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Nah dran Zeitreise mit Zuckertüte: Erinnerungen an die Einschulung
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Zeitreise mit Zuckertüte: Erinnerungen an die Einschulung

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12:03 29.08.2020
1981, 1989 und 2003 – aufregend war der erste Schultag schon immer. Wir erinnern uns. Quelle: privat
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Leipzig

Auch in diesem Jahr beginnen wieder hunderte kleiner Leipziger ihre Karrieren als Schülerinnen und Schüler. Und auch, wenn in diesem Jahr so einiges anders ist, manche Dinge bleiben einfach gleich. Denn genau wie ihre Eltern früher sind die Schulanfänger heute aufgeregt, stolz, vielleicht ein bisschen skeptisch und vor allem extrem scharf auf ihre Zuckertüte. Redakteurinnen und Redakteure aus dem LVZ-Familie-Team erinnern sich an ihre eigene Einschulung:

Patricia Liebling, 1989: Mit göttlichem Beistand in die Schule

Die Sonne strahlt, das frisch gebackene Schulkind auch. Quelle: privat

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Gemeinsam mit meiner Patentante und meiner Schwester sitze ich – stolz die Schultüte in der Hand – vor der Kirche. Auf dem Rücken: ein schwarzer Tornister mit neongelben Sternen und einem Hund drauf. Und damit sind die Erinnerungen an meine Einschulung auch nahezu erschöpft. Schade eigentlich. Anders als Kinder erinnern sich Eltern aber zum Glück oft viel detaillierter und länger. Ich greife also zum Telefon und bitte meine Eltern, meine Erinnerungslücken aufzufüllen. Und schwupps sind wir auch schon im Sommer 1989. Zusammen mit meinem Vater, meiner Schwester und meiner Patentante mache ich mich auf den Weg zur Kirche. Meine Mutter liegt nach einer Operation im Krankenhaus, mein Bruder drückt bereits die Schulbank. Dass es am ersten Schultag zu einem Gottesdienst in die Kirche geht, ist dort, wo ich herkomme, üblich. Die Schultüte darf ich zwar schon tragen, sie bleibt aber noch geschlossen. Da sind die Regeln streng. Nach dem Gottesdienst laufen wir also zur Schule. Dort gehen wir alle gemeinsam in unser erstes Klassenzimmer. Wir Kinder nehmen unsere Plätze ein, die Familien stehen hinten im Raum. Ein paar freundliche Worte meiner Klassenlehrerin, ein Lied und dann muss die Familie raus. Etwa eine halbe Stunde verbringen wir noch im Klassenzimmer – ein erstes Warmwerden mit der neuen Umgebung und den neuen Schulkameraden, von denen ich allerdings schon einige kenne. Kleinstadt eben. Für zu Hause gibt es den ersten Hausaufgabenzettel – irgendwas muss ausgemalt und ausgeschnitten werden. Das war’s. Kaum auf dem Schulhof angekommen, öffne ich meine Schultüte. Ein bisschen Süßes, Obst und Malstifte erwarten mich. Eine große Feier, wie heute bei vielen üblich, steigt dann nicht. Das war zu der Zeit einfach anders.

Simone Liss, 1981: „Jetzt wird es ernst!“

Für Simone Liss wird es ernst: Sie wirkt an der POS für den Frieden. Quelle: privat

Die LVZ titelte zu meinem Schulanfang: „Wirken aller Menschen für den Frieden ist Gebot der Stunde.“ Ich hatte also zu wirken. Zunächst in der Schule. So wurde ich am 29. August 1981 in die 5. POS Torgau „Otto Grotewohl“ eingeschult. Mit allem Drumherum: Rede, Präsent-Übergabe, Gruppenfoto, Belehrungen, Herzklopfen, Obsttorte und diesem sich ständig wiederholenden Satz: „Jetzt wird es ernst!“ Ernst Imleben hätte die Schule heißen sollen. Stattdessen Otto Grotewohl. Er war ein bedeutender Politiker und Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). In dieser Republik bin ich aufgewachsen. Die Schulen in der DDR hießen POS – die Abkürzung für Polytechnische Oberschule. Hier sollte „geistig-schöpferisches Denken, praktisch-­produktive Arbeit sowie gesellschaftlich-nützliche Tätigkeit“ verbunden werden. Praktisch war ich eine Null in Mathe und produktiv im Fach Schulgarten, in dem ich lernte, Unkraut von Usambaraveilchen zu unterscheiden.

Juliane Groh, 1989: Unter Erich Honeckers strengem Blick

Juliane Groh ist im DDR-Klassenzimmer angekommen – unter Erich Honeckers strengem Blick. Quelle: privat

Da war ich also, an meinem ersten Schultag, quasi fast erwachsen, kurz vor Mauerfall im Jahr 1989. Angekommen im (noch) deutschen demokratischen Klassenzimmer. Hinter mir Erich Honecker an der Wand, vor mir das geballte Wissen. Das geballte Wissen hieß Frau Schumann, sie war meine neue Klassenlehrerin und was sie sagte, war ab sofort Gesetz. GESETZ! Gefreut habe ich mich, endlich lesen und schreiben zu lernen! Und zwar so schnell wie möglich! So richtig überzeugt war ich auf den allerersten Blick aber noch nicht, wie man im Foto ganz gut sehen kann. Aber dann traf ich in meiner ersten Klasse Freunde fürs Leben – mit ihnen war die ganze Schulsache dann doch sehr in Ordnung.

Susanne Reinhardt, 1992: Erst die Barbie, dann die Party

Susanne Reinhardt freut sich über ihre Zuckertüte - und auf ihre große Party. Quelle: privat

Seit Wochen hatte ich auf diesen Tag hingefiebert. Ich saß mit vielen anderen Abc-Schützen und ihren Familien in der Aula meiner Thüringer Grundschule. Auf das Festprogramm konnte ich mich kaum konzentrieren, so aufgeregt war ich. Und das Beste kam ja noch: die Übergabe der Zuckertüten im Klassenzimmer. Auf einer der Zuckertüten saß, eingehüllt in rosafarbenen Tüll, eine Barbiepuppe. Sie trug ein Ballkleid und hatte Glitzeraugen. Ich hoffte so sehr, dass diese Zuckertüte für mich bestimmt sei. Und tatsächlich, meine Klassenlehrerin hieß mich in der Schule willkommen und überreichte mir die Barbie-Zuckertüte! Ein Grund mehr, warum ich auf den Einschulungsfotos wie ein Honigkuchenpferd grinse. Am Nachmittag feierten wir ein großes Familienfest – richtig groß, denn es gab noch einen Schulanfänger in meiner Familie. Es war eine tolle Feier und ich stolz, endlich ein Schulkind zu sein.

Christopher Resch, 1990: Stolz wie Bolle auf den Schulranzen

Christopher Resch und sein Schulranzen, auf den er – völlig zurecht – besonders stolz war. Quelle: privat

Ziemlich stolz, aber auch ganz schön müde: Das bin ich, Christopher, damals noch auf den Kosenamen „Bali“ hörend, im Sommer 1990. Dass die Grundschule in Franken nur 72 Kinder fasste, dass der Schulleiter drei Straßen weiter wohnte, dass ich künftig um 7 Uhr morgens hellwach sein musste – von alldem hatte ich zum Zeitpunkt des Fotos noch keine Ahnung. Und es hat mich auch nicht interessiert, denn ich war stolz wie Bolle auf den brandneuen Schulranzen, den ich gewonnen hatte. So konnte die Schule kommen!

Alicia Müller, 2003: Eine Zuckertüte ist niemals ZU groß

Alicia Müller versucht ihre Zuckertüte festzuhalten – die größer ist als sie selbst. Quelle: privat

Erst vor kurzem habe ich mir diesen Tag wieder in den Kopf gerufen, weil ich so tolle und auch lustige Erinnerungen daran habe. Dass nun endlich die Schule losging, löste in meinem sechsjährigen Ich pure Freude aus. Ich war so gespannt auf die verschiedenen Fächer und Schulmaterialien. Meine Familie feierte diesen Tag auch ausgiebig und beschenkte mich reich. Unter anderem hat meine Tante eine Zuckertüte für mich gebastelt, die dann von den Verwandten prall gefüllt wurde. Als ich kleines Menschlein aufgerufen wurde, um meine Zuckertüte von der Bühne zu holen, gab es im ganzen Saal großes Gelächter. Denn wie man auf dem Bild unschwer erkennen kann, war sie ein gutes Stück größer als ich und für mich viel zu schwer. Damals war ich sicher ganz rot vor Scham, heute kann ich beherzt darüber lachen.

Uta Zangemeister, 1989: Der Kutscher kennt den Weg...

Uta Zangemeister ist nach einem Fußmarsch endlich in der Schule angekommen. Quelle: privat

Von meinem Schulanfang in Thüringen weiß ich nur noch, dass meine Schultüte beinahe so groß war wie ich selbst. Meine Familie erzählt allerdings gerne, dass wir auf dem Weg in die Gaststätte mit einem Kremser, einem Planwagen, gefahren sind und die Pferde auf halber Strecke gestreikt haben. Also mussten wir den ganzen Weg zu Fuß laufen und der Kutscher wieder umkehren.

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Von Juliane Groh