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Bildung Picador-Professor Josh Weil: „Leipzig ist osteuropäischer, als ich dachte“
Leipzig Bildung Picador-Professor Josh Weil: „Leipzig ist osteuropäischer, als ich dachte“
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17:00 22.07.2019
Sein erster Roman spielt in Russland, der zweite soll ein Western werden: Der amerikanische Schriftsteller Josh Weil, 43, ist im Sommersemester Picador-Gastprofessor an der Universität Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Als Picador-Professor unterrichtet der kalifornische Schriftsteller Josh Weil am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig im Sommersemester in Kreativem Schreiben und über Western-Literatur. Aus dem Werk des 43-Jährigen sticht insbesondere der preisgekrönte Roman „Das gläserne Meer“ von 2014 heraus. In dem Buch offenbart sich Weil allerdings eher als profunder Kenner von Russlands Kultur und Lebensgefühl denn als Westernheld.

Wie Donald Trump gehören Sie der eher seltenen Spezies russophiler US-Bürger an.

Trump bewundert vermutlich eher Putin als Russland. Vielleicht fühlt er sich zudem von einer glitzernden Zurschaustellung von Reichtum angezogen, wie man sie in Moskau durchaus beobachten kann. Um es geradeheraus zu sagen: Ich bin ein liberaler Demokrat und sehr gegen Trumps Politik.

Müssen Sie sich in Deutschland häufig für Ihren Präsidenten rechtfertigen?

Fast gar nicht – was mich überrascht. In meinen Seminaren kommt das Thema zum Beispiel nicht auf. Vielleicht setzen die Studenten voraus, dass ich kein Trump-Anhänger bin. Oder die Menschen sind hier insgesamt zurückhaltend, ein schweres Thema anzusprechen. Als George W. Bush Präsident war, lebte ich ein Jahr lang in Ägypten – und dort sprach mich absolut jeder, vom Uniprofessor bis zum Bauern, innerhalb der ersten Minute darauf an, ob ich Bush unterstütze.

Trump dürfte eigentlich keine Chance haben“

Gewinnt Trump 2020 erneut die Wahl?

Wenn man sich seine Bilanz anschaut und in die Geschichte zurückblickt, dürfte er keine Chance haben. Aber davon ging letztes Mal auch jeder aus. Seine Aussicht ist gut genug, dass mir davor graut.

Ihr Urgroßvater wanderte aus Russland nach Amerika aus. Rührt daher Ihr Interesse?

Damit begann meine Liebe zu Russland zumindest. Mit zwölf fing ich dann in der Schule an, Russisch zu lernen. 1991, im letzten Jahr der Sowjetunion, war ich Austauschschüler im Norden des Landes, in der Nähe von Finnland. Das war eine herausragende Erfahrung für einen 14-Jährigen! Völlig anders als alles, was ich bis dahin gekannt hatte. Die Zeit dort übte einen großen Einfluss auf mich aus. 2010 bereiste ich als Rucksacktourist Osteuropa und kehrte auch nach Russland zurück. Ich wollte immer über das Land schreiben.

Wie reagieren die Menschen in Ostdeutschland auf einen russophilen Amerikaner?

Das merken natürlich die wenigsten. Aber kürzlich waren wir zum Wandern in der Sächsischen Schweiz. In Bad Schandau trafen wir an der Elbe einen Mann, der absolut kein Englisch verstand. Mein Deutsch ist schrecklich, und es ist mir trotz guten Vorsätzen auch nicht gelungen, die Sprache in Leipzig zu lernen. Also sprach ich Russisch mit ihm. Da war er baff.

Die Ostdeutschen fühlen sich den Russen auch knapp 30 Jahre nach dem Ende der DDR näher als die Westdeutschen, heißt es. Können Sie das bestätigen?

Ich habe zumindest Gemeinsamkeiten zwischen Ostdeutschen und Russen entdeckt, gute wie schlechte. Dazu gehört eine gewisse Zurückhaltung, sich mit Fremden einzulassen. Leipzig ist osteuropäischer, als ich dachte.

„Vom wachsenden Antisemitismus bin ich wirklich überrascht“

Vermutlich ist auch die Zustimmung zu Putin in Dresden oder Leipzig größer als in Hamburg oder München.

So wie ich es verstehe, liegt das daran, dass Ostdeutschland momentan etwas stärker als Westdeutschland politisch nach rechts schwenkt.

Bei den Landtagswahlen könnte die AfD in Sachsen bald die meisten Stimmen erhalten – mit einer Stoßrichtung wie Trump in den USA. Was halten Sie von dieser Aussicht?

Ehrlich gesagt ist das für mich verwirrend. Einerseits beängstigend: Ich bin Jude, und vom wachsenden Antisemitismus – auch in Amerika und anderswo in der Welt – bin ich einfach wirklich überrascht. Es ist bedenklich, dass auch in Deutschland diese rechtsgerichtete Anti-Bewegung so manche Politik in Gang setzt. Andererseits bin ich sehr, sehr beeindruckt davon, wie unverblümt die liberale politische Welt in Deutschland dagegen Stellung bezieht. Meine Studenten haben darüber mit mir im Western-Seminar diskutiert, als wir über die Bedeutung der US-Mythen für die Gesellschaft sprachen. Sie sagten, dass in Deutschland keine nationalistischen Gründungslegenden mehr gepflegt würden, weil der Nationalsozialismus sie zu sehr in Verruf gebracht habe. Ich kenne kein anderes Land, das es auch nur annähernd in ähnlicher Weise geschafft hat, seine Mythen fallen zu lassen.

Zu welchen Geschichten hat Leipzig Sie inspiriert?

Das wird sich erst später herausstellen. Es dauert bei mir meistens ein paar Jahre, bis ich über meine Erfahrungen schreibe. Na gut, manchmal verfasse ich vor Ort etwas Kurzes. Aber das scheitert in Leipzig daran, dass meine Frau, unser vierjähriger Sohn und manchmal meine 16-jährige Stieftochter da sind. Andernfalls würde ich sicher eine Kurzgeschichte über Leipzig schreiben. Dennoch wird die Stadt in meinem Werk früher oder später eine Rolle spielen. Ich muss nur zuerst den Roman beenden, an dem ich momentan sitze. Mein regelmäßiges Einkommen während der Gastprofessur und die Möglichkeit, jetzt Zeit mit der Familie zu verbringen, wird mir nach der Rückkehr einige Monate schenken, mich ganz aufs Schreiben zu fokussieren.

Wovon handelt Ihr nächster Roman?

Es ist ein Western! Er spielt in den Bergen von Kalifornien, vor und während des Goldrauschs.

Von Mathias Wöbking

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