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Bildung Leipziger Forscher und die Frage, warum sich der Nordpol doppelt so stark aufheizt
Leipzig Bildung Leipziger Forscher und die Frage, warum sich der Nordpol doppelt so stark aufheizt
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07:20 23.12.2019
Um das Schiff herum wächst auf der Scholle eine kleine Siedlung, die sie „Stadt“ nennen: aus Zelten, Messstationen und abgeriegelten Löchern im Eis. Quelle: Esther Horvath/AWI
Leipzig

Wortfetzen aus dem Eis, das man bis vor kurzem für ewig hielt. „Schtz ... ddds ... Licht ... mas ... genau.“ Die Verbindung könne hohe Kosten verursachen, hat eine Automatenstimme vorab gewarnt, rund fünf Euro pro Minute per Satellitentelefon. Dennoch kommt bei der Live-Schalte zum Eisbrecher Polarstern, der seit Oktober durch die Arktis driftet, im Leipziger Naturkundemuseum selten ein Satz vollständig an.

Immer dunkel? Nein. „Es gibt Momente, da scheint der Mond“

Es ist kurz vor Weihnachten, aber am anderen Ende der Leitung erzählt keineswegs der Weihnachtsmann, wie man sich so fühlt in nur 200 Kilometern Entfernung zum Nordpol. Die Dunkelheit hält dort momentan jeden Tag 24 Stunden an. „Es gibt Momente, da scheint der Mond“, schränkt der Forscher Ronny Engelmann ein und deutet ein Lachen an. In Leipzig kommt der Satz etwa drei Sekunden später an. „Und wir haben ein Solarium.“ Sogar ein Weihnachtsbaum sei an Bord, dessen Kerzen ebenfalls ein wenig Behaglichkeit spenden.

Engelmann ist am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) Experte für die Lichtradar-Technik „Lidar“ und nach gut drei Monaten auf der Polarstern kurz vor dem Ende seiner Mission. Im Januar wird der 41-Jährige in seine Leipziger Wohnung zurückkehren. Sie liegt gleich um die Ecke des Naturkundemuseums, wohin seine Stimme in Versatzstücken jetzt schon reist – zu einer Plauderei per Satellit, zu der das Haus zusammen mit der Schaubühne Lindenfels im Rahmen des Wissenschaft-Kunst-Projekts „Expedition 4x6“ eingeladen hat.

Ronny Engelmann an seinem gegenwärtigen Arbeitsplatz: im Oceanet-Container an Bord des Eisbrechers Polarstern. Quelle: Esther Horvath/AWI

Mentale Vorbereitung auf die erste Mars-Mission?

Die Störanfälligkeit der Verbindung illustriert anschaulich, dass die Welt im 21. Jahrhundert ein globales Dorf sein mag. Doch die 4000 Kilometer, die der Forscher in der Ferne weilt, sind tatsächlich weit weg. „Echte Abgeschiedenheit“, stellt Ronny Maik Leder fest, Direktor des Naturkundemuseums. Schaubühnen-Chef René Reinhardt spricht von einer „mentalen Vorbereitung auf die erste Mars-Mission“.

Eben mal eine Kurznachricht an die Familie? Nicht möglich. Wissenschaftliche Datensätze, Bilder, Grußbotschaften per Mail? Vier Gigabyte haben pro Monat Platz – aufgeteilt auf alle 100 Besatzungsmitglieder. Die Tagesthemen konnten einen zweiminütigen Beitrag kürzlich erst zwei Monate nach dem Dreh ins Programm nehmen. So lang sei das Filmchen auf einem Eisbrecher unterwegs gewesen, erklärte Caren Miosga den Zuschauern. Das Tropos-Institut wartete mehr als fünf Wochen auf Fotos, weil ein Satellit streikte.

Es ist die erste Mission zum Nordpol im Winter

Um in der Arktis, einem Epizentrum der Erderwärmung, mehr über die Ursachen des Klimawandels zu erfahren, werden unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven bis Herbst 2020 in fünf Abschnitten insgesamt etwa 300 Wissenschaftler aus 20 Ländern vor Ort forschen. Rund 140 Millionen Euro sind für die „MOSAiC“-Expedition veranschlagt. Die Abkürzung steht für „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“, was ungefähr „fächerübergreifende, treibende Beobachtungsstation für das Studium des arktischen Klimas“ bedeutet. Es ist die erste Mission zum Nordpol im Winter.

Fünf Eisbären kreuzten den Weg des Leipziger Forschers

Dabei werden auch Daten für einen Sonderforschungsbereich mehrerer Institute bundesweit unter Federführung des Meteorologen Manfred Wendisch von der Uni Leipzig erhoben. Warum steigt die Temperatur am Nordpol doppelt so schnell wie sonst auf der Erde? Seit 2016 gehen Wendisch und Kollegen dieser Frage in dem millionenschweren Forschungsvorhaben nach.

Festgeklebt an einer Scholle driftet die Polarstern in einer Geschwindigkeit von bislang höchstens 1,4 Stundenkilometern durch das Packeis. Zu Beginn war das Schiff Mitteleuropa auf der Uhr sechs Stunden voraus, momentan sind es zwei. Die Zeitzonen liegen dort oben eng aneinander. Die Mahlzeiten strukturieren den Tag. Vier pro 24 Stunden. „Das Essen ist hervorragend“, lobt Engelmann. Um den Eisbrecher herum ist eine kleine Siedlung entstanden, die sie „Stadt“ nennen: aus Zelten, Messstationen und abgeriegelten Löchern im Eis. Ob Eisbären aufgekreuzt seien? „Fünf habe ich selber gesehen“, antwortet Engelmann. „In sicherer Entfernung.“

4000 Kilometer entfernt arbeiten 100 Wissenschaftler, Besatzungsmitglieder und Techniker in Nähe des Nordpols – um herauszufinden, was es mit dem Klimawandel auf sich hat.

Eisbrecher bringt Engelmann wieder nach Hause

Seit Mitte Dezember steckt die Besatzung, die etwa zur Hälfte aus Wissenschaftlern und zur anderen Hälfte aus Technikern und Logistikern besteht, im ersten Schichtwechsel. Den Platz im „Oceanet“-Container an Bord, in dem die Tropos-Messgeräte stecken, übernimmt Tropos-Doktorand Hannes Griesche. Ein zweiter Eisbrecher hat ihn zur Polarstern gebracht – und wird auf dem Rückweg unter anderem Engelmann mitnehmen.

Trotz einer Außentemperatur von zuletzt minus 28 Grad Celsius habe er bislang nicht gefroren, sagt er. „Vielleicht sind mal die Hände kalt. Oder die Nase.“ Mögen auf dem Weg zwischen Arktis, dem Satelliten im All und dem Naturkundemuseum auch einige Wörter verloren gehen – Engelmanns gute Laune kommt an: „Es ist traumhaft hier für einen Wissenschaftler“, sagt er. Oder war etwa doch von einem „Trauma“ die Rede?

Die Luft über der Arktis ist verschmutzt

Die ersten Forschungsergebnisse, die der promovierte Experte zur weiteren Auswertung auf einer Festplatte mit nach Leipzig bringen wird, liefern jedenfalls wenig Grund zur Freude. Die Lidar-Technik aus dem Tropos-Instituterfasst mit Laser-Pulsen vom Boden aus bis in Höhen von 14 Kilometern die Schwebeteilchen in der Luft, in der Fachsprache Aerosole genannt, die etwa für die Wolkenbildung bedeutsam sind. Alles deutet darauf hin, dass die Luft über der unberührten Arktis keineswegs so sauber ist, wie man annehmen könnte.

In Höhen von fünf, sechs und zwölf Kilometern haben die Geräte Staub entdeckt, der etwa aus Waldbränden und industrieller Produktion stammt. An seinem Computer im Leipziger Wissenschaftspark vermutet Tropos-Forscher Martin Radenz, „dass die Arktis im Polarwinter wie ein großer Strudel wirkt, der Luftverschmutzung aus großen Teilen der Nordhemisphäre ansaugt.“ Der Dreck lässt das arktische Eis möglicherweise aus zwei Gründen schneller abtauen: Erstens bindet Ruß die Sonnenenergie und hält so Wärme in der Atmosphäre; zweitens lässt Staub mehr tiefe Wolken über der Erdoberfläche wachsen, die ebenfalls wärmen.

Schlechte Neuigkeiten aus der Ecke der Welt, in der die Amerikaner ihren Santa Claus verorten. Doch immerhin lässt sich der davon offensichtlich so kurz vor der Bescherung nicht beeindrucken. Die Verbindung ist für einen Moment glockenklar, als Ronny Engelmann zum Abschied ausrichtet: „Der Weihnachtsmann schickt auch schöne Grüße.“

Von Mathias Wöbking

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