Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Abschied vom Sportmuseum – doch im Förderverein geht es weiter
Leipzig Lokales Abschied vom Sportmuseum – doch im Förderverein geht es weiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:53 06.02.2019
Gerlinde Rohr mit den Rennrädern von Jens Lehmann und Uwe Ampler in der Ausstellung „IN BEWEGUNG – Meilensteine der Leipziger Sportgeschichte " 2018 im Stadtgeschichtlichen Museum.
Gerlinde Rohr mit den Rennrädern von Jens Lehmann und Uwe Ampler in der Ausstellung „IN BEWEGUNG – Meilensteine der Leipziger Sportgeschichte " 2018 im Stadtgeschichtlichen Museum. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Die Sammlung war ihr stets heilig. Deshalb will Gerlinde Rohr sie auch nach der Abschiedsparty mehren. 1400 Euro haben Freunde und Bekannte sich ihren Abschied ins „unruhige Ruhestandsleben“ kosten lassen.

Von diesem Geld wird die 63-Jährige ein schwer beschädigtes, koloriertes Büchlein „Ein Festgeschenk für Deutschlands turnende Jugend“ aus dem Jahre 1855 sowie ein Foto vom Deutschen Turnfest 1889 restaurieren lassen. „Darauf ist die allererste Mannschaft zu sehen, die öffentlich Fußball gespielt hat. Die war vom ATV 1845“, erläutert die langjährige Chefin des Leipziger Sportmuseums.

„Ihr“ Haus hat die ehemalige Leichtathletin nach der Schließung des Museums am 31. August 1991 die meiste Zeit im Keller erlebt, eine Schatzkammer ohne Perspektive. Mittlerweile rückt ein Comeback in greifbare Nähe, da es in Kooperation mit RB Leipzig ein neues Museum geben soll (die LVZ berichtete). Dessen Aufbau wird sie aktiv begleiten – als Mitglied des Fördervereins Sächsisches Sportmuseum Leipzig.

Geburtsstunde des Museums war 1977

Die Idee, ein Museum einzurichten, gab es schon 1863, zum dritten deutschen Turnfest. Bis es eröffnet werden konnte, vergingen allerdings 114 Jahre. Am 23. Juli 1977 fand die Geburt des Museums in einer auf dem Hauptgebäude des Zentralstadions (heute Red-Bull-Arena) errichteten Zusatzetage statt. Schwerpunkte der ständigen Ausstellung mit damals circa 3000 historischen Objekten waren die Sporttraditionen der Arbeiterklasse und die Entwicklung des DDR-Sports.

Eigentlich wollte Gerlinde Rohr, die in Neukieritzsch wohnt, Trainerin werden. Weil ihr Bruder im Westen lebte, ging das aber im DDR-Leistungssport nicht. So landete sie 1982 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sportmuseum, das damals zum Museum für Geschichte der Stadt Leipzig gehörte. Trotz politischer Zwänge erlebte sie damals schöne Jahre. „Sporttreiben ist bis heute für viele Menschen eine Leidenschaft. Deshalb wehre ich mich dagegen, dass alles nur erzwungen war“, erinnert sie sich.

Aus für Museum nach der Friedlichen Revolution

Nach insgesamt 30 Sonderausstellungen war dann allerdings Schluss. Die Ausstellung „Lasst Kräfte sinnvoll walten“ zum 100-jährigen Jubiläum des Gewichthebens in Deutschland markierte am 31. August 1991 das Aus für das Museum – aus politischen Gründen. Die Sichtweise auf den DDR-Sport war nach der Friedlichen Revolution nicht mehr zeitgemäß – musste grundlegend überarbeitet und neu bewertet werden.

„Das habe ich nicht bedauert. Gestört hat mich nur, dass dieses oder jenes Objekt gleich entfernt werden sollte.“ Ihr war es immer wichtig, die Prozesse und Dinge zu bewerten. So gab es einen Antrag an die Stadtverordneten, wertvolle Sammelobjekte zugunsten der Kultur zu verkaufen oder an die DHfK abzugeben. Diese war damals bereits in Abwicklung. Ein Teil der Sammelobjekte sollte einfach entsorgt werden. Doch wer sollte das innerhalb von zwei Monaten bei 35 000 Objekten entscheiden? Deshalb wurde 1991 der Förderverein Sächsisches Sportmuseum gegründet, der ein Zerschlagen der Sammlung zum Glück verhinderte.

Sammlung zog von Interim zu Interim

1993 fasste der Stadtrat zwar einen Grundsatzbeschluss zu ihrem Erhalt, doch ein geeigneter Standort für das neue Sammlungs- und Dokumentationszentrum konnte nicht gefunden werden. Fünf Jahre lang zog der wachsende Fundus von Interim zu Interim. Die historischen Sportgeräte mussten zeitweise in konservatorisch ungeeigneten Räumen wie im Torhaus Dölitz, in der ehemaligen „Iskra“-Gedenkstätte in Probstheida oder im Kellerbereich der ehemaligen DHfK untergebracht werden.

Inzwischen ist die hochkarätige Sammlung, die in Kellerräumen auf dem Gelände von Olympiastützpunkt und SC DHfK gestapelt ist, auf mehr als 95 000 Objekte angewachsen. Gerlinde Rohr hat mit Kollegen ’zig Konzepte zur Zukunft des Museums und für Standorte geschrieben. Auch für den ehemaligen Kassenflügel des Schwimmstadions, das nach wie vor gültig ist. Dabei musste Rohr viele Rückschläge verkraften. Und man staunt, woher sie die Kraft nimmt, nicht aufzugeben.

„Für mich war immer das Allerwichtigste, die Sammlung zu ergänzen und so zu dokumentieren, dass meine Nachfolger damit arbeiten können.“ Auch die Historische Sportroute, die Leipzig nun analog zur Notenspur markieren will, trägt im Wesentlichen ihre Handschrift.

Rohr gibt Wissen bei Vorträgen weiter

Nun genießt Gerlinde Rohr mehr Ruhe – ist froh, kein Konzept mehr schreiben zu müssen. Vermissen wird sie wohl nur den ständigen Austausch mit Menschen, etwa bei Führungen. Ihr detailreiches Wissen gibt sie gern weiter, etwa in Vorträgen bei Tagungen und Konferenzen. Schon im März in Irsee zu Werner Seelenbinder. Im Mai spricht sie in Frankfurt/Main über die Historische Sportroute. Vor allem nimmt sie sich jetzt mehr Zeit für das aktive Sporttreiben wie das Turnen. Dazu zählte einst die komplette Bandbreite von Leibesübungen, da wurde selbst gefochten oder geritten, geschwommen, Spiele wurden gemacht. „Mich fasziniert die Breite. Eine vielseitige körperliche Betätigung hilft, bis ins hohe Alter fit zu bleiben“, so die ehemalige aktive Leichtathletin.

Sie hat viele Menschen erlebt, die noch mit über 90 Jahren „fit wie ein Turnschuh“ und geistig aktiv waren. „Wenn eine 93-Jährige die Stützwaage turnt, kann ich nur den Hut ziehen.“ Sie selbst treibt regelmäßig Sport beim SSC Leipzig, ist auch Übungsleiterin einer allgemeinen Sportgruppe. Und dreht gerne ihre Runden auf Inlinern, wird bald auch wieder mit der Familie auf Skiern stehen. Auch mit Enkelin Kayla (5), die 1500 Kilometer entfernt in Frankreich lebt.

Von Mathias Orbeck

Lokales Aussteller aus 31 Ländern auf Intec und Z in Leipzig - Sächsische Firmen rocken Messe-Doppel
05.02.2019
Lokales Belegschaftsversammlung im Leipziger Porsche-Werk - Ex-Porsche-Betriebsratschef Hück fordert Arbeitszeitangleichung im Osten
05.02.2019