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Lokales Alle Kraft für die Leipziger Tafel: Werner Wehmer
Leipzig Lokales Alle Kraft für die Leipziger Tafel: Werner Wehmer
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00:46 23.04.2018
Die Stimmung stimmt: Helfer Brigitte Schulz und Gleice Rosendo bei der Lebensmittelausgabe der Leipziger Tafel, ganz hinten Werner Wehmer.
Die Stimmung stimmt: Helfer Brigitte Schulz und Gleice Rosendo bei der Lebensmittelausgabe der Leipziger Tafel, ganz hinten Werner Wehmer. Quelle: Andre Kempner
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Einen der schönsten Momente seiner Arbeit hat Werner Wehmer an jenem Tag erlebt, an dem diese Frau strahlend auf ihn zukam: „Sie haben mich gerettet“, sagte sie und drückte ihm dankbar die Hand. Die Tafel habe sie aus ihrer Isolation geholt, sagt sie, zurück in den Austausch mit Menschen, zurück ins Leben. „Da bekommst du natürlich eine Gänsehaut“, gesteht der 71-Jährige. Abgesehen von dieser ganz besonderen Situation ist es schon ein kurzes, freundliches „Danke“ von den Bedürftigen – in der Einrichtung konsequent „Kunden“ genannt –, das aus einem normalen Tag einen guten macht.

In seinem Alter könnte Wehmer besten Gewissens die Wiegefrequenz seines Schaukelstuhls beobachten oder monatelang urlauben. Vielleicht wäre es so gekommen, wäre ihm nicht vor zwölf Jahren die Leitung der Leipziger Tafel quasi auf den Schreibtisch gefallen. Der Immobilien- und Finanzmakler hatte der Einrichtung das Gelände an der Jordanstraße als neue Zentrale besorgt. Kurz darauf wollte er bei einer Veranstaltung über die Vergabe städtebaulicher Mittel mit seinem Plädoyer nur dafür sorgen, dass die Tafel den Zuschlag bekam. Das ist dank seiner Überzeugungskraft auch gelungen – 70 000 Euro flossen vom Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung.

Wehmer: „Ich möchte das hier nicht missen.“

Nach seinem Auftritt sah sich der im brandenburgischen Lauchhammer geborene Unternehmer unerwartet mit der Anfrage konfrontiert, den vakanten ehrenamtlichen Vorsitz im Verein zu übernehmen. Dass er damals zusagte, hat Wehmer nie bereut. „Ich möchte das hier nicht missen“, sagt er mit dieser für ihn typischen Mischung aus Wärme und Entschiedenheit. Er ist sowohl Vertrauens- als auch Respektsperson; kümmert sich schon mal um Kunden-Probleme, die über den Einkauf in der Ausgabestelle hinausgehen – und kann klare Ansagen machen.

Zur Tafel kommen Menschen im finanziellen Abseits, die schwer über den Schatten springen können, den ihre Lebenssituation geworfen hat. „Es geht um Solidarität für alle“, betont der Vorsitzende, „Herkunft, politische oder religiöse Anschauungen sind nicht relevant“. Menschenwürde und Freundlichkeit, das sind die zwei höchsten Werte auf dem Wehmerschen Koordinatensystem. Ihm ist die Atmosphäre wichtig, in der Zentrale wie den sechs anderen Ausgabestellen für insgesamt 15 000 Unterstützte pro Monat.

Wer sich daneben benimmt, kann Hausverbot bekommen.

In der Tat unterscheidet sich die Atmosphäre in der Jordanstraße nicht von der in einem kleinen Supermarkt, es geht entspannt bei der Verteilung zu. Das kürzlich durch die Medien gegangene Chaos in der Essener Tafel, dessen Betreiber wegen Gerangels vorübergehend ausländische Bedürftige vor der Tür ließ, scheint hier unmöglich, denn Wehmer hat Vorkehrungen getroffen. Zum einen bekommt jeder Kunde ein bestimmtes Zeitfenster, in dem er seine Lebensmittel abholen kann – Gedränge gibt es dadurch nicht. Aggressionen? „Wer sich hier daneben benimmt, wird zurecht gewiesen“, erzählt er, „passiert das noch einmal, darf er den Hof nicht mehr betreten.“ Durch eine Vollmacht für einen Anderen bekommen Pöbler ihre Ration weiterhin, „aber schlechte Stimmung will ich hier nicht haben“.

70 Ehrenamtliche gehören zum 95 Mitarbeiter zählenden Team. Sie kümmern sich um Transport, Entpacken, Sortieren und Ausgabe der gespendeten Lebensmittel aus Supermärkten, von Händlern oder Herstellern. Zu den Helfern gehört Gleice Rosendo, die ihren Bundesfreiwilligendienst in der Jordanstraße absolviert. „Die Arbeit und die Stimmung hier haben mich überzeugt, bei der Tafel zu arbeiten“, sagt die 22-Jährige. Mit sonnigem Lächeln verteilt sie Waren an die Kunden, die für die ständig anfallenden Tafel-Kosten einen Beitrag zahlen – zwei Euro pro Erwachsenem, ein Euro pro Kind.

Neuer Standort an der Bennigsenstraße öffnet im Mai

Als Vorsitzender hat Wehmer einen Fulltime-Job. Er kümmert sich um Logistik, um Projekte wie das Kinder-Erlebnis-Restaurant, um Veranstaltungen, an denen Asylbewerber und Deutsche gemeinsam zum Beispiel Ostern feiern. Er hält Vorträge, akquiriert Spenden, sucht Geldgeber. Offensichtlich erfolgreich – zu den großen Unterstützern gehören seit Jahren Porsche und Amazon. Jüngstes Projekt: der Neubau an der Bennigsenstraße, die im Mai den Paunsdorfer Standort ablösen soll. Die 450 000 Euro dafür fließen aus Darlehen, Sponsoring und Erwirtschaftetem.

Nebenbei wird gerade die Datenbank der Tafel verschlüsselt: Das Verzeichnis sämtlicher Kunden landet in sicheren Clouds, um Missbrauch auszuschließen. „Wir achten nicht nur auf Hygiene beim Essen, sondern auch bei den Daten“, formuliert es Wehmer mit leichtem Lächeln unterm Schnauzbart.

„Politiker sollten sich mal anschauen, was hier geleistet wird.“

Längst ist die Leipziger Tafel ein mittelständischer Betrieb – mit einem Arbeitsfeld, das der gesunde Menschenverstand eigentlich dem Sozialstaat zuordnet. Für Wehmer sind Kommune, Land oder Bund auch keinesfalls aus der Verantwortung entlassen. „Gewählte Politiker sollten sich mal anschauen, was hier geleistet wird“, fordert er, „und zwar nicht nur während des Wahlkampfes.“ Ein Überzeuger mit Überzeugung, dieser Mann, der durch seine klare Haltung schon mal anecken kann. Ein Mutbürger, der sich nie mit Erreichtem zufrieden gibt. Sonst wäre’s ja auch langweilig.

Die Leipziger Tafel sucht stets Unterstützer, anderem Kraftfahrer für 3,5-Tonner. Infos und Kontakt www.leipziger-tafel.de. Spenden für die neue Tafel in der Bennigsenstraße unter dem Konto: Sparkasse Leipzig, DE 46860555921101000500, Stichwort Bennigsenstraße. Wer sich generell ehrenamtlich engagieren will, bekommt Anregungen auf www.freiwilligen-agentur-leipzig.de.

Von Mark Daniel