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Bildung „Leipziger Erklärung“ soll die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung stärken
Leipzig Bildung „Leipziger Erklärung“ soll die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung stärken
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22:46 29.08.2019
„Selbstvertretung – na klar“: Sascha Ubrig mit Tina Winter, Ulla Schmidt und Ramona Günther (von links) vom Lebenshilfe-Bundesvorstand vor den rund 700 Kongressteilnehmern. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Ramona Günther ist Tischlerin in einer Behindertenwerkstatt im Schwarzwald. Ulla Schmidt sitzt für die SPD im Bundestag, bis 2009 war sie Gesundheitsministerin. Beide gehören sie dem Bundesvorstand der Lebenshilfe an – mit einem Unterschied: „Ich wurde mit fast 100 Prozent gewählt. Die Ulla bekam nicht ganz so viel“, sagt die 60-Jährige und grinst ihre Vorstandskollegin an. Der volle Audimax im Neuen Augusteum johlt. Wobei Ulla Schmidt vielleicht am lautesten lacht.

Seit Donnerstag treffen sich mehr als 700 Teilnehmer aus Deutschland und der Schweiz an der Universität Leipzig zum Selbstvertreter-Kongress der Lebenshilfe. Rund 500 unter ihnen sind Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Anders gesagt: „Wir sind Experten für unser Leben“, wie es Ramona Günther ausdrückt. Drei Tage lang tauschen sie sich in Arbeitsgruppen über politische Mitbestimmung, Kniffe beim Redenhalten, pädagogische Forschung aus. Und sie brüten über einer „Leipziger Erklärung für Selbstvertreter“, die am Ende der Konferenz verabschiedet werden soll.

„Was ist für uns gut? Nur wir wissen das“ – so beginnt der Entwurf, den Ramona Günther im Vorfeld mit dem Berliner Selbstvertreter Sascha Ubrig verfasst hat. „Wir müssen ernst genommen und gehört werden“, erklärt der 38-Jährige. „Sonst lassen wir uns viel entgehen“ – einen Job im Ersten Arbeitsmarkt beispielsweise, wie es das Bundesteilhabegesetz seit 2016 vorsieht. Ubrig arbeitete acht Jahre lang in einer Restaurantküche. „Eine solche Chance müssen alle kriegen“, fordert er. Mittlerweile ist er der deutschlandweit einzige hauptamtliche Selbstvertreter – mit eigenem Büro und zwei Assistenten.

Bleibt das Versprechen auf Teilhabe nur ein Lippenbekenntnis?

Die Lebenshilfe hat sich vor 61 Jahren als Bündnis von Eltern gegründet. Im Vordergrund stand lange Zeit die Fürsorge, mittlerweile jedoch geht es um gesellschaftliche Mitwirkung und Inklusion. Den Weg dorthin ebneten auch die beiden vorherigen Bundestreffen: 1994 in Duisburg und 2003 in Dortmund. Zu den 123 000 Mitgliedern gehören inzwischen immerhin 12 000 Menschen mit Beeinträchtigung. Daher der nächste Punkt im Entwurf zur Leipziger Erklärung: „Wir vertreten uns selbst! Jeder Mensch weiß: So geht es mir. Das brauche ich.“ Jeanne Nicklas-Faust, Bundesgeschäftsführerin der Lebenshilfe, ist sicher: „Wenn mehr Menschen mit Beeinträchtigung beitreten, verändert sich der Fokus ganz von allein.“

Saskia Schuppener, Förderpädagogik-Professorin an der Uni Leipzig, sieht dennoch ein „großes Risiko“, dass das Versprechen auf Teilhabe „ein Lippenbekenntnis bleibt“. Jedenfalls in der Welt da draußen: „Es gibt ein etabliertes System sogenannter Behindertenhilfe mit festen Strukturen. Ob sich was ändern lässt, hängt oft von einzelnen Entscheidungsträgern ab.“ Die Lebenshilfe hat das Prinzip der Selbstvertretung vor 20 Jahren eingeführt und ist damit bislang weitgehend allein geblieben. „Wir müssen dran bleiben“, soll daher als eine Forderung in die Leipziger Erklärung eingehen.

„Vor 30 Jahren wollten die Bürger der DDR sich nicht mehr bevormunden lassen“, hat Uni-Prorektor Thomas Hofsäss die Kongressteilnehmer begrüßt. „Weil Sie das auch nicht mehr wollen, sind wir hier.“ Für Ulla Schmidt ist es „eine Frage der Demokratie“. Sie selbst vertrete im Bundestag die Aachener und ihre Interessen. „So ähnlich ist es auch bei Ihnen.“ Ramona Günther möchte Menschen repräsentieren, „die sich selbst nicht trauen oder die nicht können“, sagt sie. Sich auf Augenhöhe zu begegnen, sei ihr wichtig, fügt sie an. „Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Ihr Wahlerfolg jedenfalls gibt ihr recht.

Von Mathias Wöbking

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