Konzentration benötigen, erholen.“ Insofern kann es an dieser Stelle nur einen Schlusssatz geben: Nichts wie raus!

Von Simone Liss