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Bildung Deutschlehrer aus aller Welt treffen sich in Leipzig
Leipzig Bildung Deutschlehrer aus aller Welt treffen sich in Leipzig
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15:45 26.07.2019
Experten für Deutsch als Fremdsprache: Dr. Anke Schmidt-Wächter, Professor Christian Fandrych und Dr. Annette Kühn (von links). Quelle: André Kempner
Leipzig

Wenn sich Experten aus aller Welt treffen, ist die Konferenzsprache meistens Englisch. Nicht jedoch in diesem Fall: Die rund 100 Lehrer aus mehr als 80 Ländern, die sich von 29. Juli bis 2. August in Leipzig versammeln, unterrichten in ihren Heimatländern allesamt Deutsch. Das Leipziger Sprach- und Fortbildungsinstitut „interDaF“ ist Sitz des vor 50 Jahren gegründeten Internationalen Deutschlehrerverbands (IDV) und richtet den Delegiertenkongress gemeinsam mit dem Herder-Institut der Universität Leipzig aus. Vor Tagungsbeginn sprechen die interDaF-Geschäftsführerinnen Annette Kühn und Anke Schmidt-Wächter sowie Christian Fandrych, Professor für Deutsch als Fremdsprache am Herder-Institut, über den Stellenwert der deutschen Sprache in der Welt.

Die Konferenz befasst sich mit „Deutsch im Wandel“. Was ändert sich an der Sprache?

Christian Fandrych: Am schnellsten immer der Wortschatz. Die Grammatik ist weniger wandelbar, aber auch sie verändert sich. Zum Beispiel verlieren Substantive ihre Kasus-Endungen. Selbst in offiziellen Schreiben heißt es dann „an den Präsident“ und nicht mehr „an den Präsidenten“. Die Substantivendung hat ja auch meist keine Funktion mehr, der Artikel drückt den Kasus bereits aus. Ein anderes Beispiel ist, dass zusammengesetzte Verbformen eine wachsende Rolle spielen. Es kommen sogar neue hinzu. Etwa das doppelte Perfekt: „Das habe ich gesehen gehabt“. Das ist noch nicht Standarddeutsch, aber umgangssprachlich weit verbreitet.

Woran liegt dieser Wandel?

Fandrych: Informelle Sprache ist heute viel besser sichtbar als früher. Die Entwicklung begann im Fernsehen und Privatfernsehen und schlug sich mit dem Internet, den sozialen Medien und der mobilen Kommunikation auch im Schriftlichen nieder. So etwas gab es zwar schon zu früheren Zeiten; eine Studie über Briefe von wenig gebildeten Auswanderern des 19. Jahrhunderts brachte grammatikalische Strukturen zum Vorschein, die sich heute in SMS-Kommunikation oder in Chats finden. Aber mittlerweile ist das viel breiter sichtbar und prägt sich ein. Langfristig wird sich unser Sprachempfinden dadurch verändern. Darüber hinaus erhöht die kulturelle Globalisierung – Musik, Computerspiele, Youtube – den Einfluss des Englischen. Auch in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gewinnt die englische Sprache an Dominanz. Und schließlich etablieren sich jugendsprachliche Ausdrücke aus dem Migrationsbereich auch im Wortschatz deutscher Jugendlicher. Alles zusammengenommen entstehen neue schriftliche Varietäten. Darauf muss der Unterricht in „Deutsch als Fremdsprache“ reagieren.

„Die Lehrer können nicht einfach sagen, das ist schlechtes Deutsch“

Und wie?

Annette Kühn: Die Deutschlehrerinnen und -lehrer im Ausland müssen diese informelle Sprache wahrnehmen, sie vermitteln und vor allem ihre Schüler sensibilisieren. Wenn diese nach Deutschland kommen, werden sie ohnehin damit konfrontiert.

Anke Schmidt-Wächter: Das unmittelbare Erleben vor Ort ist sehr wichtig. Denn nur wenn ich selber weiß, wie aktuell Deutsch gesprochen wird, kann ich das auch weitergeben.

Fandrych: Die Lehrer können nicht einfach sagen, das ist schlechtes Deutsch, sondern sie müssen ihren Schülern deutlich machen: In bestimmten Kontexten passen solche Ausdrucksweisen, dagegen sollte man in formalen Zusammenhängen lieber die Standardsprache verwenden. Viele Lehrer im Ausland sind selbst keine Muttersprachler des Deutschen und unsicher. Es ist unsere Aufgabe, ihnen eine Hilfestellung zu geben.

Wie hat sich das Interesse auf der Welt entwickelt, Deutsch zu lernen?

Fandrych: Wir haben heute ungefähr 15,5 Millionen Deutschlernerinnen und -lerner weltweit. Vor 30, 40 Jahren waren es 18 Millionen. Ein leichter Rückgang, der sich vielleicht damit begründen lässt, dass die Menschen heute aus anderen Motiven Sprachen lernen. Bildungstraditionen spielen eine geringere Rolle als berufliche Erwägungen oder Freizeitgestaltung. In Westeuropa und Südwesteuropa nimmt das Interesse am Deutschunterricht ab, in Mittel- und Osteuropa bleibt es hoch. In den arabischsprachigen Ländern, in Südostasien, auch in Lateinamerika steigt die Zahl der Deutschkurse sogar. Dort wird Deutschland als wirtschaftlich starkes und attraktives Land innerhalb der Europäischen Union wahrgenommen.

Wie sehen die werdenden Deutschlehrer die gegenwärtige politische Lage in Deutschland und Sachsen kurz vor der Landtagswahl?

Kühn: Manche Eltern fragen, ob sie ihr Kind guten Gewissens nach Leipzig schicken können. Das ist ein Problem. In den Sommerkursen und auch in den Fortbildungen unterrichten wir zurzeit andererseits viele Studenten und Deutschlehrkräfte aus den USA. Für sie ist Populismus nichts Neues. Wobei man auch sagen muss, dass in so einer Gruppe sehr unterschiedliche Meinungen existieren. Da ist es wichtig, dass die Diskussion mit Respekt, Toleranz und Offenheit ausgetragen wird. Dafür stehen wir als Herder-Institut, Studienkolleg und interDaF ein.

Fandrych: Das politische Klima der vergangenen fünf Jahre schadet dem Austausch. Jeder dritte Euro der sächsischen Wirtschaft ist im Ausland erwirtschaftet. Jeder fünfte Arzt an Krankenhäusern ist ausländischer Herkunft. interDaF und unsere Uni-Institute helfen, dass diese Leute vernünftig hier arbeiten können. Dumpfe Parolen oder einseitige Zuweisungen von Problemen schaden diesem Ansinnen.

„Sie gehen als Botschafter für die deutsche Sprache und das Leben hier wieder nach Hause“

Welche Rolle spielen die Deutschlehrer, die Sie ausbilden, als Botschafter in ihren jeweiligen Ländern?

Kühn: Das ist der richtige Ausdruck: Sie sind Botschafter. Das gilt schon für die Studenten. Und für die Lehrkräfte in besonderem Maße.

Fandrych: Wichtig ist, dass man offen mit ihnen redet. Dass sie nicht als plumpe Werbeträger für Deutschland in ihre Länder zurückkehren, sondern kritisch und reflektiert mit ihren Landsleuten über ihre Einblicke sprechen.

Schmidt-Wächter: Die Zeit in Deutschland erfüllt eine Schaufenster-Funktion. Wenn die Leute einmal hier waren, gehen sie als Botschafter für die deutsche Sprache und das Leben hier wieder nach Hause. Die Bedeutung der Lehrerinnen und Lehrer ist übrigens auch für den Spracherwerb ungebrochen – trotz aller digitaler Lernmöglichkeiten, die wir inzwischen ausprobieren. Die Lehrenden schaffen die Motivation. Und sie tun das in der ganzen Welt unter ganz unterschiedlichen Bedingungen und mit großem Engagement.

Warum findet die Jubiläumskonferenz des IDV eigentlich in Leipzig statt?

Kühn: Schon das „alte“ Herder-Institut spielte zu DDR-Zeiten im IDV eine große Rolle. Die damaligen Aufgaben sind auf das heutige universitäre Herder-Institut, an dem man das Fach studieren kann, auf das Studienkolleg Sachsen und auf interDaF übergegangen. Mit der Kombination aus Forschung und Studium, Studienvorbereitung sowie Lehrerfortbildung ist das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ somit in Leipzig in einer Weise verknüpft, die bundesweit einmalig und international hochangesehen ist.

Von Mathias Wöbking

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