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Leserbriefe Einsamkeit, Mitgefühl und Zweifel in Zeiten von Corona
Leipzig Leserbriefe Einsamkeit, Mitgefühl und Zweifel in Zeiten von Corona
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09:30 06.05.2020
Isolation in der Corona-Krise: Viele Ältere, Kranke und Alleinlebende leiden darunter. Quelle: Bodo Marks/dpa
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Leipzig

Mehr Mitgefühl und Sensibilität wünschen sich viele unserer Leser in der Corona-Krise – vor allem Älteren und Kindern gegenüber. Aber es sind auch viele Fragen offen und einheitliche Regelungen werden gefordert:

Hoffnung, Kinder und Enkel bald wieder zu sehen

Ich bin eine Oma, die sich vor Corona zwei Mal wöchentlich und hin und wieder auch am Wochenende um ein, zwei Enkel gekümmert hat. Meine Enkel gaben mir Kraft und Freude und hielten mich auf dem Laufenden. Nun aber fühle ich mich wie auf das Abstellgleis geschoben. Ansonsten fit und gesund, weiß ich mich sehr wohl zu beschäftigen, aber mir fehlt die Vertrautheit zu meinen Kindern und Enkeln sehr. Die kleinen Arme, die mich drücken. Die Händchen, die ich hielt. Die Köpfchen, über die ich streicheln konnte. Ich mache mir täglich Gedanken und hoffe sehr, dass ich bald meine Kinder und Enkel wieder in die Arme schließen kann. Denn ohne Kinder fehlt mir die Luft zum Atmen. (Sylvia Lehman, 04105 Leipzig)

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Tägliche Einsamkeit, die mich krank macht

Der Artikel „Familien in Sachsen leiden immer mehr“ (27. April) hat mich wütend gemacht: Ich bin 68 Jahre alt, seit zehn Jahren verwitwet. Mein Mann ist mit 58 Jahren an akuter Leukämie verstorben. Ich musste danach aus einem tiefen Loch heraussteigen und leide heute noch unter dem Verlust meines Mannes. Obwohl ich mir ein Leben danach mühselig aufgebaut habe: Wandergruppe, regelmäßige Konzertbesuche aller Art, Jahreskarte für den Zoo, Rentnertreffen mit ehemaligen Kollegen, Gaststätten- und Kaffeebesuche mit Freunden, Tagesfahrten und so weiter – alles weggebrochen mit Corona. Ergebnis: tägliche Einsamkeit, die mich krank macht. Ich habe keine Angst vor Corona, sondern um meine Psyche, die am Boden ist. Ich spreche aus vielen Herzen älterer Menschen. (Petra Schaffran, 04349 Leipzig)

Schuldknechtschaft, Gewalt und Erniedrigung

In dem Artikel „Corona – wie geht es eigentlich Leipziger Sexarbeiterinnen?“ (24. April) wird wieder einmal behauptet, Prostitution sei das „älteste Gewerbe“, also wie ein uraltes schützenswertes Brauchtum, als etwas ganz Selbstverständliches, eben als normaler Beruf! Für die Frauen, mit denen hier gesprochen wurde, mag das zutreffen. Aber sie vertreten nur eine ganz kleine privilegierte Minderheit, die sich äußern kann. 80 Prozent der in Bordellen, anderen Prostitutionsstätten oder auf der Straße tätigen Personen (meist Frauen) haben nicht die Wahl wie „Viktoria“, einen solch „dankbaren Job“ auszusuchen, der sich für sie mit „Freiheit“ verbindet.

Die meisten Frauen kommen aus Europas südöstlichem Armenhaus, aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder Ungarn, in denen es für junge Frauen kaum berufliche Erwerbsmöglichkeiten gibt und die sich deshalb deutschen Männern „freiwillig“ zur sexuellen Benutzung zur Verfügung stellen oder von Zuhältern in die Prostitution gezwungen werden, wo sie in Schuldknechtschaft geraten, oft auch körperliche und psychische Gewalt und Erniedrigung erleiden müssen. Das so verdiente Geld müssen sie dann noch mit Bordellbetreibern oder Zuhältern teilen, bevor sie den Rest zur Unterstützung ihrer Familien verwenden können. Diesen Frauen sollte unsere Solidarität gelten, keine Diskriminierung! Ihnen muss die Gesellschaft auch über die Corona-Krise hinweg helfen und für danach Wege aus der Prostitution ermöglichen. (Heide Steer, Terre des Femmes – Menschenrechte für die Frau e. V., Städtegruppe Leipzig)

Lieber erkranken oder sterben, als auf Shopping zu verzichten

Der einzige Sinn des Lebens ist für viele offenbar, shoppen zu gehen. Nach den ersten Lockerungen stehen sie vor Klamottenläden, obwohl sie, wie sie selbst zugeben, „nichts brauchen“! Lieber sterben sie, als dass sie ein Sonderangebot am Wühltisch verpassen könnten. Oder diejenigen, die wie die Heringe am Strand liegen, oder die sich dicht gedrängt auf Wochenmärkten um den letzten Kohlkopf prügeln. Als wenn das Todesvirus schon besiegt wäre ... Bußgelder reichen wohl nicht? (Dr. R. Kühnel, 04109 Leipzig)

Vermisse jegliche kritische Berichterstattung über diese inszenierte Krise

Ich vermisse jegliche kritische Berichterstattung über diese inszenierte Krise, die offenbar nur in den Hirnen charakterlich überforderter Politiker stattfindet. Mittlerweile muss doch jedem, auch in Sachsen, klar sein, dass diese Inszenierung nur vor dem Hintergrund stattfindet, Steuermilliarden umzuverteilen. Bürger werden rechtsgrundlos weggesperrt, klein gehalten, für unmündig erklärt. Dass die sächsische Gesundheitsministerin dem ganzen noch die Krone aufsetzt, indem sie potenzielle Quarantänebrecher in die Psychiatrie einweisen will, ist doch wohl an Ungeheuerlichkeit nicht zu überbieten. Die LVZ schweigt, obwohl man als unabhängige Presse nur den sofortigen Rücktritt fordern kann. (Elmar Spurk, per E-Mail)

Anmerkung der Redaktion: Die LVZ hat zu diesem Vorgang nicht geschwiegen und darüber berichtet.

Wert der Wissenschaft wird erheblich reduziert

Im Artikel „Hilft flacher atmen gegen Corona“ (28. April) wird Professor Christian Drosten mit den Worten zitiert: „Wenn mir jemand ein paar Tausend Dollar und freien Zugang zu China geben würde, um die Quelle des Virus zu finden, würde ich an Orten suchen, wo Marderhunde gezüchtet werden.“ Wenn ich mich richtig erinnere, stammt das Zitat aus seinem Podcast. Allerdings hat er dort meiner Erinnerung nach von „ein paar Hunderttausend Dollar“ gesprochen. Ein paar Tausend Dollar bedeuten für mich eine Zahl zwischen 2000 und maximal 50.000 Dollar womit man so eine Studie nicht annähernd finanzieren könnte. Was mich als promovierten Naturwissenschaftler hier stört, ist die Tatsache, dass der Wert der Wissenschaft mit „ein paar Tausend Dollar“ erheblich reduziert wird und falsche Interpretationen durch den Leser zulässt. Der Artikel hat mir sonst sehr gut gefallen. (Daniel Knappe, per E-Mail)

Ministerpräsident Kretschmer ist auf dem richtigen Weg

Über die Belastung der Politiker durch die Corona-Pandemie wurde bisher nie gesprochen. Sie werden mit Zahlen überschüttet, mit Zahlen, die außerdem äußerst unzuverlässig sind. In Deutschland starben im Jahr 2018 insgesamt 954.874 Menschen (Zahlenquelle Todesursachenstatistiken, Herausgeber Statistisches Bundesamt). An einem einzigen Tag sterben in Deutschland also ungefähr 2600 Mitbürger. Das bedeutet, die Zahl der Todesfälle durch Corona ist sehr gering. Außerdem sterben vorwiegend Menschen mit schweren Begleiterkrankungen. Viele Menschen, die Träger des Virus sind, erkranken überhaupt nicht. Ist es wirklich sinnvoll, für die Bekämpfung dieses Virus Bildung, Kultur und Wirtschaft zu opfern? Ich finde, Sachsens Ministerpräsident ist auf dem richtigen Weg. (Dr. med. Annemarie Wiegand, Kohren-Sahlis)

Ernsthafte Infektionskrankheiten sind niemals Privatsache

Zu den Leserbriefen (28. April) auf das Interview mit dem Chemnitzer Professor Siegwart Bigl möchte ich folgendes anmerken: Alle, die jetzt angeblich unverhältnismäßige Eingriffe in die verfassungsmäßigen Rechte beklagen oder die Schutzmaßnahmen in die eigenverantwortliche Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger stellen wollen, blenden mindestens zwei Probleme komplett aus:

1. Ernsthafte Infektionskrankheiten sind niemals Privatsache, wer andere ansteckt, weil er seine persönliche Freiheit ausleben möchte, überschreitet die Grenzen eben dieser in der Verfassung garantierten Freiheit, indem er die Freiheit und das Recht seiner Mitmenschen auf Leben und Gesundheit gefährdet. Covid-19 ist ohne jeden Zweifel eine ernsthafte Infektionskrankheit. Wer etwas anderes behauptet, der lügt – aus welchen Gründen auch immer.

2. Ziel all der in vielen Leserbriefen kritisierten Infektionsschutzmaßnahmen ist es, die Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden. Leider ist dieser Begriff für viele Menschen offenbar wenig konkret. Ich empfehle daher jedem, die wenigen, aber dafür extrem eindrücklichen Erfahrungsberichte von Ärzten und Pflegekräften aus den italienischen oder französischen Krankenhäusern noch einmal anzuschauen oder zu lesen. Sie sind erst wenige Wochen alt und zeigen als einzige die menschliche Dimension des katastrophalen Geschehens in einem überforderten Gesundheitswesen. In der von Wissenschaftlern und Politikern dominierten Diskussion um Übersterblichkeit und Reproduktionszahlen ist es umso wichtiger, diejenigen zu hören, die tatsächlich in der Patientenversorgung tätig sind. Dem Leipziger Professor Christoph Lübbert ist daher für die mahnenden Worte im LVZ-Interview (23. April) ausdrücklich zu danken. Eines der zentralen Prinzipien in unserem deutschen Gesundheitswesen ist es, Rationierungsentscheidungen aus Mangel an Ressourcen soweit als möglich zu vermeiden. (Friedemann Schmidt, Leipzig, Präsident Deutscher Apothekerverbände e. V.)

Frau von der Leyen und der Urlaub

Man sollte schon wissen, dass ein Urlaub zwischen Juni und August 2020 bereits ab November 2019 bis allerspätestens Anfang Januar 2020 gebucht werden muss, um einen vernünftigen Platz zu bekommen. Der Vorschlag von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, den sie im Artikel „Sommerurlaub ade“ (14. April) macht, ist wenig zielführend. Denn schon jetzt wäre es viel zu spät dafür. Wann soll man denn buchen, etwa im September? Der Vorschlag wäre nur für Leute interessant, die „Last Minute“ nutzen, für alle anderen nicht. Peinlich. (Christian Koch, 04209 Leipzig)

Jeder „Landesfürst“ entscheidet für sich

Ihre Berichterstattung ist umfangreich und gut. Ich fühle mich allerdings beim Handeln unserer Politiker mindestens ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Jeder „Landesfürst“ entscheidet, wie er gerade möchte. Die Bundesregierung ist fast zum Kommentieren verurteilt. Österreich ist auch föderalistisch, aber da hat die Bundesregierung das Sagen – und das ist gut so. Das sollten sich unsere „Landesfürsten“ zum Vorbild nehmen und mit ihren teils konträren Diskussionen aufhören. Und im Übrigen sollten alle in der BRD gleich behandelt werden, der Bundesliga-Fußball soll keine Ausnahme bekommen. (Konrad Drey, per E-Mail)

So viele Fragen sind offen

Wie soll eine EU solidarisch sein, wenn es in Deutschland nicht einmal klappt? Jedes Bundesland tickt anders. Und: Man sieht zu, wie viele soziale Kontakte zerbrechen. Die Menschen werden in Angst und Schrecken versetzt. Es gibt nur katastrophale Berichterstattungen. Es werden immer die gleichen furchteinflößenden Bilder gezeigt, Verbote festgelegt und diese auch gleich mit Strafe kontrolliert. Ist es gewollt, unseren Kindern die Kindheit zu nehmen, indem sie wochenlang nicht mehr mit anderen Kindern spielen dürfen? Der Staat hat in den letzten Jahren alles kaputtgespart. Jetzt soll auf einmal Platz und Personal überall da sein, in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern . Es sind sehr viele Fragen offen. (E. Schulz, per E-Mail)

Finanzielle Hilfen für Studenten sollten sein

Ich bin unbedingt dafür, auch Studenten finanzielle Hilfen zukommen zu lassen. Hier sollte aber ein grundlegender Unterschied gemacht werden: Förderfähig dürften ausschließlich praxis- und anwendungsnahe Studienrichtungen sein, also Mint- und medizinische Fachrichtungen, damit für Nach-Corona-Zeiten ein Wiederhochfahren der Wirtschaft mit den (späteren) Absolventen dieser Fächer beschleunigt und verstärkt realisiert werden kann. (Karin Keil, 04158 Leipzig)

Feinstaubwerte in Pandemie-Zeiten

Sicher würde es Professor Matthias Klinger (Artikel „Hohe Feinstaub-Werte in Corona-Zeiten sind grotesk“ vom 18. April) auch als grotesk empfinden, dass ein langjähriger starker Raucher stirbt, obwohl er doch schon einige Monate vorher, gleich nach der Krebsdiagnose, das Rauchen eingestellt hat. Ich sehe eher Hinweise dafür, dass kurzfristige Maßnahmen nicht ausreichen, um ein kaputtes Öko-System zu reparieren. Auch hier sollte man die Wissenschaftler erhören. (Gunter Jäkel, Leipzig)

Was muten wir den Kindern zu?

In den hinter uns liegenden Tagen und Wochen hat uns in diversen Talkshows, Diskussionsrunden und Sondersendungen Corona begleitet. Ganz zu schweigen von den überflüssigen Briefbotschaften des Ministerpräsidenten und des Leipziger Oberbürgermeisters. Ist schon aufgefallen, dass in allen diesen Beiträgen die Situation unserer Kinder, auch nicht im Ansatz, Erwähnung fand? Ich gehöre zur Generation über siebzig und stehe unter „Artenschutz“. Was muten wir dagegen unseren Kindern und in meinem Fall Enkelkindern zu? Spielplatz-Betreten verboten, Schulfreunde treffen zum Spielen verboten, Besuch bei Oma/Opa verboten, Kindereinrichtung geschlossen. Was für seelische Schäden werden hier angerichtet. Geschweige denn, die Alleinerziehenden, die überforderten Eltern! (Reinhard Bergs, per E-Mail)

Situation der Älteren bewegt mich sehr

Zum Artikel „Corona ist mir egal“ (27. April): Ich habe den Artikel über die 86-jährige Helga Witt-Kronshage gelesen und sah mich in allem bestätigt, was ich bis jetzt gedacht habe. Die Situation ist so unvorstellbar, dass ich weinen möchte, so sehr bewegt sie mich. Diese Generation hat unser Land aufgebaut, die Menschen haben ein Leben lang gearbeitet, Familien gegründet, ihr Leben gelebt, es vollendet sich. Was muss der Mensch erdulden, isoliert, gedemütigt und entmündigt? Das letzte Band zur eigenen Familie, dieser kleine und dennoch extrem wichtige Baustein Kontakt, eine Berührung, ein Lächeln, mal sanft über die Wangen streicheln … all das ist derzeit untersagt. Ich kann es nur aus eigener Erfahrung erzählen, wie wichtig diese Momente im letzten Lebensabschnitt eines Menschen sind. Daraus ziehen sie Kraft, stärken ihre Seelen, wappnen sich für den Weg, den wir alle gehen werden. Aber wie ich ihn antrete, das halte ich für sehr wichtig. Ich persönlich sehe mich voll und ganz wie Frau Witt-Kronshage, so würde ich meine letzte Lebenszeit nicht verbringen wollen! (Christine Franke, per E-Mail)

Wünsche mir mehr Sensibilität

Zum Artikel „Corona ist mir egal“ (27. April): Das ist ein sehr, sehr guter Beitrag, den Sie veröffentlicht haben. Man wünschte sich im allgemeinen in dieser schwierigen Zeit mehr Sensibilität gegenüber alten Menschen, die in Pflegeheimen leben müssen oder deren Leben weitgehend andere bestimmen. Die ganze Breite der Problematik haben Sie sehr einfühlsam und gut dargestellt. Was für Argumente unter dem Schirm des „Schutzes für die alten Menschen“ jetzt teilweise öffentlich bemüht werden, das ist schon gelegentlich bedrückend. Und die Tochter hat sehr recht, dass am Ende des Lebens, und da ist man mit 80, das weiß man, manches zählt oder auch nicht mehr zählt, was in der Hektik der Tage einfach untergeht oder der Kontrolle der „Macher“ entgeht ... (Ute Harz, 04107 Leipzig)

Anmerkung der Redaktion: Die – meist gekürzten – Briefe, Mails und Beiträge geben die Meinung des Absenders wieder und stimmen nicht in jedem Fall mit der der Redaktion überein.

Von LVZ

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