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Nah dran Fünf Euro für ein Menschenleben – „ein absolutes No-Go!“
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Radfahren mit Baby: Von Gesetzes wegen eine Ordnungswidrigkeit

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09:07 13.09.2020
Mit Baby auf dem Rad: eine gefährliche Angelegenheit. Quelle: Anne Bittner
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Leipzig

Luisa Göllmann ist gerade krankgeschrieben. Die Hebamme aus der Südvorstadt ist mit dem Rad gestürzt. Aus eigener Erfahrung sagt sie: „Kinder im ersten Lebensjahr haben nichts auf dem Rad zu suchen! Weder im Tragetuch noch in der Kraxe. Das ist ein Tabu – ein absolutes No-Go!“ Göllmann, die auch zertifizierte Trageberaterin ist und Eltern darin schult, ihre Babys sicher zu tragen, schüttelt den Kopf, wenn sie in der Südvorstadt, in Schleußig und Plagwitz junge, hippe Väter und Mütter sieht, die mit ihren Säuglingen Rad fahren.

„Das Risiko, in Leipzig zu stürzen, ist nicht gering. Schienen, Kopfsteinpflaster, abschüssige Straßen – die Gefahr ist immer da. Ich rate meinen Kursteilnehmern immer und bitte sie inständig darum: Mit dem Baby im Tragetuch wird gelaufen – nicht Rad oder Ski gefahren!“ Doch oft fühle sich Göllmann wie eine Ruferin in der Wüste.

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Geringfügige Ordnungswidrigkeit

„Selbst die Polizei nimmt diese Ordnungswidrigkeit nicht wirklich ernst. Oft sehe ich an der Ampel Streifenwagen neben Radfahrern stehen, die mehr oder weniger offensichtlich ihre Babys bei sich führen wie einen Rucksack“, sagt die vierfache Mutter und Trageberaterin Mareike Seidenglanz.

Laut Paragraf 21 Absatz 3 StVO dürfen Kinder nur auf Fahrrädern transportiert werden, wenn die vorgeschriebenen Sicherheitsvorrichtungen vorhanden sind. Hierzu zählen fest verbundene, zulässige Kindersitze oder zulässige Kinderanhänger. Lastenräder müssten ebenso über entsprechende Vorrichtungen verfügen, sofern auf der Ladefläche Kinder befördert werden sollen.

Folglich stellt der Transport eines Babys in einem Tragetuch vor der Brust oder auf dem Rücken eine Verkehrsordnungswidrigkeit dar. „Der Bußgeldkatalog sieht hierfür ein Verwarngeld in Höhe von fünf Euro vor. Es handelt sich somit um eine geringfügige Ordnungswidrigkeit. Werden solche Fälle festgestellt, erfolgt im Regelfall also eine Anhaltung der Betroffenen, Ahndung der Ordnungswidrigkeit – was nicht zwangsläufig durch die Zahlung eines Verwarngeldes geschehen muss – und eine Untersagung der Weiterfahrt“, sagt Thomas Fleischer von der Polizeidirektion Leipzig. Er spricht von einem „Phänomen“, das verhältnismäßig gering verbreitet sei.

Geringfügige Ordnungswidrigkeit: der blanke Zynismus in den Ohren von Mareike Seidenglanz: „Es geht um Menschenleben! Mütter und Väter, die so Rad fahren, benutzen ihre Kinder als lebendigen Airbag. Und das ist nicht selten, sondern en vogue. Diese Erwachsenen denken nicht nach; meinen, ihr Kind gehört ihnen und sie könnten machen, was sie wollen. Dabei spielen sie mit dem Leben eines anderen Menschen und seinem Recht auf körperliche Unversehrtheit.“

Wer sich so mit seinem Baby fortbewege, verletze seine Fürsorgepflicht. „Die einzige Ausnahme gebietet meiner Erfahrung nach Walking. Alles andere – Rennen, Hüpfen, Springen – ist mit einem Baby im Tragetuch tabu.“

Schadenersatzansprüche versiegen

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Leipzig tut sich schwer mit einer eindeutigen Position. Man sehe sich als Vertretung von Genussradlern, die selbst entscheiden würden, wie sie ihre Faszination fürs Radfahren auslebten. Ganz so simpel sieht das der ADFC-Rechtsexperte Roland Huhn dagegen nicht und weist darauf hin, dass viele Hersteller in den Gebrauchsanweisungen von Tragetüchern das Radfahren gänzlich ausschließen.

„Eltern, die eine Warnung oder ein ausdrückliches Verbot vom Produzenten nicht beachten, müssen damit rechnen, dass ihnen ein grob fahrlässiges Mitverschulden an den Unfallfolgen zur Last gelegt wird“, sagt Huhn. Das wiederum könnte Schadenersatzansprüche des Kindes beeinträchtigen. So wäre das Kind im schlimmsten Fall doppelt geschädigt: verletzt und ohne Anspruch auf finanzielle Unterstützung.

Von Simone Liss

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