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Familienkompass Dresdner Luisenhof: „Die Familie gab uns Halt“
Leipzig Familienkompass Dresdner Luisenhof: „Die Familie gab uns Halt“
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13:09 10.03.2020
Carolin Rühle-Marten und Carsten Rühle mit den Kindern im neuen Haus in Herzogswalde. Das alte Heim in Wilsdruff war komplett abgebrannt. Quelle: Rene Meinig
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Dresden

Unbarmherzig fressen sich die Flammen durch den Dachstuhl. Mit jeder Minute vernichten sie mehr aus dem Leben von Carolin Rühle-Marten und Carsten Rühle – erst die Alben mit den Kinderfotos auf dem Dachboden, dann das ganze Haus. Wäre Carsten Rühle nicht so spät von Arbeit gekommen, hätte er nicht noch den Fernseher eingeschaltet, um von diesem stressigen Tag runterzukommen – womöglich würden er, seine Frau und seine Tochter heute nicht mehr leben.

Als er sich die Zähne putzen will, hört er dieses merkwürdige Knistern über sich. Die Neugier treibt den 50-Jährigen zur Dachbodenluke. Als er sie herunterzieht, schlagen die Flammen meterhoch durchs Dach und bringen den Nachthimmel zum Leuchten. Der Mann weckt die Familie, rennt ins Freie. „Wir standen da wie versteinert.“

Hier geht es zum Fragebogen: www.lvz.de/familienkompass

Die Retter des Luisenhofes

Die Rühles gelten als die Retter des Luisenhofes, dem Balkon Dresdens. Der Ausflugsgaststätte am Loschwitzer Elbhang drohte ewiger Leerstand. 2018 übernahm das Ehepaar das Restaurant, dessen Ende sich kaum ein Dresdner vorstellen wollte. Moderator Thomas Gottschalk, Liedermacher Reinhard Mey, Polizeiruf-Schauspieler Jürgen Frohriep oder Sänger Gunther Emmerlich: Sie alle kehrten schon ein und blickten beim Essen hinab auf das berühmte Blaue Wunder. Nur das eigene Haus in Wilsdruff konnten die Luisenhof-Retter nicht retten. Was das Feuer verschonte, schwamm mit dem Löschwasser davon. Sieben Monate ist das her.

Verarbeitet hat die Familie das Trauma bis heute nicht. „Ich versuche, es zu verdrängen, im Kopf einen Haken dran zu machen“, sagt Carsten Rühle, als hätte er sich das Vergessen verordnet wie eine Medizin. Er sei überfordert damit gewesen, das Haus auszuräumen. „Mein komplettes Leben befand sich auf dem Dachboden in Kisten. Es ist verbrannt.“

Vor fünf Jahren zogen Carsten Rühle und Carolin Rühle-Marten zusammen. Sie brachte zwei Kinder mit in die Beziehung, er auch – eine Patchwork-Familie. „Meine Frau sagte: Wenn du mich liebst, ziehst du zu mir nach Wilsdruff. Dort habe ich meine Kinder, das Haus, die Eltern.“ Seinen alten Haushalt packte der Dresdner unters Dach. „Es rechnet doch niemand mit einem Brand.“

Zu den schmerzlichsten Verlusten gehört sein erster Messerkoffer. Ab 1985 lernte der Wirt im Interhotel Newa auf der Prager Straße das Kochen. Nicht ein Foto ist aus der Zeit übrig geblieben, als täglich über 400 Mittagessen für internationale Gäste in der Newa-Küche zubereitet wurden, Kalbssteak für 13 Mark zum Beispiel. Ein Preis, der für westdeutsche Touristen ein Witz war, so Rühle. Er erzählt davon, als wäre es gestern gewesen. Nur die Erinnerungen sind ihm geblieben.

Der Luisenhof – auch der Balkon Dresdens genannt.

Carolin Rühle-Marten wird auf ihre eigene Art mit der Katastrophe fertig. Kurz nach dem Brand wollte sie unbedingt ins Haus zurück. „Mein Herz hat mir gesagt, dass wir da rein müssen, um alles zu retten, was zu retten ist.“ Im Flur schwammen ihr Arbeitsschuhe und Spielzeug entgegen. Ein paar Babyfotos konnte sie unbeschadet herausholen. Die Versicherung spricht mittlerweile von einem wirtschaftlichen Totalschaden.

Sorgen macht sich das Paar um Tochter Samantha. Sie ist 2013 geboren worden und hat im Haus fast ihre gesamte Kindheit verbracht. Sie hat Geburtstage darin gefeiert und Geschenke unterm Weihnachtsbaum ausgepackt. „Sie hat sehr damit zu tun“, sagt die Mutter.

Inzwischen ist die Familie dabei, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Versicherung hat gezahlt und in Herzogswalde – Luftlinie etwa fünf Kilometer vom alten Zuhause entfernt – sind die Rühles in ein neues Haus gezogen. Der Investor Reinhard Saal hatte aus der Zeitung vom Schicksalsschlag der Familie erfahren und sich umgehend bei ihr gemeldet. Ein schickes, neues Haus direkt am Golfplatz sei es, sagt Carsten Rühle. „Die Ruhe ist wahnsinnig schön. Viele, die uns besuchen, sagen, es sei hier wie im Urlaub.“ Zum Abschalten von dem, was das Paar täglich im Luisenhof leistet, sei es genau der richtige Ort. „Wir sind angekommen.“

Job und Familie unter einen Hut zu bekommen, und daraus macht das Paar kein Geheimnis, ist mit dem Umzug noch schwieriger geworden. „Es ist schon eine Umstellung.“ Carolin Rühle-Martens Sohn Niklas ist jetzt 16 Jahre alt und besucht weiterhin die Schule in Wilsdruff. Der Bus fährt stündlich. Auch die Tochter, die erst in die Grundschule gekommen ist, lernt in der alten Heimatstadt. „Sie bekommt noch den Shuttle-Service von der Mama.“ Um die 45 Minuten sei die 39-Jährige früh auf Achse: von Herzogswalde zur Schule in Wilsdruff und weiter zum Luisenhof auf der anderen Elbseite. Spätestens um fünf am Nachmittag muss sie die Kleine wieder aus dem Hort holen.

Dresden hat 96 000 Einpendler

Das Pendler-Dasein teilt sich die Familie mit Tausenden weiteren Sachsen, die für den Job mindestens eine Landkreis-Grenze überqueren. Allein nach Dresden kommen täglich über 96 000 Menschen, um zu arbeiten.

„Wir haben uns arrangiert. Und wir haben uns das Los, den Luisenhof, selbst ausgesucht“, sagt Carsten Rühle, der seine Kinder in der Woche kaum sieht. „Früh, bevor Samantha zur Schule geht, kommt sie zu mir ans Bett, um Tschüss zu sagen. Ich mache ein Auge auf und schnell auch wieder zu.“

Bestimmt zwei Monate habe das Paar überlegt, ob es den Balkon Dresdens wirklich bewirtschaften soll. Erste Pläne des Eigentümers, die Gasträume so zu verkleinern, dass der Blick auf die Sächsische Schweiz weggefallen wäre, lehnten die Gastronomen ab. Die Dresdener hätten ihnen das übelgenommen. „Das wäre nicht mehr ihr Luisenhof gewesen.“ Der Immobilieneigentümer ließ sich überzeugen.

Familienkompass 2020 Quelle: LVZ

Es sei die richtige Entscheidung gewesen, die Jobs als Restaurant-Betriebsleiter aufzugeben und ein eigenes Ding zu machen. Für die Familie zu Hause zu bleiben, auf den Beruf zu verzichten, sei für Carolin Rühle-Marten trotz der ganzen Fahrerei nie infrage gekommen. „Dafür habe ich viel zu viele Hummeln im Hintern.“ Natürlich hätten die beiden immer überlegt, wie sie es so hinbekommen, dass die Kinder nicht vernachlässigt werden. Inzwischen hat die Familie Wege gefunden, intensiv Zeit miteinander zu verbringen. Am Wochenende ist das gemeinsame Frühstück Pflicht. Und sonntags gibt es neuerdings ein Ritual. Dann gehen alle abends auswärts essen oder kochen zusammen. Zuletzt haben die Rühles eine Mittelmeer-Kreuzfahrt gemacht, mit allen vier Kindern, auch denen, die inzwischen erwachsen sind, eine eigene Wohnung und ein eigenes Leben haben.

Familie gab allen Halt

Was sie an ihrem alten Leben vermissen? Die Nachbarschaft von früher fehle ihr sehr, sagt Carolin Rühle-Marten. „Meine beste Freundin wohnte neben uns.“ Ansonsten versuchen die Rühles loszulassen. „Für uns ist die Zeit nach dem Brand eine schlimme Phase gewesen.“ Die Familie habe allen Halt gegeben.

Brandgutachter der Polizei wissen inzwischen, warum das Feuer ausbrach. Offenbar wurde irgendwann einmal ein Kabel falsch gelegt. Es verlief über den Dachfirst. „Das Haus arbeitet, das Kabel wurde mit der Zeit aufgescheuert“, erzählt Carsten Rühle, der über die Ermittlungen ausführlich mit der Kriminalpolizei gesprochen hat.

Hier geht es zum Fragebogen: www.lvz.de/familienkompass

So geht es zur Online-Umfrage Familienkompass 2020

Familien brauchen eine starke Stimme in der Öffentlichkeit: Deshalb haben Sachsens drei große Tageszeitungen – Leipziger Volkszeitung, Sächsische Zeitung und Freie Presse – gemeinsam mit Forschern der Evangelischen Hochschule Dresden eine landesweite Online-Umfrage gestartet: den Familienkompass 2020.

Uns interessiert: Wie familienfreundlich sind die sächsischen Kommunen? Wie gut sind die Schulen? Wie kindersicher sind Straßen, Plätze, Orte? Ihre Stimme zählt in der Umfrage unter www.lvz.de/familienkompass. Ab Mitte Juni veröffentlichen wir die Ergebnisse. Anschließend konfrontieren wir Entscheidungsträger vor Ort mit den Resultaten und berichten darüber.

Das sollten Sie wissen: Die Online-Befragung Familienkompass läuft bis zum 9. April. Teilnehmen kann jeder ab 18 Jahren. Die Daten der Befragung werden anonym erhoben und ohne Personenzuordnung wissenschaftlich ausgewertet.

Mitmachen und gewinnen: Zum Dank für das Ausfüllen des Familienkompass-Fragebogens haben Sie die Möglichkeit, an einem Gewinnspiel teilzunehmen. Der Hauptpreis ist eine Familienreise nach Binz an der Ostsee.

Hier geht es zum Fragebogen: www.lvz.de/familienkompass

Von Sandro Rahrisch