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Lokales Ali Pirabi baut Kultur-Brücken und schafft „Klänge der Hoffnung“
Leipzig Lokales Ali Pirabi baut Kultur-Brücken und schafft „Klänge der Hoffnung“
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21:01 23.05.2019
Klangzauber an der Santur: Ali Pirabi in den Räumen seiner internationalen Musikschule. Quelle: Foto: Christian Modla
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Leipzig

Wenn Ali Pirabi sich ins Spiel der Santur vertieft, ist das ein meditativer Vorgang. Als sei es eine Art Wellness für sich selbst. Nicht-Kenner des Instruments versetzt der Iraner in einen neuen musikalischen Kosmos: Der Klang aus dem trapezförmigen, mit 72 Metallsaiten bespannten Resonanzkasten entwickelt ein enormes Volumen, hat etwas Erhabenes. Mit der Santur und anderen Instrumenten ist Pirabi ein wichtiger Bestandteil des Projekts „Klänge der Hoffnung“ geworden, das die Kraft der Musik zur Integration von Zugewanderten nutzt.

Musik überwindet Sprachbarrieren

2016 im Kreis der Leipziger Stiftung Friedliche Revolution entstanden, sind Ensemble, Bekanntheit und internationaler Austausch immer weiter gewachsen. Was Sprachbarrieren behindern, macht gemeinsames Musizieren wett. Zu „Klänge der Hoffnung“ gehören international renommierte Künstler – unter anderem Pirabi. In seiner Heimat war er ein Star. Der 1978 in der Dichterstadt Shiraz geborene Iraner räumte serienweise Preise ab und tourte auch durch Europa, spielte in Paris, Madrid und Amsterdam.

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Iranische und europäische Musik

Schon als Siebenjähriger erhielt er Unterricht an der Santur und in Musiktheorie. Gut ein Jahr später kamen Violine, klassische iranische und Grundlagen europäischer Musik dazu. „Das war und ist mein Elixier“, bekennt Pirabi mit einem Leuchten in den Augen, das alles ausdrückt. „Mein Vater hat mich sogar für ein Jahr vom Schulunterricht pausieren lassen, um mir den Kopf und den Weg frei zu machen für die Musik.“ Später studierte er natürlich dieses Fach, gekoppelt mit persischer Literatur. Shiraz ist die Heimat des Nationaldichters Hafez, der im 14. Jahrhundert lebte und bis heute im Iran verehrt wird.

„Staatsfeindlicher“ Auftritt

Dessen Gedicht „Faryad“ (Schrei) spielt auch in Pirabis Biografie eine gewichtige Rolle. Vor ein paar Jahren goss er den Text in eine Komposition und trat damit auf – bei Konzerten, aber auch Ende 2012, bei einer der vielen Demonstrationen gegen die Staatsmacht. Ein Wagnis vor allem zur Regierungszeit des fundamentalistischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad (2005-2013). Die Polizei interpretierte den Auftritt als staatsfeindlich. Außerdem bekam Pirabi Ärger, weil er das Verbot ignorierte, Frauen Musikunterricht zu geben. Einer Sängerin ermöglichte er in einem Chorkonzert ein Solo; auch das galt als Sakrileg. „Mehrere Male kam ich ins Gefängnis“, erzählt er, „meist für ein paar Wochen“. 2013 wurde gegen ihn ein Berufsverbot verhängt.

Goethe trifft Hafez

So sehr der Iraner sein Land liebt, es gab keine Perspektive mehr für ihn – mit seiner Frau und der damals achtjährigen Tochter floh er nach Deutschland, dessen Kultur er sehr schätzt. „Goethe hat hier einen Stellenwert wie Hafez in meiner Heimat“, sagt er.

Der Start war für die Familie nicht leicht. Nach einigen Monaten in Eisenhüttenstadt ging es nach Forst Lausitz; durch fehlenden sozialen Kontakt und Mangel an Kursen lernten die Pirabis zunächst kaum Deutsch. Doch schon hier gab der leidenschaftliche Musiker einige Konzerte.

Band neu gegründet

2014 zog die Familie nach Leipzig. „Ich wollte in der Stadt leben, in der Bach gewirkt hat“, sagt Pirabi. „Außerdem ist es hier sehr lebendig und international.“ Auch deshalb gelang es ihm, seine in der Heimat gegründete Band Sama neu aufzubauen. Mit einem festen Job sah es dagegen weiterhin düster aus, doch dem ehrgeizigen Mann widerstrebte es, am Tropf des Staates zu hängen. Mit verschiedenen Projekten trat er weiterhin auf, lernte unter anderem den Dresdner Paul Hoorn (Ex-Mitglied von „Das blaue Einhorn“) kennen, und das gemeinsame internationale Ensemble Musighistan entstand.

Ein emotionaler Abend

Im Herbst 2015 sorgte Ali Pirabi vor 350 Zuschauern in der vollen Dreikönigskirche Dresden für ein denkwürdiges Konzert: Er spielte eine Komposition zu einem Goethe-Gedicht auf Persisch – die Kollegen präsentierten Hafez auf Deutsch. „Das war sehr emotional“, sagt der Mann aus Shiraz. Auch deshalb, weil er an diesem Abend zum ersten Mal wieder „Faryad“ anstimmte, jenes so eng mit dem eigenen Schicksal verbundene Stück.

Preis für „Klänge der Hoffnung“

Über den bei den Johannitern ehrenamtlich engagierten Siegfried Patzig lernte Pirabi 2016 Tilmann Löser kennen. Der Pianist und Musikmanager baute gerade „Klänge der Hoffnung“ auf und gewann den Iraner für das Projekt. Seitdem ist der 40-Jährige, der sechs weitere Trommel- und Saiteninstrumente beherrscht, mit Begeisterung dabei und feiert mit den Kollegen nicht nur künstlerisch Erfolge: Stolz nahmen er, Löser und weitere Ensemble-Mitglieder im März den Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ in Chemnitz entgegen.

Internationale Musikschule gegründet

Hauptberuflich hat der sympathische, freundliche Mann inzwischen auch Fuß gefasst: Er betreibt die „Internationale Musikschule“ in der Rosa-Luxemburg-Straße. Hier unterrichtet er mit vier Kollegen europäische, orientalische und persische Musik. Der Geschäft läuft, und auch als aktiver Musiker ist Pirabi stark gefragt – Mitte Juni geht er mit der renommierten Lautten Compagney Berlin auf China-Tournee.

Vorher aber ist er in Leipzig zu erleben: Am Freitagabend macht er mit beim Konzert „...und Frieden“ in der Musikschule Johann Sebastian Bach. Auch dieser Tag ist ein besonderer: Ali Pirabi seinen 41. Geburtstag. Und vielleicht spielt er wieder „Faryad“.

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Konzert am Freitag um 18.30 Uhr, Eintritt frei. Nächster Leipziger Auftritt mit dem Ensemble „Klänge der Hoffnung“ am 28. Juni im UT Connewitz im Rahmen der Jüdischen Woche; geboten wird das Programm „Shalomaleikum“. Beginn 19.30 Uhr, Eintritt frei. Infos auf www.alipirabi.de und www.klaenge-der-hoffnung.de.

Von Mark Daniel