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Lokales Beeinflussen die Seen das Leipziger Wetter?
Leipzig Lokales Beeinflussen die Seen das Leipziger Wetter?
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06:42 05.08.2019
Robert Scholz leitet seit Oktober 2018 die Außenstelle Leipzig-Holzhausen des Deutschen Weterdienstes (DWD). Die Einrichtung in der Kärrnerstraße ist eine von sechs aktiven Wettervorhersage-Stellen der Bundesbehörde. Der DWD ist dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur unterstellt. Quelle: Dominic Welters
Leipzig

Alle Welt spricht gern übers Wetter. Die Leipziger tun dies besonders intensiv. Weil fast jeder von ihnen einen (Klein-)Garten besitzt. Weil dieser Sommer sie zuletzt arg strapazierte. Und weil sie schon länger einen Verdacht hegen. Es wird also Zeit, mit einem Fachmann zu reden. Robert Scholz (39) ist Diplom-Meteorologe und Leiter der Außenstelle Leipzig-Holzhausen des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Er muss wissen, was am Himmel gespielt wird.

„Wir Wetterleute sind keine Hexenmeister“

Herr Scholz, zunächst einmal danke dafür, dass Sie und Ihre Kollegen vom Vorhersagedienst Wort gehalten haben. Am vorigen Mittwoch und dem darauffolgenden Sonnabend hat es in Leipzig doch tatsächlich mal wieder geregnet. Was haben Sie empfunden, als die Huschen niedergingen?

Natürlich freut sich jeder Meteorologe darüber, wenn die Modelle, mit denen er gearbeitet hat, um eine Vorhersage zu treffen, am Ende die richtigen waren. Wir Wetterleute sind keine Hexenmeister, wir kämpfen an manchen Tagen des Jahres, etwa bei kleinräumigen Gewitterlagen, mit einer 50:50-Chance. Sie können sich vorstellen, dass auch bei uns in Holzhausen die Freude groß war; vor allem bei den Hobby-Gärtnern. Der Niederschlagsmesser unserer Wetterstation vorm Haus hat am vergangenen Mittwoch 25 Millimeter angezeigt. Das bedeutet: Es sind 25 Liter auf den Quadratmeter gefallen. Ein ordentlicher Wert. Am Flughafen Leipzig/Halle waren es dagegen nur sieben Liter.

„Im Sommer fällt der Regen punktuell“

Diese lokalen, mitunter sublokalen Unterschiede sind auffällig. Beim gefühlt einzigen Gewitter im Monat Juli liefen im Westen von Leipzig die Keller voll, während die Leute im Süden und Südosten der Stadt fröhlich weitergrillten. Wie ist das zu erklären?

Vereinfacht ausgedrückt: Die Meteorologie unterscheidet zwischen konvektiven und skaligen Niederschlägen. Schauer und Gewitter sind konvektiv, anhaltender Landregen ist dagegen skalig. Im Sommer fällt der Regen bei Gewittern häufig punktuell, er trifft nicht jeden Ort, während es im Winter zumeist großflächig zugeht. Auch die Niederschlagsmengen können sich auf kurze Entfernung stark unterscheiden. Während in der Leipziger Innenstadt nur dunkle Wolken am Himmel aufziehen, kann hier in Holzhausen im wahrsten Sinne des Wortes die Welt untergehen. Konvektiver Niederschlag resultiert – ganz einfach gesprochen – aus starken vertikalen Luftströmungen bei gleichzeitiger Erhitzung bodennaher Luftmassen. Dieses Sommer-Phänomen ist aber nicht Leipzig-typisch. Das haben wir überall.

Leipzig gehört zu den trockensten Regionen“

Was ist denn typisch fürs Leipziger Wetter?

Dass es hier bei uns weniger regnet als beispielsweise in Hamburg, Köln oder München. Die Leipziger Tieflandsbucht, aber auch das Thüringer Becken und große Teile Sachsen-Anhalts gehören zu den trockensten Regionen Deutschlands. Leipziger Regen hat seinen Ursprung in den meisten Fällen in Niederschlagsgebieten, die zumeist vom Atlantik, also aus Westen oder Südwesten, zu uns gelangen. Schauen Sie sich die Landkarte an, dann werden Sie feststellen, dass wir in westlicher Richtung mit dem Harz ein im wahrsten Sinne des Wortes herausragendes Mittelgebirge haben. Im Südwesten finden wir den Thüringer Wald, im Süden das Vogtland sowie das westliche Erzgebirge vor. Weitere Gebirgszüge, die Leipzig quasi abschirmen. Wir alle kennen den Spruch: Am Berg regnet sich die Wolke ab. So ähnlich ist es tatsächlich. Leipzig befindet sich im sogenannten Regenschatten verschiedener Mittelgebirge.

„Unsere Seen sind in der Fläche viel zu mickrig“

Und Leipzig hat seit einigen Jahren eine künstlich geschaffene Seenlandschaft vor der Haustür. Es gibt viele, die schon lange mutmaßen, dass die Gewässerlandschaften im Nord- und Südraum unser Wetter irgendwie verändern. Die einen klagen – aufs Jahr gesehen – über zu viel Regen, die anderen über zu wenig. Was sagt der Profi zu diesem Bauchgefühl?

Wetter entsteht in zehn Kilometern Höhe. Damit sich beispielsweise ein Gewitter bildet, braucht es viel feuchte Luft – und zwar von den erdnahen Schichten bis hoch in die Atmosphäre. Diese gigantische Feuchtigkeitssäule wird ganz bestimmt nicht über unseren vergleichsweise sehr, sehr kleinen Seen gebildet; auch wenn jeder beim Wort See in Phasen intensiver Hitze sofort an verdunstendes Wasser denkt. Was bei uns im Sommer aus den Wolken fällt, kommt entweder vom Mittelmeer oder von der Biskaya. Sicher nicht vom Cospudener See. Auch sonst sind unsere Seen in der Fläche viel zu mickrig, um wetterbestimmend zu sein. Wenn die Gewitter erst einmal auf dem Weg sind, dann halten sie auch die Leipziger Seen nicht mehr auf.

„Nebel des Grauens wird kaum über Leipzig ziehen“

Diese Aussage wird hiesige Hobby-Meteorologen hart treffen. Die Seen üben also überhaupt keinen Einfluss aus?

Doch, einen ganz kleinen. Seen bieten eine Art Mikroklima. Das heißt: In unmittelbarer Nähe unserer Seen sind die Temperaturen im Frühling und im Sommer am Tage geringer als anderswo in Leipzig, weil sich Wasser viel langsamer erwärmt als Luft. Im Herbst und im Winter stellen wir dann den umgekehrten Effekt fest. Der See braucht länger, um sich abzukühlen. In der Nähe des Kulkwitzer oder des Cospudener Sees ist es deshalb in den Nächten dann oft viel milder als in der Stadt. Zusätzlich kann sich im Herbst Nebel bilden, weil sich die Luft abkühlt und die Feuchtigkeit kondensiert. Aber dieser Nebel wird kaum über Leipzig ziehen und den Nebel des Grauens ausbilden, sondern er bleibt in der Regel vor Ort.

„Hundstage fallen diesmal eher gemäßigt aus“

Wettervorhersage ist Ihr Kerngeschäft: Was haben wir vom August zu erwarten?

Im Moment sind wir im Klimamittel, wir haben angenehmes Sommerwetter, die Temperaturen werden die 30-Grad-Marke kaum überschreiten. Stattdessen dürften sich die Höchstwerte in dieser Woche so bei 25 bis 28 Grad Celsius einpendeln. Der Wind kommt komplett aus Westen. Uns ereilt in den nächsten Tagen also keine stabile Hochdrucklage. Es wird angenehm wechselhaft und es gibt immer mal wieder ein paar Schauer oder Gewitter. Der Natur wird das guttun. Die andere Seite des Medaille: Gleichzeitig kann es punktuell aber auch zu heftigem Starkregen mit der Gefahr von Überschwemmungen kommen. Die Hundstage bis Mitte August fallen diesmal eher gemäßigt aus. Der Name Hundstage geht übrigens auf die Römer zurück. Das Sternbild Canis Major – übersetzt: Großer Hund – war zur damaligen Zeit vom 23. Juli bis 23. August am Himmel zu sehen.

„2018 war halt außergewöhnlich“

Wie fällt der Vergleich zwischen dem Sommer 2019 und dem Jahrhundertsommer 2018 bislang aus?

Auch wenn es sich zuletzt anders angefühlt hat: Von der Trockenheit her war der Vorjahressommer viel extremer. Uns fehlt in diesem Jahr zwar auch wieder Regen – wir liegen in Deutschland im Juni und Juli jeweils bei etwa 67 Prozent der Menge aus der Klimareferenzperiode von 1961 bis 1990 –, aber 2018 war halt außergewöhnlich. Zwischen April und November fiel damals fast gar kein Niederschlag, die Talsperren in Sachsen leerten sich kontinuierlich. Dann hat es im Dezember 2018 und Januar 2019 zum Glück so viel geregnet, dass die Talsperren innerhalb weniger Wochen wieder gefüllt waren. Auch jetzt sind sie noch gut voll. Niemand muss sich also Sorgen machen, wir könnten demnächst auf dem Trockenen sitzen.

Von Dominic Welters

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