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Lokales 9. Oktober: Riesen-Empörung über Gysi-Auftritt in Leipzig
Leipzig Lokales 9. Oktober: Riesen-Empörung über Gysi-Auftritt in Leipzig
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20:21 28.06.2019
Leipzig, am 23.10.1989: Mit Plakaten forderten die Demonstranten die SED auf, ihre Macht zu teilen. Quelle: dpa
Leipzig/Wittenberg

Über dem großen Leipziger Jubiläum zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution brauen sich im Vorfeld dunkle Wolken zusammen. Grund: Eine geplante Festrede zur Revolution in der DDR am 9. Oktober von Linken-Spitzenpolitiker Gregor Gysi in der Peterskirche sorgt bei Bürgerrechtlern für helle Empörung.

Steinmeier redet beim Lichtfest

Hintergrund: Neben dem traditionellen Lichtfest, bei dem in diesem Jahr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Festredner auftritt, ist ebenfalls für den 9. Oktober um 20 Uhr ein Gedenkkonzert in der Leipziger Philharmonie geplant. Titel der Veranstaltung: „Freiheit schöner Götterfunken“. Dazu haben die Philharmoniker Linken-Politiker Gregor Gysi als Festredner eingeladen – was jetzt erheblichen Gegenwind ausgelöst hat.

Dass ausgerechnet der letzte SED-Chef in jener Stadt, in der im Herbst 1989 das Ende der SED-Herrschaft eingeleitet wurde, eine Laudatio auf den historischen 9. Oktober 1989 halten soll, macht viele Bürgerrechtler fassungslos. In ihrer Wut haben sie am Freitag einen offenen Brief verfasst, der LVZ.de im Wortlaut vorliegt und der sich explizit gegen Gysis Auftritt am 9. Oktober in Leipzig richtet.

Gysi-Auftritt in Kirche sei zynisch und empörend

Darin heißt es: „Wir können nicht glauben, dass die Geschichtsvergessenheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass nun schon diejenigen zu Festreden eingeladen werden, die Revolution und Einheit mit aller Entschiedenheit zu verhindern suchten.“ Es sei zynisch und empörend, dass dieser Auftritt ausgerechnet in einer Leipziger Kirche geplant ist. „Offenbar ist es nötig, künftig noch entschiedener auf die Verbrechen und die historische Verantwortung der SED hinzuweisen. Das werden wir tun“, drohen die Unterzeichner an.

Zu den Initiatoren des Aufrufs gehören Frank Ebert (Robert-Havemann-Gesellschaft), der renommierte Berliner Historiker und DDR-Forscher Ilko-Sascha Kowalczuk und der Bürgerrechtler Uwe Schwabe (Leipziger Bürgerarchiv). Unterschrieben haben bereits rund 500 Persönlichkeiten, darunter Liedermacher Wolf Biermann, Ex-Stasiunterlagenchefin Marianne Birthler; der Historiker Rainer Eckert, Grünen-Politiker Werner Schulz und die Leipziger Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns (Stiftung Aufarbeitung).

Offener Brief der Bürgerrechtler zum Gysi-Auftritt

Fake News zur Friedlichen Revolution?

Presseagenturen verbreiten die Nachricht, Gregor Gysi, der letzte SED-Vorsitzende und anschließende Chef der SED/PDS, dann der PDS und schließlich Multifunktionär der Linkspartei soll am 9. Oktober 2019 in der Peterskirche zu Leipzig, umrahmt von den Leipziger Philharmonikern, eine Festrede zur Revolution in der DDR halten.

Der Freiheitsrevolution, die zum Mauerdurchbruch am 9. November 1989, zu freien Wahlen am 18. März 1990 und schließlich zur Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 führte. Ausgerechnet zum selben Zeitpunkt soll Gysi reden, zu dem mit einem großen Lichtfest um den Leipziger Ring an die Friedliche Revolution erinnert werden soll. Was sich wie Fake News liest, stellt sich bei näherer Betrachtung als ernstgemeinte Veranstaltung heraus. Wir sind fassungslos!

Ausgerechnet Gregor Gysi, dessen Partei die Diktatur befehligte, der ganz persönlich gegen die Deutsche Einheit war und der jahrelang die Aufarbeitung der SED-Diktatur zu behindern suchte, soll nun am 30. Jahrestag des 9. Oktober, dem Tag der Entscheidung der Revolution in der DDR, an dem über 70.000 Demonstranten in Leipzig aus allen Teilen der DDR die Herrschaft der SED entscheidend erschütterten, eine Festrede in einer Leipziger Kirche halten.

Wir können nicht glauben, dass die Geschichtsvergessenheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass nun schon diejenigen zu Festreden eingeladen werden, die Revolution und Einheit mit aller Entschiedenheit zu verhindern suchten. Wir finden das zynisch und empörend. Offenbar ist es nötig, künftig noch entschiedener auf die Verbrechen und die historische Verantwortung der SED hinzuweisen. Das werden wir tun.

Auch wenn das viele nicht hören wollen: Die SED ist nie aufgelöst worden, weil Rechtsanwalt Gysi und seine Partei nicht alles verlieren wollten, vor allem das große Vermögen der SED, aber auch politischen Einfluss, und das deshalb verhinderten. Das haben sie mehrfach vor Gericht selbst bestätigt. Nun wollen sie offenbar sogar noch im Nachhinein die Revolution für sich beanspruchen und gewinnen, für die nicht Gregor Gysi steht, sondern all jene, die die SED herausgefordert und entmachtet haben und zu denen wir uns zählen.

28. Juni 2019

Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin e.V.

Wolf Biermann; Marianne Birthler; Frank Ebert; Rainer Eckert; Ralf Hirsch; Freya Klier; Ilko-Sascha Kowalczuk; Hildigund Neubert; Ehrhart Neubert; Maria Nooke; Gerd Poppe; Werner Schulz; Uwe Schwabe; Annette Simon; Reinhard Weißhuhn

Über 400 weitere Bürgerinnen und Bürger haben den Brief inzwischen unterschrieben. Zur Protesterklärung geht es hier.

In den letzten 30 Jahren, so eine weitere Kritik , habe Gysi als wichtigster Funktionär der mehrfach umbenannten SED die Aufarbeitung der SED-Diktatur persönlich und als Funktionsträger behindert. „Dass er dennoch zu einem der gefragtesten Politiker, vor allem in Deutschlands Salons und Talkshow wurde, verdankt er nicht nur seinem Talent, sondern auch der Freiheit, für die am 9. Oktober 1989 zehntausende Menschen mit größtem Risiko auf die Straße gegangen sind.“ Von der heute gelebten Demokratie und Freiheit, für die die Demonstranten auf die Straße gegangen sind, profitieren eben auch jene, die auf der anderen Seite standen – und das ist gut so, fügen die Unterzeichner an.

Stadt Leipzig: Wirbel um Tweet von Hubertus Knabe

Derweil gibt es Aufregung um eine Wortmeldung des Historikers Hubertus Knabe. Die Stadt Leipzig erklärte in einer Mitteilung unter der Überschrift „Falschmeldung“, Knabe habe am späten Mittwochabend per Twitter die Meldung verbreitet, die Stadt Leipzig habe zur Feierstunde am 9. Oktober Gysi als Festredner eingeladen. „Diese Behauptung ist falsch. Festredner wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sein.“ In dem inzwischen aktualisierten Knabe-Tweet ist nun von „einem Orchester der Stadt Leipzig“ als Gysi-Einlader die Rede.

Schorlemmer: Eine Gysi-Ausladung wäre Zensur!

In der aufgeheizten Anti-Gysi-Stimmung erhalten der Linken-Politiker und seine Einlader von der Leipziger Philharmonie, die in der Peterskirche den musikalischen Rahmen bieten, aber auch Unterstützung von prominenter Seite. So hat sich der Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer gegen eine nachträgliche Ausladung Gysis gewandt. „Das käme einer Zensur gleich“, sagte Schorlemmer lvz.de. „Niemand ist genötigt in jenes Konzert in der Peterskirche zu gehen. Eine Verhöhnung durch sein Auftreten kann ich nicht erkennen.“ Nach seinen Erfahrungen, so Schorlemmer, könne er sagen: „Auch Gregor Gysi ist in der Friedlichen Revolution befreit worden, befreit auch von den Einmauerungen in einer Ideologie und Praxis des Marxismus-Leninismus.“ Die SED-PDS, jetzt die Linke, sei längst keine Kaderpartei mit einem ideologischen Programm mehr.

Schorlemmers Verteidigung der Gysi-Rede

Zum Auftritt von Gregor Gysi am 9. Oktober in Leipzig.

Sicher spreche ich damit nicht im Namen der Stiftung Friedliche Revolution, sondern in meinem Namen und in meiner Verantwortung:

Eine nachträgliche Ausladung Gregor Gysis käme einer Zensur gleich. Und niemand ist genötigt in jenes Konzert in der Peterskirche zu gehen. Eine Verhöhnung durch sein Auftreten kann ich nicht erkennen, seine bisherigen schriftlichen Einlassungen, parlamentarischen Einwürfe oder öffentlichen Auftritte bedenkend.

Nach meinen Erfahrungen mit Herrn Gysi könnte ich auch sagen: auch Gregor Gysi ist in der Friedlichen Revolution befreit worden, befreit auch von den Einmauerungen in einer Ideologie und Praxis des Marxismus-Leninismus. Die PDS (jetzt die LINKE) ist längst keine Kaderpartei mit einem ideologischen Programm mehr.

Gysi zählt inzwischen zu den linken Demokraten, der sich den Auseinandersetzungen stellt und nicht zuletzt vielen früheren SED-Mitgliedern in der Linken eine politische Heimat eröffnet hat.

Ich weiß nicht, wer der Veranstalter ist, ob und wie sich diese Veranstaltung in der Peterskirche in die Erinnerungsriten des 9. Oktober 1989 im Jahre 2019 einfügt.

Die friedliche, so mutige wie besonnene demokratische Aufbruchsbewegung in der DDR mit dem „Symboldatum“ 9. Oktober und ihren 70.000 Demonstranten ist letztlich in jenen dramatischen Herbsttagen von 1989 auch denen zu verdanken, die ihre angedrohten Machtmittel schließlich nicht mehr eingesetzt haben. Die damalige Parteiführung konnte sich ihrer Mitglieder in den Auseinandersetzungen nicht mehr sicher sein.

Gregor Gysi hat einen, seinen Beitrag für einen friedlichen, keineswegs unumstrittenen Übergang in die Demokratie geleistet und findet gewöhnlich eine große Zuhörerschaft, hat Freunde und Feinde und lässt sich nicht von dem ihm auch entgegengebrachten Hass bestimmen.

Was er sagt, ist bedenkenswert und verschafft ihm eine kaum vergleichbare Sympathie der Öffentlichkeit.

Friedrich Schorlemmer, Wittenberg, 28. Juni 2019

Am Freitagabend reagierten auch die Philharmoniker auf die Kritik. In einer Mitteilung an die LVZ erklärten sie: "Menschen mit unterschiedlichen persönlichen und politischen Wurzeln leben heute miteinander zusammen, haben die Wende geprägt und das heutige Deutschland gemeinsam gestaltet. Deshalb lassen wir in unserer Konzertreihe bewusst jedes Jahr unterschiedliche Zeitzeugen zu Wort kommen, um verschiedene Eindrücke dieser Personen erlebbar zu machen und sie ihre Blicke auf die damalige und heutige Situation werfen zu lassen."

In diesem Jahr seien zusammen mit dem Kurt-Masur-Institut neben Gregor Gysi auch Michail Gorbatschow, Bernd-Lutz Lange, Lothar de Maizere, Katharina Witt und Norbert Lammert eingeladen worden. Gysi habe "das Zeitgeschehen und die demokratische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten geprägt." Wie sei heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, sein Blick auf diese Zeit, laute die Frage, die von Interesse sei.

Abschließend heißt es: "Wir laden alle Bürger dazu ein, unser Konzert am 9. Oktober mitzugestalten. Wir freuen uns, dass sich bereits zahlreiche Leipziger für den traditionellen Bürgerchor angemeldet haben, um am Ende des Konzertes gemeinsam zu singen: '…Alle Menschen werden Brüder'."

Von André Böhmer und Olaf Majer

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