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Lokales 65-Jährige kämpft vor Gericht – sie will nicht ins Gefängnis
Leipzig Lokales 65-Jährige kämpft vor Gericht – sie will nicht ins Gefängnis
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22:34 10.09.2019
Muss eine 65 Jahre alte Frau hinter Gitter? Darüber verhandelt derzeit das Landgericht Leipzig. (Symbolbild) Quelle: dpa
Leipzig

Eine 65 Jahre alte Frau kämpft am Leipziger Landgericht darum, nicht hinter Gitter zu müssen. Die selbstständige Versicherungsmaklerin soll reihenweise Kunden bei dubiosen Geldanlage-Geschäften um ihr Erspartes gebracht haben. Es geht um einen Schaden von mehr als 300 000 Euro. Die erste Instanz, das Amtsgericht Leipzig, hat die jetzige Altersrentnerin im August 2018 zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Bei dieser Strafhöhe gibt es keine Bewährung mehr; die Frau müsste unweigerlich ins Gefängnis. Sie legte Rechtsmittel ein – am Dienstag begann der Berufungsprozess.

Hohe Verzinsung versprochen

„Es war klar, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen wird“, zitiert Berufungsrichter Falk Albrecht zum Auftakt aus dem Ersturteil. Zwischen 2011 und 2014 habe die Versicherungskauffrau von Kunden aus der Leipziger Region jeweils mehrere Tausend Euro entgegengenommen und ihnen eine sehr hohe Verzinsung zwischen fünf und 17 Prozent sowie auch noch Boni versprochen. Laut Urteil verfügte sie über keinerlei Erlaubnis für derlei Vermittlungen. Die Angeklagte habe die Summen für die Rückzahlung und zur Finanzierung ihres eigenen Lebens verbraucht. Letztlich erhielten die Kunden bei diesem Schneeballsystem gar kein Geld mehr zurück. Das Amtsgericht sprach Steffi H. wegen 32 Fällen des Betreibens unerlaubter Bankgeschäfte in Tateinheit mit Betrug sowie drei weiteren Betrugsfällen schuldig.

„Ich hatte noch nie einen hohen Lebensstandard – so wie es immer gesagt wird“, wehrt sich die Angeklagte nun zum Beginn des Berufungsprozesses. Ihr Auto sei 29 Jahre alt, ihre letzte Auslandsreise habe sie 2006 unternommen. Sie verfüge nicht über Grund und Boden und auch nicht über Erspartes. 2012 sei ihr Ehemann gestorben. Auch habe sie in erster Instanz am Amtsgericht Leipzig kein vollumfängliches Geständnis abgelegt, beharrt sie. „Vielmehr hörte ich auf meinen damaligen Anwalt.“ Deshalb habe sie die Hintergründe nicht weiter erhellt. Zudem seien damals kaum Zeugen gehört worden.

Ziel: Bewährungsstrafe

Mit neuem Verteidiger strebt die 65-Jährige nun eine Strafe an, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden kann, und bringt einen ominösen Dritten ins Spiel. Dieser Geschäftsmann, den sie 1993 kennengelernt habe, sei in ihrem Büro aufgetaucht und habe ihr versichert, „gute Möglichkeiten der Geldanlage“ zu haben. „Er fragte, ob ich Interesse hätte.“ Sie sei zwar „ein bisschen skeptisch“ gewesen, willigte aber ein und erhielt ihren Worten zufolge selbst 2,5 Prozent Provision. Anfänglich habe alles auch gut geklappt.

„Ich musste ihm das Geld in bar geben, und ich bekam es mit Zinsen bar zurück. Mit den Kunden schloss ich einen Privatvertrag ab – über Summe, Verzinsung, Datum der Rückzahlung“, sagt die Angeklagte. Auf die hartnäckigen Fragen des Vorsitzenden Richters Falk Albrecht, welche Anlagemöglichkeiten denn das bei dieser versprochenen enorm hohen Verzinsung gewesen sein sollen, entgegnet die Angeklagte: „Das habe ich nicht genau hinterfragt. Es war meine Blauäugigkeit, mein Fehler.“ Dass die Kunden mit ihrem gesamten Ersparten von ein paar Tausend Euro zocken und es jemandem überlassen, von dem sie nicht wissen, was er damit treibt, bezeichnet der Richter aber als „nicht glaubhaft“. Dazu die Angeklagte: „Ich habe niemanden gezwungen.“ Sie räumt ein, „keine Fachkraft für Geldanlagen“ gewesen zu sein und keinerlei Erlaubnis besessen zu haben.

Inzwischen zog Steffi H. zu ihrem Lebenspartner ins Bundesland Brandenburg und hat Anfang 2019 einen Antrag auf Privatinsolvenz gestellt. Die 15. Strafkammer des Landgerichts hat Termine bis 22. Oktober anberaumt.

Von Sabine Kreuz

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