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Lokales Ausgelassen gelassen: Erdmöbel im Studentenkeller
Leipzig Lokales Ausgelassen gelassen: Erdmöbel im Studentenkeller
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00:48 23.04.2018
Sie haben die Moritzbastei am Donnerstagabend in den fröhlichen Club der senkrecht Begrabenen verwandelt: Erdmöbel mit Sänger Markus Berges und Bassist Ekimas.
Sie haben die Moritzbastei am Donnerstagabend in den fröhlichen Club der senkrecht Begrabenen verwandelt: Erdmöbel mit Sänger Markus Berges und Bassist Ekimas. Quelle: Foto: André Kempner
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Irreführend ist der Name der Vorband am Donnerstag in der Moritzbastei. Eric Pfeil & die Realität. Denn Pfeil steht in Wirklichkeit gar nicht zwischen seinem Bassisten und seinem Keyboarder, sondern mit fluffigen Songs wie „Marzipan in Michigan“ und „Der depressive Detektiv“ zwischen Bernd Begemann und Funny van Dannen.

Zehn nach neun trommelt Christian Wübben (mit frechem Hütchen) los, das Klavier macht didadi. Und dann schaukelt er sich auf, der warme Erdmöbelklang, den man einfach nicht Sound nennen möchte. Leichter Pop oder gar Easy Listening, könnte man meinen – bis Markus Berges zu seinen Alles-andere-als-easy-Texten zwischen Hyperrealismus und Expressionismus aufbricht. „Hinweise zum Gebrauch“ heißt der erste Song, wie auch das neue, je nach Zählweise, zehnte, elfte oder zwölfte Album der Kölner Band. Neben dem Hütchenspieler Wübben dauergrinst Bassist Ekimas unter prächtiger Matte frivol ins Rund, wie es nur Menschen aus Karnevalshochburgen können. Sänger und Gitarrist Markus Berges ist introvertierter, trägt jedoch keck Trainingsjacke zu wehender Schlaghose und silbernen Sneakers. Daneben Wolfgang Proppe im hellen Anzug mit roten Socken. Eine verkleidete Lehrer-und-Postbeamten-Band.

Gleich als zweites gibt’s einen Klassiker – allerdings so schnell gespielt, dass er „In den Turnschuhen von Audrey Hepburn“ heißen müsste. „Veloso Bar“ hingegen leidet unter der neuen Tempoverschärfung, die brasilianische Leichtigkeit wird von deutschem Funk niedergerungen, schade. Aber auch zu verstehen. Denn der über die Jahre bis zum letzten Album „Kung Fu Fighting“ immer weiter perfektionierte Erdmöbelklang führte nicht nur optisch in eine Tour in zartrosa Anzügen, sondern drohte auch die Musik in Wohlklanggefallen aufzulösen. Also sind die vier Herren etwas härter geworden – „Liecht an den Zeiten.“

Nach dem von allen mitgeträllerten (nur Christa Becker und Karsten Süßmilch haben eine Ausrede in Form von Flöte und Posaune) „Im Club der senkrecht Begrabenen“ stellt das auf Platte nervende, ellenlange „Tutorial“ eine schöne Parodie auf jeden Rock-Konzert-Countdown hin zur kollektiven Ekstase dar: die vertonte Anleitung zum Sich-selbst-zum-Weinen-Bringen zählt langsam von 10 auf 1 bis zum Tränenausbruch runter.

Irgendwann kommt er, der unausweichliche, schon beim Hören des Albums für Entsetzen sorgende Bierzelt-Stampfer „Party deines Lebens“. Soviel Zynismus ist unerträglich. „Perfekter“ Volksfest-Schlager! Glücklicherweise folgt auf den Fuß dunkel bedrohlich „Svenja und Raul“: ein Mädchen und ihr Hund haben Angst, er vor Blaulicht, sie vor Klavierunterricht. Fette Bläser, erschütternde Klavierschläge, trotzige Rufe: „Alle sind wach / mitten in der Nacht!“ Sehr, sehr gut.

In „Wort ist das falsche Wort“ von 2010 schweben zunächst Flöte und Posaune davon, das Schlagzeug traut sich kaum zu atmen – es gibt keine schönere Hymne auf die Ohnmacht des Sprechens als die des großen Poeten Markus Berges: „Wort ist das falsche Wort / Es ist mehr Akkord / Ach, ist unsagbar schwer zu sagen.“ Vom traurig Schönen aber finden Band und Publikum schließlich zum schönen Schönen, dank der „Hoffnungsmaschine“, die nicht naiv, sondern fröhlich trotzend in der Welt steht. „Das Leben ist schön“, ist man bereit zu glauben. Und wenn man das tut, braucht es keine „Party deines Lebens“ mehr.

Von Benjamin Heine