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Bildung Fast jede zehnte Stunde fällt an Berufsschulen aus
Leipzig Bildung Fast jede zehnte Stunde fällt an Berufsschulen aus
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23:52 07.06.2018
Immer wieder fallen an Sachsens Berufsschulen Stunden aus. (Symbolfoto)
Immer wieder fallen an Sachsens Berufsschulen Stunden aus. (Symbolfoto) Quelle: dpa
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Leipzig

Das Problem sollte er unbedingt hören. Wenn sich schon jemand wie der Bundespräsident höchstpersönlich zum Dualen Berufssystem in Sachsen informiert, dann muss auch der massive Unterrichtsausfall zur Sprache kommen, sagte sich Kristina Japs und erzählte Frank-Walter Steinmeier bei seinem Besuch im BMW-Werk Leipzig vor wenigen Tagen, was ihr und ihren Klassenkameraden auf den Nägeln brennt.

Betriebe übernehmen schulische Aufgaben

Die 21-Jährige will Kauffrau für Büromanagement werden. Würde ihr Ausbildungsbetrieb, die Stern Auto GmbH in Leipzig, neben der praktischen Schulung nicht auch noch Aufgaben der Berufsschule übernehmen und sie in den Theoriefächern schulen, „die Prüfungen könnte ich in den Wind schreiben“. An ihrer Berufsschule in Leipzig gehöre der Unterrichtsausfall zum Alltag, insbesondere weil Lehrer fehlen. „Meistens sollen wir uns dann selber beschäftigen, in den Lehrbüchern blättern oder Vorträge ausarbeiten“, erzählt die gebürtige Wurzenerin. Aber ohne die Vermittlung von prüfungsrelevantem Lehrstoff sei der Abschluss nicht zu schaffen, sagte sie dem Bundespräsidenten. „Es wird immer so getan“, entgegnete er, „als wäre an den Berufsschulen alles in Ordnung.“ Aber weit gefehlt. Das müsse anders werden.

Ein Einzelfall ist der von Kristina Japs keineswegs. Das zeigt ein Blick ins Internet. Wer unter www.schule.sachsen.de zu Unterrichtsausfall recherchiert, bekommt große Augen: Allein im Raum Leipzig gibt es mehrere Berufsschulen, an denen fast jede zehnte Schulstunde ausfällt. Sachsenweit beträgt der Schnitt knapp sechs Prozent und liegt damit deutlich über dem Ausfall an Gymnasien oder Mittel- und Oberschulen.

Berufsschulen besonders betroffen

Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach hält den Zustand für beschämend: „Berufsschulen sind im Land vom Lehrermangel besonders betroffen, aber in der öffentlichen Diskussion spielen sie kaum eine Rolle“, sagt der Gewerkschafter. Die Folgen würden viele Betriebe spüren, wenn Lehrlinge ohne ausreichend Unterricht bei den Prüfungen durchfallen. „Das verschärft die Fachkräftesituation im Land weiter.“

Auch die Linken sehen die Lage an den Berufsschulen im Freistaat als „dramatisch“ an. „Die berufliche Ausbildung ist eine der Stärken Deutschlands – geht sie weiter den Bach runter, haben die Betriebe ernsthafte Nachwuchsprobleme“, meint Cornelia Falken, bildungspolitische Sprecherin der Linken im sächsischen Landtag. Ihr Vorwurf an den Freistaat: Er steuere nicht ausreichend dagegen an.

Immer mehr Stellen mit Quereinsteigern besetzt

Beim Kultusministerium heißt es: „Bis zum Einstellungsverfahren zum 1. August 2017 konnten alle offenen Lehrerstellen besetzt werden, allerdings zunehmend mit Seiteneinsteigern.“ Zum 1. Februar 2018 blieben bei den berufsbildenden Schulen von 60 Stellen zwei unbesetzt, teilt ein Sprecher weiter mit und verweist zugleich darauf, dass die Sächsische Staatsregierung im März dieses Jahres ein Programm gegen den Lehrermangel in Höhe von über 1,7 Milliarden Euro für die nächsten fünf Jahre vorgelegt hat.

Sachsen bilde zu wenige Berufsschul-Lehrer aus, kritisiert Falken. Das hat ihrer Meinung nach auch damit zu tun, dass die Ausbildung nur in Dresden erfolgt. „Die Kammern in Sachsen und wir fordern seit Langem eine zweite Ausbildungsstätte. Chemnitz würde sich wegen der zahlreichen kleinen und mittleren Betriebe in der Region dafür anbieten.“

Fachkompetenz gefordert

Eine weitere Forderung geht in Richtung der Vergütung. Sie habe nichts gegen Seiteneinsteiger, aber es müssten die richtigen sein – Leute mit Fachkompetenz. Wer Schweißen unterrichten wolle, sollte auf dem Gebiet zumindest seinen Meister haben. „Solche Fachleute wechseln aber nicht aus Betrieben an die Berufsschulen bei der Bezahlung, die sie dort erwartet.“ Der Freistaat sollte das Problem endlich erkennen und solche Fachleute bezahlen, als hätten sie einen Hochschulabschluss.

Solange die Probleme nicht gelöst sind, improvisieren viele Betriebe. Der Arbeitgeber von Kristina Japs wollte den Unterrichtsausfall nicht länger tatenlos hinnehmen. Die Leipziger Firma mit aktuell über 30 Lehrlingen nahm die theoretische Ausbildung selbst in die Hand, stellte eigene Fachausbilder und Angestellte frei, die den angehenden Büroangestellten prüfungsrelevante Themen vermittelten. Kristina Japs ist darüber sehr froh, zumal sie die Aussicht hat, nach erfolgreicher Ausbildung übernommen zu werden.

Von Andreas Dunte