Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales „Ich bin der Teufel“: Baulöwe Jürgen Schneider blickt auf seine Zeit in Leipzig zurück
Leipzig Lokales „Ich bin der Teufel“: Baulöwe Jürgen Schneider blickt auf seine Zeit in Leipzig zurück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:17 16.10.2018
Gezähmter Baulöwe: Jürgen Schneider räumte 2013 im Interview mit der LVZ seine Fehler ein. Quelle: Sabine Schanzmann-Wey
Leipzig

Jürgen Schneider (84) löste mit seiner Flucht aus Deutschland 1994 eine der größten Immobilienpleiten der Nachkriegszeit aus und hinterließ bei gut 50 Banken mehr als fünf Milliarden Mark Schulden. Auch viele Handwerksfirmen waren davon betroffen, vor allem in Ostdeutschland. Allein in Leipzig hatte Schneider über 70 Gebäude aufgekauft. Mit Aufstieg und Fall des Immobilienspekulanten beschäftigt sich das Doku-Drama „Der Auf-Schneider“, das in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Der Film beleuchtet laut MDR die Perspektive der Schneiders (Reiner Schöne als Jürgen Schneider, Gesine Cukrowski als Claudia Schneider) sowie die der Banken, der Ermittler, der Leipziger Handwerker und der Medien.

Vor mehr als fünf Jahren traf die Leipziger Volkszeitung den Ex-Baulöwen zu einem seiner seltenen Interviews – hier nachzulesen im Original vom 12. Januar 2013:

An Jürgen Schneider scheiden sich die Geister: Für die einen ist er schlicht ein Betrüger, die anderen bewundern ihn unverhohlen für seine Dreistigkeit im Umgang mit Banken und zollen ihm Respekt für seine Bauinvestitionen. Jetzt hat seine Tätigkeit als Unternehmensberater für neue Schlagzeilen gesorgt. Sabine Schanzmann-Wey hat Schneider in der Nähe von Bonn zum Interview getroffen.

Sie werden dieses Jahr 79 Jahre alt und sind nun wieder aktiv im Geschäft als Unternehmensberater. Warum genießen Sie nicht einfach Ihren Ruhestand?

Jürgen Schneider: Ruhestand gibt es bei mir nicht. Ich habe mein Leben lang gearbeitet wie ein Berserker. Wenn ich es nicht tun würde, würde ich nur meiner Frau zur Last fallen.

Wie genau sieht Ihre Tätigkeit aus?

Ich habe meinen Kopf und meine Erfahrungen. Was ich weitergeben kann, ist Praxis. Damit kann ich all denen, die beim Bauen und im Immobiliengeschäft Probleme haben, Ratschläge geben und helfen. Das sind gestandene Mittelständler, junge Unternehmer oder Häuslebauer.

Aber ist es nicht zweifelhaft, wenn der Pleite-Baulöwe nun als Berater auftritt?

Eines ist natürlich schwierig: Wenn eine Bank mein Gesicht sieht, dann holen die, überspitzt formuliert, die Kalaschnikow raus. Da kann ich mich nicht sehen lassen und das verstehe ich auch. Ich mache das daher grundsätzlich so: Ich berate, aber ich trete nicht öffentlich auf.

Es dürfte Sie aber nicht überraschen, dass Ihre Beratertätigkeit durchaus auch für kritische Reaktionen sorgt.

Nur derjenige, der Fehler macht – und ich habe viele Fehler gemacht – lernt daraus. Ich bin ja nicht so dumm, das gleiche noch mal zu machen. Meine Devise heute lautet: Das allerwichtigste ist Cash. Es müssen wirtschaftlich vernünftige Dinge gemacht werden und man muss ganz vorsichtig am Immobilienmarkt vorgehen.

Beraten Sie auch Unternehmen in Leipzig?

Ja. Ich wähle aber sehr genau aus, denn ich will nicht in einen Strudel hineingeraten und am Ende noch für etwas haften. Ich kann mich auch nicht übernehmen, denn es ist Arbeit, alles zu überblicken. Ich berate ungefähr zehn Leute und das ist genug.

Sie haben auf Ihrer Homepage sogar Leserbriefe aus der LVZ stehen, in denen es um die Fassade der Blechbüchse geht. Verfolgen Sie das Geschehen in Leipzig immer noch aufmerksam?

Ich fühle mich mit meinen Häusern in Leipzig verbunden. Ich sage immer noch meine, auch wenn sie mir nicht mehr gehören. Aber Leipzig ist mein Lebenswerk. Für mich hat die Stadt etwas ganz Besonderes, für sie hatte ich eine Vision. Leipzig hat einen inneren Kern, den es nirgendwo sonst gibt. Mir schwebte vor, die alten Messestadt-Strukturen schneller wiederherzustellen als auf der grünen Wiese neue Kaufhäuser entstehen. Daher habe ich ganze Quartiere aufgekauft.

Hier hinterließ Schneider in Leipzig seine Spuren:

Jürgen Schneider hinterließ Spuren in Leipzig. Diese Bauten gehörten einst dem Immobilien-Pleitier.

In Leipzig gibt es gerade einen Skandal um herrenlose Häuser. Wie ist es Ihnen damals eigentlich gelungen, so schnell so viele Häuser zu erwerben?

Das war sehr schwierig. Aber damals waren in der Stadtverwaltung Leute wie Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube und der Planungschef Niels Gormsen. Die haben begriffen, was ich wollte. Und daher bekam ich überall Hilfe. Zudem hatte ich damals einen Namen und bekam von den Banken Geld. Und wenn man Geld hat, kann man auch schneller bezahlen als die Konkurrenz.

Sie hatten vor Ihrem Engagement in Leipzig schon zwei Milliarden DM Schulden. Hätten Sie nicht wissen müssen, dass ihr Geschäftsmodell nicht aufgehen kann?

Nein, das konnte ich nicht wissen. Aber ich hätte wissen müssen, dass es zu viel ist, wenn es schief geht. Aber diese Prognose haben viele nicht bilanziert. Alle waren der Meinung, es geht aufwärts.

Aber es bestand doch die Gefahr, zu viel Geld auf falscher Basis zu erhalten?

Das Geld ist ja nicht verschwendet worden, sondern es steckt in den Häusern. Die Struktur ist auch immer gleich geblieben, aber die Qualität der Flächen wurde bei der Finanzierung zu hoch angegeben. Und die Prognosen für die Mieten waren zu hoch. Wir haben auf die Zukunft spekuliert.

In Leipzig hört man immer wieder, dass ohne Sie viele Objekte nicht saniert worden wären. Aber hätte es nicht doch auch andere Wege gegeben?

Das hätte nicht funktioniert. Wenn es verschiedene Bauherren gibt, gibt es auch verschiedene Ziele. Ich habe die Häuser als Kunstwerk betrachtet, wollte sie historisch richtig nachempfinden. Das kriegen Sie aber nicht hin, wenn es verschiedene Eigentümer gibt.

In Ihrer Biografie haben Sie sich als Prinz beschrieben, der die Häuser aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst hat. In Auerbachs Keller hängt inzwischen auch ein Bild, das Sie als Mephisto zeigt. Sehen Sie sich rückblickend mehr als Prinz oder Teufel?

Ich bin der Teufel. Was sagt denn das Bild: Er sitzt auf seinem Thron und Mephisto schlägt ihm vor, die Schätze, die sich unter der Erde seines Landes befinden, zu Geld zu machen. Er soll Wertpapiere verkaufen und die Anleger damit an dem künftigen Ertrag der Bodenschätze beteiligen. Der Haken ist: Was die Bodenschätze künftig wirklich bringen, ist ungewiss. Der König aber hat sofort das Geld. Ich habe damals genau das gleiche gemacht: Ich habe den Banken erklärt, welcher Schatz Leipzig ist. Und die haben sich verführen lassen, weil sie Geld verdienen wollten. Und als es schief ging, haben sie mich allein gelassen.

Jürgen Schneider im Gespräch mit LVZ-Redakteurin Sabine Schanzmann-Wey. Quelle: LVZ

Ist das auch der Grund, warum Sie sich damals abgesetzt haben?

Das habe ich nicht aus Feigheit getan. Ich hatte eine Strategie, die aber Quatsch war. Ich wollte mit den Banken verhandeln und sie mit hochnehmen. Heute würde ich das nicht mehr machen, sondern sofort zum Staatsanwalt gehen und die Hosen runterlassen. Es war ein verrückter Plan, aber ich war ja auch eitel und es ging um mein Werk.

Inwiefern hat Sie das Gefängnis verändert?

Natürlich verändert das. Man denkt über alles nach, über sein Leben, die Fehler und den lieben Gott. Meine harte Erziehung und der raue Umgang auf dem Bau haben mir im Gefängnis geholfen. Ich bin mit den Mithäftlingen gut klar gekommen, auch wenn es noch so schlimme waren. Ich wollte auch keine Sondervergünstigungen. Irgendwie tut so eine Zeit auch gut, das sollten andere auch mal machen.

Aus dem Bankenbereich?

Ich werde niemanden nennen. Ich achte meine Gegner. Aber ich fand es feige, dass die Banker damals nicht gesagt haben, dass wir es gemeinsam gemacht haben. Zu glauben, dass ein einziger Mensch 55 Banken betrügen kann, ist absurd. Das ist keine Entschuldigung für mich. Ich gehörte zu Recht bestraft, aber ich habe nie verstanden, dass die Banken nicht auch bestraft wurden. Und kein Banker hat es je gewagt, sich mit mir öffentlich hinzusetzen und darüber zu reden.

Bei aller Kritik an den Banken: Letztendlich haben die Ihre Projekte zu Ende geführt.

Die haben sie zu Ende führen müssen, weil ich jedes Objekt – und das waren ja große und bekannte – mit Hypotheken finanziert hatte. Die hätten sonst als Riesenloch in der Bilanz gestanden. Und die Planungen waren fertig. Das war auch das Glück der Handwerker: Nicht einer ist wegen mir pleite gegangen. Aber die haben Geld verloren, das ist schlimm. Und das ist eine Folge meines Verhaltens, die mir bitter leid tut.

Hat sich inzwischen etwas verändert im Immobilien- und Bankgeschäft?

Das ist immer noch das Gleiche. Nur ist alles noch viel schneller. Und die Rechtssituation ist komplizierter geworden. Absprachen gibt es natürlich auch noch, aber die sind höchst gefährlich. Die Korruption ist zurückgegangen, läuft aber immer noch. Das Bankgeschäft ist anders geworden, aber die Menschen sind die gleichen. Jeder will nur Geld verdienen.

Sie hatten mal einen goldenen Mercedes, ein Schlösschen und trugen Toupets. Was davon vermissen Sie?

Ich vermisse das Schlösschen, weil ich Freude daran hatte, an den historischen Details. Aber ich wollte da jetzt nicht mehr drin sein. Tja, und die Toupets. Mein Bruder, mein Vater und ich – wir hatten alle welche. Ich erinnere mich noch an eine Veranstaltung, bei der es eine furchtbar langweilige Darbietung gab und mein Vater plötzlich sagte: Ich wüsste einen Gag. Wir ziehen alle unsere Toupets ab, dann ist was los.

Aber Sie haben es nicht gemacht?

Nein, aber allein die Vorstellung brachte uns zum Lachen. Aber ich habe mir ja auch gefallen mit dem Toupet. Nur meine Frau und die Kinder fanden das blöd. Zu Hause und im Urlaub habe ich das auch immer abgelegt – und dann bei unserer Flucht.

Und wenn Sie den Jürgen Schneider von heute mit dem von vor 20 Jahren vergleichen: Was ist anders?

Ich bin vernünftig und würde so einen Quatsch nicht mehr machen. Aber ich bin auch froh, das ich die Chance hatte, diese Häuser zu bauen.

Zur Person

Jürgen Schneider wird am 30. April 1934 in Frankfurt/Main geboren. Nach dem Abitur macht er eine Maurerlehre, studiert Bauingenieurwesen und Staatswissenschaften, worin er später auch promoviert. Schneider arbeitet als Bauleiter bei Firmen wie Holzmann und steigt 1963 in den väterlichen Baubetrieb ein. Mit 47 Jahren macht er sich selbstständig. Im Laufe des nächsten Jahrzehnts steigt er zu einem der angesehensten Bauinvestoren Deutschlands auf und macht sich mit der Sanierung historischer Gebäude einen Namen – auch in Leipzig. Schneider finanziert seine Immobilienkäufe durch Kredite bei zahlreichen Banken – und treibt dabei mit überzogenen Mietprognosen und Flächenangaben die Werte in die Höhe. Als es 1994 wirtschaftlich eng wird, stellt die Deutsche Bank Strafanzeige, das Insolvenzverfahren wird eröffnet. Schneider und seine Frau werden im Mai 1995 in Miami verhaftet. Bis Ende 1999 sitzt er im Gefängnis. Schneider lebt heute vom Vermögen seiner Familie. Mit seiner Frau Claudia wohnt er in einer Mietwohnung in Kronberg im Taunus und ist häufig auch bei seinen Kindern in der Nähe von Bonn.

Von Sabine Schanzmann-Wey

800 Schüler sollen künftig im Wilhelm-Ostwald-Gymnasium in Lößnig lernen. Deshalb will die Stadt Leipzig Treppenhäuser anbauen, um die dafür notwendigen Brandschutzauflagen zu erfüllen.

15.10.2018
Lokales Memoiren von Multitalent Peter Degner - Herzklopfen kostenlos

Hildegard Knef war ihm eine enge Vertraute, Ray Charles überredete er zu einem seiner letzten Liveauftritte. Und auch Michail Gorbatschow folgte seiner Einladung nach Leipzig. Peter Degner – Grabredner, Entertainer, Eventmanager hat seine Erinnerungen geschrieben, die Mitte Oktober unter dem Titel „… und ich dreh mich noch mal um“ erscheinen. Die LVZ druckt vorab exklusiv Auszüge.

15.10.2018

Der goldene Oktober sorgt in Leipzig und der Region für fantastische Fotomotive. Viele Leser haben uns ihre schönsten Herbstbilder geschickt. Wir zeigen die besten Aufnahmen jetzt auf LVZ.de.

15.10.2018