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Lokales 30. Geburtstag für besonderen Plattenbau in der Leipziger City
Leipzig Lokales 30. Geburtstag für besonderen Plattenbau in der Leipziger City
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09:03 10.12.2019
Der Plattenbau in der Nikolaistraße 31 verfügt über 48 Wohnungen und zwei Restaurants im Erdgeschoss. Quelle: Frieder Hofmann
Leipzig

Wer heute durch die Leipziger City läuft, wird kaum bemerken, dass sich unter den vielen denkmalgeschützten Häusern in der Nikolaistraße auch ein Plattenbau befindet. Die Rede ist vom Wohnhaus Nikolaistraße 31, das in diesen Tagen sein 30. Gründungsjubiläum feiert.

Realisierung stand auf der Kippe

Es war eine äußerst schwierige Geburt, erinnert sich Frieder Hofmann, der im Herbst 1989 als Chefarchitekt beim Leipziger Baukombinat (BKL) arbeitete. „Besonders nach der 1. Leipziger Volksbaukonferenz im Januar 1990 stand die Realisierung des Vorhabens auf der Kippe.“ Die damals schon begonnenen Arbeiten seien von Kritikern als „Kulturschande“ oder Angriff der DDR-Plattenbau-Industrie auf die Innenstädte verteufelt worden. Sie wurden deshalb vorläufig gestoppt.

Runder Tisch nach Volksbaukonferenz

Doch im Ergebnis der zum Teil heftig geführten Diskussion hätten sich schließlich sachliche Argumente durchgesetzt. Beteiligt daran waren die Initiative Leipziger Architekten, Denkmalpfleger, das Büro des Leipziger Chefarchitekten, das Baukombinat und viele interessierte Bürger der Stadt. Ein Runder Tisch – schon wenige Tage nach der Volksbaukonferenz – brachte ein Ergebnis, das in der LVZ zur Diskussion gestellt wurde. Wichtigste Punkte: Es bleibt dabei, dass die Nikolaistraße 31 ein Wohnhaus (mit 48 überwiegend kleinen Wohnungen) wird, aber die Fassadengestaltung wird der Umgebung angepasst.

Erker, Loggien und Balkone: Die Nikolaistraße 31 ist ein ungewöhnlicher Plattenbau. Quelle: Frieder Hofmann

Die Fassade des Siebengeschossers, der eine Kriegslücke füllen sollte, erhielt deutliche Bezüge zum Zeppelin-Haus (Nikolaistraße 27-29) und dem ebenfalls benachbarten, historischen Pelzhandelshaus in der Nikolaistraße 33-37 (von Architekt Johann Gustav Pflaume). Die verschieden gestalteten Fassadenteile entstanden im BKL-Lehrwerk an der Saarländer Straße, berichtete Architekt Hofmann weiter: „Das Herstellungsverfahren basierte auf Erfahrungen, die den Planern und Plattenwerkern von Mitarbeitern des damaligen VEB Stuck und Naturstein Berlin zur Verfügung gestellt worden waren.“

Rotlichtmeile 1943 komplett zerstört

Wermutstropfen: Ein damals noch geplanter Durchgang zum Innenhof, der als Verbindung zum später eventuell wieder herstellbaren Goldhahngäßchen gedacht war, wurde in der Endfassung der Planung Mitte 1990 nicht mehr umgesetzt. Schade: Sonst könnten die City-Passanten eines Tages vielleicht doch wieder eine Querverbindung von der Ritterstraße durch den wunderbar sanierten Oelßners Hof und das Goldhahngäßchen in Richtung Reichsstraße nutzen. Das dortige Ende des 1943 komplett zerstörten Goldhahngäßchens (einst Leipzigs berühmteste Rotlichtmeile) wurde aber schon in den 1960er Jahren durch die siebengeschossige Wohnzeile an der Reichsstraße verstellt.

Gute Haltungsnoten vom Denkmalschutz

Nach 30 Jahren Existenz erhalte die Nikolaistraße 31 mittlerweile meist positive Haltungs-Noten, erläuterte Hofmann weiter. So habe das sächsische Landesamt für Denkmalpflege vor einiger Zeit festgestellt: „Trotzdem es sich um ein relativ stattliches, siebengeschossiges Haus mit Flachdach handelt, fügt es sich behutsam in den Straßenraum ein. Können beide Leipziger Lückenschließungsbauten (im Beitrag wird ebenfalls die Ritterstraße 12 am Nikolaikirchhof erwähnt) auch nicht mit dem gestalterischen Aufwand und der Raffinesse Ostberliner Bauten der Postmoderne mithalten, sind sie doch eines der wenigen in der DDR entstandenen Zeugnisse einer intelligenten Adaption an die historische Umgebung und gelungene Beispiele eines angepassten innerstädtischen Bauens dieser Zeit in Großtafelbauweise.“

„Charakterlos, beliebiger Zweckbau“? Das vor zehn Jahren eröffnete Motel One in der Nikolaistraße. Quelle: Frieder Hofmann

Der Schöpfer selbst wünschte sich wieder mehr Diskussionen um wichtige Bauten in Leipzig. Ihm sei es zum Beispiel unverständlich, warum ein Hotel-Bau wie das Motel One am Nikolaikirchhof an einem historisch so bedeutsamen Ort ohne öffentlichen Widerstand oder Kritik genehmigt werden konnte. Er sehe darin nur einen „charakterlosen, beliebigen Zweckbau“. Eröffnet 2009 – als es schon lange keine DDR-Mangelwirtschaft mehr gab. Die Nikolaistraße 31 habe hingegen das, was aktuellen Bauten vielerorts fehle, so Hofmann: „Sie ist im positiven Sinne unverwechselbar.“

Von Jens Rometsch

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