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Lokales Auf Europa-Tour durch Leipzig
Leipzig Lokales Auf Europa-Tour durch Leipzig
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15:10 28.05.2019
Die Protagonisten der Europa-Tour. Quelle: Patrick Moye
Leipzig

Hilft Beten gegen den Brexit? Pfarrer Martin Reakes-Williams verschränkt die Arme und schmunzelt. Und sagt dann etwas Überraschendes: „Ich bin für den Brexit. Es könnte für Großbritannien ein Sprung in die Freiheit sein – die Chance, unsere Kultur und unser Verständnis von Demokratie zu bewahren.“

Puh, ich gebe zu, damit hätte ich nicht gerechnet. Es ist neun Uhr, Dienstagmorgen – und das Büro der „Leipzig English Church“ in der Südvorstadt ist die erste Station auf meiner Europa-Tour durch die Messestadt. Den ganzen Tag über treffe ich ausländische EU-Bürger und frage sie, was sie nach Leipzig geführt hat. Was die Stadt ausmacht, wie europäisch sie ist. Und ja: Ich erwarte eine Menge Europa-Begeisterung.

Großbritannien, Polen, Niederlande

Die Haltung von Reverend Martin Reakes-Williams aus Großbritannien fällt differenziert aus: Europa mit seinen verschiedenen Kulturen habe seinen Reiz. Aber die Europäische Union sei wie ein „Nanny-State“, der seinen Bürgern zu viele Vorschriften mache. „In Malawi oder auf den Fidschi-Inseln ist die Luft freier, dort gibt es weniger Regeln und mehr Risikobereitschaft.“ In beiden Staaten hat der Kaplan gelebt, geboren wurde er in Uganda, wo sein Vater in der Entwicklungshilfe tätig war. Seit 1995 vertritt Reakes-Williams die 190 Mitglieder der englischen Landeskirche in Leipzig. Warum gerade hier? Ganz einfach: „Gott hat mich hergeführt.“

Meine Route führt mich vorerst in den Osten Leipzigs, ins Haus des Buches. Über viele verschlungene Gänge erreiche ich das Büro des Bildungswerks Sachsen. Hier versucht Marta Tarasewicz Firmen aus Polen und Deutschland zu vernetzen. Die 29-Jährige ist selbst ein Paradebeispiel für die Beziehungen beider Länder. Aufgewachsen ist sie in Zgorzelec in Polen, direkt an der Grenze zu Sachsen. „Ich musste nur links über die Brücke, dann war ich in Görlitz – keine Kontrollen, nichts.“ Auf einem Görlitzer Gymnasium belegt sie ein deutsch-polnisches Profil, spricht beide Sprachen fließend. Das Studium bringt sie nach Leipzig. „Hier fühle ich mich zu Hause.“ Das liege an der Kultur und der Mentalität der Stadt: „Leipzig ist weltoffen, die Menschen kommen von überall her.“

Diese Beschreibung trifft auch auf Leipzigs Wochenmarkt zu. Ein gelber Stand vor dem Alten Rathaus, im Schaufenster Berge von Käse: rund, eckig, in Scheiben. Davor steht ein freundlich lächelnder Mann mit Glatze und sagt über sich: „Die Mauer fiel, und auf einmal war ich da.“ Unter den Händlern ist René Lang aus den Niederlanden eine feste Größe. In den 90er-Jahren kommt der Käsehändler erst beruflich nach Leipzig, „dann kam die Liebe dazu.“ Der Gohliser grinst. „Irgendwann war’s so schön, da wollte ich nicht mehr weg.“

Estland, Bulgarien, Ungarn, Portugal

Einige Hundert Meter entfernt im Café Central trifft sich der „International Women’s Club of Leipzig“. Von Anu Lehman lerne ich, dass sich die ersten Deutschen in ihrem Heimatland Estland als Sachsen vorstellten. „Saksamaa“ schreibt sie mir als estnische Bezeichnung für Deutschland in den Block. Die deutsche Kultur habe das Estnische stark beeinflusst, erklärt die Übersetzerin – und zeigt auf ihren Stuhl: „Tool“. Hebt die Tasse, „Tass“, die Gabel ist eine „Kahvel“. 1993 kam die Tallinerin nach Leipzig, wo ihr Mann seinen ersten Job bekam. Sie schwärmt vom Kulturangebot der Stadt. Und: „In Leipzig hatte ich nie das Gefühl, nicht dazuzugehören.“

Um Dazugehörigkeit und Teilhabe geht es Genka Lapön täglich. Die Informatikerin aus Bulgarien ist seit 1995 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Leipzig. In ihrem Büro in der Otto-Schill-Straße setzt sie sich für Gleichberechtigung ein. Die offenen Grenzen in der EU hält sie für besonders wichtig. „So kann man vergleichen, was in den Ländern jeweils für Frauen getan wird.“ Ursprünglich wollte Lapön Astronautin werden – im Zuge der Wende landete sie in der EDV-Abteilung einer Leipziger Textilfirma. Ein Glücksfall für die 60-Jährige: „Leipzig ist keine plätschernde Stadt – hier geht es nach vorne.“

Das gilt auch für mich heute. Eine Viertelstunde nach meiner Verabschiedung im Bürgeramt schüttele ich schon die nächsten Hände: Melinda Hüttl aus Ungarn und Carlos Carvalho aus Portugal absolvieren seit April einen europäischen Freiwilligendienst in Leipzig, das Kulturzentrum „Die Villa“ in der Lessingstraße beherbergt sie. Hüttl unterstützt das Filmfestival DOK Leipzig, Carvalho arbeitet im Hort einer Waldorfschule. „Leipzig ist Hypezig“ hatte seine Schwester ihm erzählt – vor allem aber möchte der 24-Jährige hier sein Deutsch aufbessern. Hüttl hat ein Master-Studium in Schottland abgeschlossen und begreift Europa als einen „großen Roadtrip“. Beide betonen, wie wichtig ihnen die Europawahl ist: „Wir müssen wie ein großer europäischer Staat zusammenhalten“, meint Carvalho.

Slowakei, Rumänien, Dänemark

Fast 14 Uhr. Nach fünf Stunden brauche ich eine Pause und radele in die LVZ-Redaktion am Peterssteinweg. Auch hier komme ich an Europa nicht vorbei – im wahrsten Sinne des Wortes: Im Foyer steht Julie in schwarzer Schürze hinter der Kuchenvitrine des Café Satz’. Geboren im Süden der Slowakei, lebt sie seit zwei Jahren in Leipzig. Davor hat die Reudnitzerin in Ungarn und Tschechien studiert, fünf Sprachen spricht sie fließend. Während eines Erasmus-Semesters verliebt sie sich in Leipzig. Mehr noch: „Mein Politikverständnis hat sich komplett geändert – ich habe zum Beispiel gelernt, dass Demonstrationen etwas bewirken können.“

Wieder auf dem Sattel, denke ich über die bisherigen Treffen nach. Zeit genug habe ich, vom Süden geht es nun in den Westen der Stadt. Der Himmel strahlt europablau wie meine Laune: Alle meine Ansprechpartner nutzen Europas Freiheiten ausgiebig: Arbeiten, Reisen, die Liebe. Und sie betonen, wie wohl sie sich in Leipzig fühlen – oft schon seit Jahrzehnten. Das schafft auch nicht jede Stadt.

In Hamburg habe sie sich nicht so wohl gefühlt, erzählt mir Anamaria Avram aus Rumänien. Dort habe sie nicht so leicht Kontakt zu anderen Künstlern aufbauen können. „In Leipzig ist es wie in einer Familie, alle kennen sich.“ Seit drei Jahren hat die Malerin ein Atelier in der Baumwollspinnerei angemietet. Per Lastenaufzug geht es zu ihrer Werkstatt im dritten Stock. Mehr als ein Dutzend Gipshände liegen auf einem Arbeitstisch, an den Wänden hängen Gemälde für die Leipziger Jahresausstellung. „Leipzig hat ein großes Potenzial wegen der vielen jungen Leute, die in den letzten Jahren hergekommen sind“, schwärmt sie. „Die Stadt ist sehr dynamisch.“

Dynamik ist nun auch mein Stichwort. Knapp zehn Minuten bleiben mir, um von der Spinnerei zum nächsten Termin an den Goerdelerring zu kommen. Ich brettere über die provisorische Plagwitzer Brücke, fliege über die Käthe-Kollwitz-Straße und habe nur fünf Minuten Verspätung, als ich in die Eingangshalle der Hochschule für Musik und Theater schlittere. Dort wartet Kristian Soerensen in aller Ruhe auf mich. Der Gesangslehrer aus Dänemark ist seit 1992 Mitglied des MDR-Chors. „Leipzig ist durch die Musik immer eine europäische Stadt gewesen“, sagt der Tenor aus Kopenhagen. Der 59-Jährige ist Europäer durch und durch. Es sei doch toll, dass man in der EU so leicht in anderen Ländern studieren und arbeiten könne. „Das wiegt auch Nachteile wie die Bürokratie auf.“

Tschechien, Spanien, Deutschland

Etwas bürokratisch kann es bisweilen bei Margot Hrabak zugehen. Sie vereint gleich drei Nationalitäten: „Mein Vater ist aus Tschechien, meine Mutter aus der Schweiz, geboren bin ich in Amerika.“ Außerdem hat die Sprachlehrerin 13 Jahre in Frankreich gelebt, jeweils ein Jahr in Thailand und in Australien. Und warum jetzt Leipzig? „Warum nicht? Alle meine Freunde haben gesagt: Wer nach Leipzig kommt, geht hier nicht wieder weg.“ Das Urteil der 30-Jährigen ist eindeutig: „Ich liebe Leipzig! Vor allem die Südvorstadt.“ Hier arbeitet sie im „Sprachwohnzimmer“, einer Sprachschule mit Biedermeier-Einrichtung, und unterrichtet Englisch.

Als nächstes rolle ich die Karli zum Connewitzer Kreuz runter. Dort wartet Jonathan Otera auf mich und seinen Schichtbeginn bei den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB). Vor vier Monaten ist er aus Spanien nach Leipzig gekommen, um als Busfahrer zu arbeiten. Eigentlich ist er Juwelier, aber wegen der Wirtschaftskrise schulte der Madrilene um. Jetzt fährt er die Linie 70 von Mockau nach Markkleeberg. In der Messestadt fühlt sich Otero pudelwohl. Sein Privatleben fasst er knackig zusammen: „Ledig, keine Kinder, kein Problem – alles gut!“ Neun weitere spanische Kollegen erleichtern ihm die Integration. Zusammen waren sie bereits bei RB, denen der 40-jährige Real-Fan fürs DFB-Pokalfinale fest die Daumen drückt.

Sportlich wird es bei mir jetzt schon: Ab in den Norden zum Mariannenpark. Als ich am Trainingsplatz von Inter Leipzig ankomme, brauche ich eine kleine Verschnaufpause. Und auch die Europa-Tour pausiert. Denn von den europäischen Eltern, die ich beim Training der F- und E-Jugend treffen wollte, ist niemand da. „Das Wetter ist zu gut, da sind die alle selbst unterwegs“, klärt Trainer René Thomas auf. Aber Moment – fehlt mir nicht noch ein EU-Land? „Noch mehr Leipziger als René kann man nicht sein“, flüstert mir eine deutsche Mutter vom Seitenrand zu. Perfekt, sage ich zu Thomas: Du bist Deutschland. Einen besseren Vertreter für unsere bunte Republik hätte ich mir nicht aussuchen können. Der 30-jährige Reudnitzer trainiert Spieler aus sechs Nationen: „Im Team spielt die Herkunft keine Rolle – meine Mannschaft integriert jeden. Und zum Fußballspielen braucht man nur Füße und Kopf.“

Griechenland, Frankreich, Italien

Ich bin heute auf meine Oberschenkel angewiesen. Und die zwicken nach zehn Stunden Fahrradtour nun doch etwas. Zum Glück ist der Weg zum Restaurant „Mythos“ in der Humboldtstraße nicht weit. Und lohnend ist er noch dazu. „Hier sitzt eine richtige Erfolgsgeschichte!“ schallt es mir entgegen, als ich mich an den Tisch des Vereins „Griechen-Haus Leipzig“ setze. Der Erfolgsfall schaut etwas schüchtern, heißt Evangelos Alivanoglou und lebt seit sechs Jahren in Leipzig. Aufgrund der Krise in Griechenland ist er an die Pleiße gekommen, wo sein Onkel und seine Tante leben. Schön sei es hier – vor allem das viele Grün, findet der 39-Jährige. Der Elektrikmeister aus der Region Thessalien hat einen Job bei einer Firma in Liebertwolkwitz gefunden. Im Uniklinikum und im Klinikum St. Georg baut er Automatiktüren ein. „Der Chef und die Mitarbeiter sind sehr nett zu mir“, berichtet Alivanoglou. „Sie zeigen viel Verständnis, auch bei der Sprache.“

Auf dieses Verständnis bin ich bei meiner nächsten Station angewiesen. In den Räumen des „Institut français“ treffen sich rund 20 junge Menschen zum Tandemgespräch. Ich holpere mit meinem Schulfranzösisch los. Zum Glück fragen die Kursleiter für mich, wer alles aus Frankreich kommt. Vier Hände schießen in die Höhe. Eine davon gehört Mandy Meilchen. Sie stammt aus Le Mans und arbeitet seit September als Freiwillige in der Montessori-Schule in Grünau. „Die ersten deutschen Wörter habe ich von meinem damaligen Freund gelernt“, erzählt die 25-Jährige. „Und jetzt liebe ich Deutschland“. Für ihren etwa einjährigen Dienst als Sprachassistenz wollte sie eigentlich in den Westen, gibt sie zu. Ist Leipzig trotzdem in Ordnung? „Oh ja, super! Die Stadt ist nicht zu groß, nicht zu klein – die perfekte Größe.“

„Pulse of Europe“

Die Initiative „Pulse of Europe“ lädt zu einer Kundgebung am Sonnabend, 25. Mai 2019, 14 Uhr, auf den Nikolaikirchhof ein. Die Bewegung will dem europäischen Gedanken am Vorabend der Wahl zum EU-Parlament ein Gesicht geben. Neben Wortbeiträgen gibt es ein Europa-Quiz, zum Schluss wird die Europahymne erklingen. Mehr unter www.pulseofeurope.eu/leipzig

Das finde ich auch. Und freue mich, dass ich für meinen nächsten Stopp nur etwa eine Viertelstunde in die Könneritzstraße fahren muss. Von 19 bis 21 Uhr soll hier der internationale Chor der „Leipzig International School“ zusammenkommen – ich hoffe auf Teilnehmer aus exotischen EU-Ländern: Vielleicht noch einen Nordiren, Malteser oder Luxemburger im Angebot? Ich werde es leider nicht erfahren. Denn die Eingangstür ist schon verschlossen. Sei’s drum – es ist fast 21 Uhr, Zeit für den Heimweg.

Ein wichtiges EU-Land fehlt mir aber noch. Meine letzte Station soll ein kleines Restaurant im Bach-Viertel sein. Seit etwa einem Jahr wird hier Pasta angeboten, „Ristorante“ steht im Schaufenster. Der Koch sitzt fast jeden Abend nach getaner Abend vor der Eingangstür, immer gut gelaunt, immer perfekt frisiert. Dazu mal ein Glas Wein, mal eine Zigarette in der Hand. So lässig kann nur ein Signore aus Italien Pause machen. Auch heute sitzt er in schwarzer Schürze auf der rosafarbenen Bank. Ich stelle mich vor, in dem ich hölzern auf den Tisch vor ihm klopfe. „Hi!“, streckt er mir fröhlich die Hand entgegen. „Ich bin Alban aus Albanien.“ Aus Albanien? Nicht italienisch – mediterran soll seine Küche sein. Ich überlege laut: Ist Albanien in der EU ... „Ist doch egal“, unterbricht Alban. „Ich bin Europäer. Europäer und zufriedener Leipziger. Was willst du mehr?“ Dann tippt er an seinen Kopf: „Du musst offen bleiben.“

Von Maximilian König

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