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Bildung „Eigentlich wäre ich in Shanghai. Stattdessen bin ich auf Wohnungssuche in Leipzig“
Leipzig Bildung

Semesterstart in Leipzig: So geht es Studenten im Wintersemester 2020

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10:47 26.10.2020
Studieren in Zeiten der Pandemie: Das Wintersemester 2020/21 im Ausnahmezustand. Was sagen Studenten, die neu nach Leipzig kommen? Quelle: privat
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Leipzig

Auf den 1. Blick erscheint alles wie immer: Pünktlich zum Wintersemester ziehen wieder Studierende aus allen Regionen und Ländern durch Leipzig, auf Erstsemesterveranstaltungen und Erkundungstour. Sie gehören mit ihren Jutebeuteln und fragenden Gesichtern so sehr zum Leipziger Herbst wie das Lichtfest oder das Dok Festival. Doch der Eindruck täuscht – nichts ist wie immer. Die Corona-Pandemie und die steigenden Infektionszahlen in Deutschland machen auch vor dem Lehrbetrieb keinen Halt. Der wird an der Universität Leipzig ab dem 26. Oktober aufgenommen.

Auf die Studierenden wartet in diesem Winter ein Hybridsemester, also ein Mix aus Präsenzveranstaltungen mit deutlich weniger Teilnehmern als sonst und verstärkt digitalen Angeboten. „Um ein Beispiel zu nennen: In unseren größten Hörsaal, das Auditorium maximum, passen unter Abstandswahrung 122 statt wie üblich 817 Personen“, sagt Thomas Hofsäss, Prorektor für Bildung und Internationales der Universität Leipzig in einer offiziellen Mitteilung. In allen Bereichen der Universität Leipzig gelten zusätzlich die Maskenpflicht und Abstandsregeln. Auch die feierliche Begrüßung der Erstsemester wird in diesem Jahr erstmalig anders aussehen: Statt im Gewandhaus, wird die Feierstunde am 4. November mit einem begrenzen Platzkontingent im Paulinum stattfinden. Studierende, die keinen Platz erhalten haben, können die Veranstaltung live im Netz verfolgen.

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Alle Texte zum Semesterstart in Leipzig

Alles ist also kleiner und unspektakulärer als sonst, alles ist ein großer Kompromiss. Einer, der besonders Erstsemester und zugezogene Studierende vor Herausforderungen stellt. Mit welchen Gefühlen blicken Studierenden der Universität Leipzig auf das anstehende Hybridsemester? Was sind ihre größten Sorgen und Erwartungen? Wie wollen Erstsemester trotz Abstandsregeln neue Freunde kennenlernen? Und was überwiegt bei allen: Vorfreude oder Resignation? Die Leipziger Volkszeitung hat fünf von Ihnen gefragt und festgestellt: Die neuen Studierenden in Leipzig sind trotz allem immer noch optimistisch.

Maria Balzer, 18 Jahre: „Präsenzveranstaltungen mit weniger Menschen sind angenehm“

Maria Balzer Quelle: privat

„Ich bin in einer Kleinstadt in Thüringen aufgewachsen und wollte nach dem Abitur unbedingt in eine größere Stadt ziehen. Für Leipzig habe ich mich entschieden, weil ich die Stadt ganz gut kenne und mir gefällt, dass hier so viele junge Leute leben. Pünktlich zum Studienstart ziehe ich jetzt in ein Studentenwohnheim und hoffe, so möglichst schnell verschiedene Menschen kennenlernen zu können. Zum Glück helfen auch die sozialen Netzwerke dabei, sich mit anderen Erstsemestern auszutauschen und erste Kontakte zu knüpfen. Nachdem ich schon keine Abifeier und keine Abi-Mottowoche hatte, bin ich schon enttäuscht, dass auch der Unistart eher unspektakulär ablaufen wird, aber ich versuche, das Positive zu sehen: Wenn ich früher an das Studium gedacht habe, sah ich immer überfüllte Hörsäle und überfüllte Terminkalender vor mir. Das Studentenleben erschien mir sehr stressig. So gesehen finde ich es ganz angenehm, dass die Präsenzveranstaltungen mit weniger Menschen stattfinden. Wer weiß, vielleicht kommt man so trotz Abstandsregeln mit den Kommilitonen schneller in Kontakt, als wäre man Teil einer Vorlesung mit 300 Personen.“

Xaver Thalhofer, 24 Jahre: „Mir tun die Erstsemester leid“

Xaver Thalhofer Quelle: privat

„Ich habe in Tübingen und Konstanz meinen Bachelor in Sportwissenschaften gemacht. Damals war ich vor dem Studiumsstart extrem aufgeregt und habe mir viele Gedanken gemacht, ob ich das Studium schaffe. Heute bin ich froh, die ganzen Erfahrungen unter normalen Bedingungen absolviert zu haben. Mir tun die aktuellen Erstsemester schon leid, die zum Beispiel auf die ganzen Ersti-Partys verzichten müssen. Die haben uns damals extrem zusammengeschweißt. Ich selbst bin gespannt, wie ich mit dem Hybridsemester zurecht kommen werde. In Tübingen hatte ich im vergangenen Sommersemester nur noch einen Sprachkurs, daher kann ich gar nicht genau ein-schätzen, wie die digitale Lehre aussehen wird. Freunde von mir haben mich allerdings schon gewarnt, dass der Lernaufwand digital deutlich höher ist. Daher bin ich froh, dass es grundsätzlich auch Präsenzveranstaltungen geben soll. Was mir jetzt schon aufgefallen ist: Online vernetzen sich die Leute sehr viel früher miteinander als im Bachelorstudium. Klar, da hat man auch einfach nur eine Vorlesung besucht und kannte hinterher mindestens zwei neue Leute. Jetzt ist mehr Eigeninitiative gefragt, um erste Kontakte zu knüpfen. Das Schöne daran ist, dass man so auch Leute trifft, mit denen man sonst vielleicht nie Kontakt haben würde.“

Andrea Oborníková, 22 Jahre: „Ich habe nicht eine Minute darüber nachgedacht, mein Auslandssemester zu verschieben“

Andrea Oborníková Quelle: privat

„Seit ich angefangen habe zu studieren, träume ich von einem Auslandssemester. In Pardubice in Tschechien studiere ich die deutsche Sprache, daher wollte ich auch unbedingt nach Deutschland kommen. In Leipzig war ich noch nie, aber eine Schulfreundin hat mir die Stadt für mein Erasmus-Semester empfohlen. Ich kann es kaum erwarten, demnächst in den Vorlesungen zu sitzen und Leipzig kennenzulernen. Außerdem freue ich mich darauf, in der Winterzeit Glühwein zu trinken und vor der Uni Eislaufen zu gehen. Mein Traum ist es, die deutsche Sprache ohne Probleme verstehen und sprechen zu können. Daher habe ich auch nicht eine Minute lang darüber nachgedacht, ob ich mein Auslandssemester verschieben soll. Auch wenn es meinen Großeltern lieber gewesen wäre, wenn ich in Tschechien geblieben wäre. Aber wer weiß, wie lange Corona noch existiert? Und was in einem Jahr ist? Ich glaube, meine Zeit ist jetzt. Natürlich bin ich aufgeregt, ob ich an der Universität zurecht kommen und hier schnell Anschluss finden werde. Hauptsache, es wird nicht alles noch viel schlimmer und ich muss nicht vor Ablauf der sechs Monate zurück, weil zum Beispiel alle Grenzen geschlossen werden.“

Alexandra Dittl, 20 Jahre: „Ich stelle es mir sehr schwer vor, aktuell in eine fremde Stadt zu ziehen“

Alexandra Dittl Quelle: privat

„Für mich stand von Anfang an fest, dass ich in Leipzig studieren werde. Hier bin ich groß geworden, hier kenne ich mich aus, hier wohnen die meisten meiner Freunde und meine Eltern. Ich stelle es mir sehr schwer vor, aktuell in eine fremde Stadt zu ziehen und dort neue Freunde zu finden. Schließlich erschwert Corona die Kontaktmöglichkeiten extrem: In Leipzig findet die Einführungswoche zum Beispiel fast nur digital statt, da entgehen einem direkt erste Kontakte. Und was, wenn die Technik mal ausfällt? Aber natürlich hoffe auch ich, spätestens in den ersten Präsenzveranstaltungen neue Leute kennenzulernen. Grundsätzlich finde ich es auf jeden Fall richtig, dass der Schutz der Menge vor den persönlichen Wünschen steht. Da ich bereits im vergangenen Jahr Abitur gemacht habe, frage ich mich manchmal, warum ich nicht schon letztes Jahr mein Studium begonnen habe. Aber sich deswegen verrückt machen, bringt ja nichts: Ich glaube, dass alle Erfahrungen einen zu der Person machen, die man ist. Und nachdem ich eine ganze Weile gebangt habe, ob ich mit meinem Notendurchschnitt überhaupt einen Studienplatz in Leipzig bekomme, freue ich mich jetzt einfach darüber, dass es wirklich losgeht.“

Maximilian Reinold, 25 Jahre: „Eigentlich wäre ich jetzt in Shanghai. Stattdessen bin ich auf Wohnungssuche in Leipzig

Maximilian Reinold Quelle: Privat

„Wäre in diesem Jahr alles nach Plan verlaufen, würde ich jetzt gerade im Vorlesungssaal der Fudan University in Shanghai sitzen. Stattdessen bin ich gerade auf Wohnungssuche in Leipzig und ehrlich gesagt ziemlich verloren. Besonders bitter: Für meinen internationalen Studiengang European Master in Global Studies an der Universität Leipzig habe ich mich letztes Jahr vor allem interessiert weil mich der Austausch mit China so gereizt hat. So möchte ich mich beruflich später auf Chinas Rolle in der Welt und die Beziehung mit EU konzentrieren. Doch mein Plan ist jetzt erstmal hinfällig. Wie im Prinzip mein ganzes Studium: Mein Master ist nämlich so aufgebaut, dass man das 1. Jahr in Leipzig und das 2. Jahr in einer anderen Stadt verbringt, inklusive einem freiwilligen Austauschsemester im Ausland. Nach den sechs Monaten in Shanghai hätte ich noch ein Semester in Wien studiert. Natürlich hätte ich auch jetzt schon nach Wien ziehen können. Aber ganz ehrlich: So wie die aktuelle Lage sich gerade entwickelt, ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis die Lehre wieder komplett online sein wird. Und dafür in eine Stadt zu ziehen, in der man niemanden kennt? Das ist mir zu riskant. Zumal ich die Erfahrungen im vergangenen Sommersemester mit dem digitalen Lernen schwierig fand: Online eine Vorlesung zu verfolgen, ist im Prinzip wie YouTube schauen. Wirklich viel hängen bleibt nicht. Daher hoffe ich sehr, dass in Leipzig das Hybridsemester möglichst lange existieren wird. Leipzig hat mir im ersten Studienjahr echt gut gefallen, daher habe ich mich dafür entschieden, wieder hierher zu ziehen und einige Kurse an der Uni Wien online zu belegen. Parallel dazu werde ich meine Zeit dafür nutzen, um in Leipzig an der Sinologie Fakultät mein Chinesisch zu vertiefen. Irgendwie muss es schließlich weitergehen. Und mit viel Glück klappt das Auslandssemester dann ja vielleicht nächstes Jahr.“

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Von Johanna Schönfelder