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Lokales Ein neuer Ton: Streitgespräch zur Friedlichen Revolution
Leipzig Lokales Ein neuer Ton: Streitgespräch zur Friedlichen Revolution
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08:42 14.09.2019
Quelle: André Kempner
Leipzig

Zwei Menschen, zwei Generationen, ­gemeinsame Wurzeln, verschiedene ­Lebenswege, vereint in Sorge, getrennt in Ansichten: Für das Magazin „30 Jahre Friedliche Revolution“ diskutieren Regine Möbius (75) und Matthias Krauß (59) im Leipziger Café ­Telegraph. Die Schriftstellerin und der Journalist. Beide sind zu einem Gespräch auf der Basis von fünf streitbaren Thesen eingeladen. Die erste dieser Thesen lautet:Es hat keine Revolution in der DDR gegeben. Die Ostdeutschen sind zum Westen übergelaufen, in der Hoffnung, dass sie Wohlstand und Freiheit einfach geschenkt bekommen. Die Ostdeutschen hätten die Macht übernehmen müssen, statt sie zu verkaufen und zu verschenken. Sie hätten die Fehler des DDR-­Systems ­kritisch analysieren und dafür ­sorgen sollen, dass das Volkseigentum wirklich in das Eigentum des ­Volkes überführt wird. Stattdessen kamen Begrüßungsgeld und Beitritt.

Regine Möbius:Dem stimme ich nicht zu. Die Revolution hat meiner Meinung nach schon viel früher begonnen. Bereits 1983, während der gesamten Friedensdekade, kam es in Leipzig zu Demonstrationen. Zunächst hatten 30 bis 50 Demonstranten Kerzen angezündet und sich schweigend an markanten Punkten der Stadt vor und nach den Friedensgottesdiensten aufgestellt. Sicherheitskräfte lösten die Demonstrationen auf. Am letzten Tag der Dekade versammelten sich wieder rund 50 vor dem Kino Capitol, da dort die Dokumentar- und Kurzfilmwoche stattfand. Aus der Messehofpassage beobachtete ich, wie viele von ihnen verhaftet wurden. Darunter eine schwangere Frau. Später erfuhren wir die genaue Zahl: 17 von ihnen waren festgenommen worden, und gegen sieben wurden Ermittlungsverfahren wegen illegaler staatsfeindlicher Zusammenrottung eingeleitet. Wir hatten Angst, fühlten uns aber damals gleichzeitig als Opposition. Beflügelt auch von Friedrich Schorlemmer und Stefan Nau, die 1983 in Wittenberg Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet hatten. In Folge dieser Aktion trugen immer mehr Schüler, Studenten und Mitglieder der Jungen Gemeinden an ihren Kutten den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“. Ein Signal, das die ganze DDR erfasste. Fast alle wurden von Ordnungskräften der Polizei oder Staatssicherheit gezwungen, die Aufnäher abzutrennen. Das Witzige: Der helle Fleck, wo einst der Aufnäher befestigt war, blieb und mit ihm der Trotz. Diese Vorfälle und Aktionen sprachen sich herum. Es bildeten sich immer mehr kleine oppositionelle Gruppen, die regelmäßig Friedensgebete organisierten. Die verstärkten die Hoffnung auf Veränderung.

Matthias Krauß:Es war zweifellos eine Revolution. In dem Sinne, dass ein Volk eine Oberschicht, eine Staatsmacht stürzt. Im Nachhinein sehe ich es eher als Restauration, als Wiederherstellung früherer gesellschaftlicher, politischer Verhältnisse. Als Wiederherstellung kapitalistischer (plutokratischer) Zustände der Geldherrschaft. Die traditionellen deutschen Machteliten haben sich Ostdeutschland wieder einverleibt. Von Überlaufen kann man nicht sprechen. Die Ostdeutschen sind von der Geschichte überrollt worden. Für Analysen und Alternativvorschläge war keine Zeit. Ein kritisches Analysieren würde ich auch von einem Volk nicht verlangen. Die Ostdeutschen haben getan, was ein Volk immer tut: Es passt sich an. Ich nenne Anpassung ein Menschenrecht. Und ich nenne auch die Menschheitsgeschichte eine Geschichte der Anpassung. Denn was bleibt denn dem Einzelnen, der in eine konkrete Situation hineingeboren oder hineingelebt wird, übrig, als aus ihr das Beste zu ­machen?

Regine Möbius: Noch 1987 kam es fast überall in der DDR zu einem breiten Zusammengehen von Ausreisewilligen mit der Opposition. Dabei stellten die Antragsteller auf Ausreise immer wieder die Frage nach der Einheit Deutschlands, während fast alle Oppositionellen hartnäckig ihren Platz in der DDR verteidigten. Nach dem Fall der Mauer zeigt die kritische Analyse ein anderes Bild: Ende 1989 gab es schon keine wirkliche Oppositionsbewegung mehr, die war geschwächt, praktisch zersplittert, des­illusioniert. Ein Teil orientierte sich an westdeutschen politischen Traditionen, andere suchten in der Ökologiebewegung neue Handlungsfelder, wieder andere wollten eine alternative Demokratie gestalten. Die oppositionelle und verfolgte Minderheit hatte zwar einen politischen Prozess eingeleitet, aber keine Lobby.

Matthias Krauß:Seit drei Jahrzehnten muss sich der Ostdeutsche anhören, dass er einem Unrechtsstaat gedient hat. Er wird gar als Mitläufer beschimpft. Eine Unverschämtheit. Dieser Begriff stammt aus dem Dritten Reich und galt Personen, die sich zwar nicht in nennenswertem Umfang aktiv an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt, aber auch keinen nennenswerten Widerstand geleistet hatten. Die heutige Verwendung betont vor allem den Gesichtspunkt, dass ein Mitläufer alles passiv geschehen lässt oder einfach mitmacht, ohne dabei für sein Verhalten Rechenschaft abzulegen oder Verantwortung zu übernehmen.

Regine Möbius:Ich finde diesen Begriff auch absolut deplatziert. Viele Menschen haben vor und nach ’89 Rückgrat bewiesen. Konzepte, die die friedensethische Frage unmittelbar mit der gesellschaftlichen Situation in der DDR verbanden, gab es seit 1984 in großer Zahl. Zentraler Gedanke war, der religiös bestimmten Friedensbewegung eine politische Ebene zu geben. Ein besonderes Problem für uns war der Spagat zwischen der häuslichen Erlebniswelt und den Diskussionen in der Schule. Besonders betroffen davon war unsere 1974 geborene Tochter Julia. Sie ist 1989, fast 15-jährig, in die Thomasschule gewechselt. Davor gab es eine Aufnahmeprüfung. Julia sah sich mit der Parteisekretärin der Schule konfrontiert. Sie fragte: „Was willst du später mal beruflich machen?“ Julia: „Ich würde gerne Übersetzerin werden oder Dolmetscherin.“ Darauf die Parteisekretärin: „Willst du die sein, die hinter ­Erich Honecker steht, wenn er auf ­Auslandsreisen ist?“ Was sollte sie dazu sagen? Und dann fragte man sie: „Wie willst du den Sozialismus weiterführen, wenn deine Eltern mal tot sind?“ Meine Tochter schwieg, sie war wohl verzweifelt und überfordert. Als wir uns nach diesem Gespräch trafen berichtete sie, sich abwechselnd auf die Zunge und die innere Wangenhaut gebissen zu haben, um nicht losheulen zu müssen. Bis zum Abitur haben sich fast alle Jugendlichen aus Julias Klasse den ehemals staatstragenden Lehrern der Schule weitestgehend verweigert. Das habe ich damals als beachtlich und hoffnungsvoll empfunden.

„LVZ-Geschichte: 30 Jahre Friedliche Revolution“: Das Buch ist ab dem 14. September erhältlich. Quelle: Anne Bittner

Das ungekürzte Streitgespräch zu fünf Thesen ist zu lesen im Magazin „LVZ Geschichte: 30 Jahre Friedliche Revolution“. Das Buch ist erhältlich für 9,90 € in den ­Geschäftsstellen der Leipziger Volkszeitung, im LVZ Shop auf www.lvz-shop.de oder telefonisch unter 0800 2121 070 ­(kostenfrei), außerdem im Buchhandel und in ausgewählten ­Pressefachgeschäften.

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