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Lokales „Bei der Bundeswehr geht es auf dem Zahnarztstuhl nicht härter zur Sache“
Leipzig Lokales „Bei der Bundeswehr geht es auf dem Zahnarztstuhl nicht härter zur Sache“
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18:29 11.10.2019
Generalarzt Dr. Andreas Hölscher (56), Tagungspräsident des 50. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie, in der Kongresshalle in Leipzig (10.10. 2019). Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Generalarzt Dr. Andreas Hölscher (56) ist Tagungspräsident des 50. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie, der am Freitag in Leipzig eröffnet worden ist. Der gebürtige Düsseldorfer war mehrere Jahre als Bundeswehrarzt beim Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung in Weißenfels und zog vor knapp 20 Jahren nach Leipzig, wo er kaum eine Opernpremiere verpasste. Dass der Jubiläumskongress mit dem 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution zusammenfällt, freut ihn besonders.

Sie waren zur Premiere von „Tristan und Isolde“ in der Leipziger Oper Leipzig. War das eine gute Einstimmung auf den Wehrmedizinkongress?

Insofern, als man in Leipzig Kultur und Kongress ideal verbinden kann. Ich bin ein Wagner-Fan und fand die Leipziger Aufführung, an der immerhin zwei Intendanten mitgewirkt haben, wunderbar. In Bayreuth war „Tristan und Isolde“ eine gefühlskalte Inszenierung, in Leipzig haben viele das Werk erstmals verstanden. Insofern war der Samstagabend eine Sternstunde. Ich habe die Leipziger Aufführung für das Online-Magazin O-Ton rezensiert.

Eine Opernrezension ist ja nicht gerade das, was man von einem Generalarzt der Bundeswehr erwartet. Wie kommt das?

Ich habe von frühester Kindheit an Konzerte und Opern gehört und schreibe gern. Natürlich bin ich kein Musikexperte wie Peter Korfmacher von der Leipziger Volkszeitung, dessen Besprechungen ich, seit ich in Leipzig lebe, gerne lese. Die Opern sind mein Hobby, die Wehrmedizin ist meine Berufung.

Warum findet der 50., also ein Jubiläumskongress der Wehrmedizin, gerade in Leipzig statt?

Es gibt drei Gründe: Erstens, weil wir in Leipzig unseren 50. Jahreskongress ideal verbinden können mit dem 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Deshalb haben wir auch den Bürgerrechtler und Direktor der Evangelischen Akademie in Meißen, Stephan Bickhardt, als Festredner eingeladen, damit unsere 500 Kongressteilnehmer aus ganz Deutschland und dem Ausland authentisch erfahren, was die Menschen in Leipzig und in ganz Ostdeutschland für die Friedliche Revolution geleistet haben. Das war auch mir als „Wessi“, der ich nun schon viele Jahre im Osten lebe und arbeite, ein besonderes Anliegen. Zweitens waren wir schon 1997 und 2005 mit unserem Kongress in der Buch-, Musik- und Messestadt Leipzig. Und das ist allen Teilnehmern in bester Erinnerung geblieben. Die Wehrmediziner kommen gern nach Leipzig. Und drittens habe ich hier mit den beiden Oberstärzten der Reserve, Dr. Jörg Hammer und Prof. Edgar Strauch, große Unterstützung bei der Organisation.

Ministerpräsident Michael Kretschmer hat die Schirmherrschaft übernommen und ein Grußwort an den Kongress gesandt, indem er sich ausdrücklich bei der Bundeswehr bedankt und sich freut, dass die Veranstaltung in Leipzig stattfindet. Wie wichtig ist es für Sie, von der Politik willkommen geheißen zu werden?

Das ist sehr wichtig und tut uns als Soldaten gut, wenn wir von der Politik unterstützt werden. Denn seit wir Berufsarmee sind, hat das öffentliche Interesse abgenommen. Aber wir gehen weiter in die Auslandseinsätze, helfen bei Katastrophen. Ich war selbst bei den Hochwassereinsätzen 2002 und 2013 hier in der Region dabei. Michael Kretschmer hat in Sachsen schon oft gezeigt, dass er hinter der Truppe steht.

Sie wurden auch von Leipzigs OBM Burkhard Jung im Rathaus empfangen. Was bedeutet das für die Wehrmediziner?

Auch das ist ein Zeichen der Wertschätzung der Bundeswehr. Wir sind im Rathaus auf großes Entgegenkommen gestoßen.

Was ist bei der Wehrmedizin anders als in der „normalen“ Medizin?

Die Wehrmedizin kann man auch als Einsatzmedizin bezeichnen. Es ist wichtig, die medizinische Versorgung im Ausland so sicherzustellen, damit das Ergebnis dem fachlichen Standard in Deutschland entspricht. Zudem haben sich unsere Chirurgen in den Auslandseinsätzen ganz besondere Kenntnisse erworben. In Afghanistan gab es Verletzungen durch Bombenexplosionen, Sprengfallen und Gefechte, wie wir sie zum Glück hier nicht kennen. Durch die Explosionen reißen Extremitäten ab, es gibt Schrapnellverletzungen. Die Druckwelle führt außerdem zu Verletzungen der inneren Organe. Es gibt auch Inhalationstrauma, etwa durch Stichflammen. Auch in Deutschland gibt es Explosionsverletzungen, aber nicht in diesen Dimensionen. Aber es ist für eine Armee unabdingbar, dass Mediziner solche Verletzungen behandeln können.

Welche Konsequenzen hat die Bundeswehr gezogen aus dem Tod eines Rekruten während eines Gewaltmarsches?

Da kenne ich nicht die Details, aber wichtig ist, die Bekleidung, die Temperaturen, die Ernährung und die körperliche Fitness zu analysieren und Schlussfolgerungen zu ziehen, damit das nicht noch mal vorkommt. Damit beschäftigen sich wissenschaftliche Institute.

Liegt es auch an der mangelnden Fitness mancher Rekruten?

Da können wir keine Abstriche machen. Die Soldaten müssen fit sein für die Auslandseinsätze.

Es gibt auf dem Kongress auch einen Arbeitskreis Zahnmedizin. Geht es beim Militär härter zu auf dem Zahnarztstuhl, oder was ist das Besondere?

Bei der Bundeswehr geht es auf dem Zahnarztstuhl nicht härter zur Sache als im zivilen Bereich, aber unsere Zahnärzte arbeiten sehr gründlich. Sie haben eine hervorragende Ausbildung, sie haben alle zivil studiert, und ihre Ausstattung entspricht dem modernsten Standard. Das weiß ich nun wirklich aus eigener Erfahrung, denn bei uns gehört der Zahnarztbesuch zum Dienst. Ihr Arbeitgeber wird nicht von Ihnen verlangen, regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen, damit alles tipptopp ist.

...das mache ich freiwillig.

Aber wenn ein Soldat für sechs Monate in den Einsatz muss, braucht er dafür auch eine entsprechende „Dental Fitness“, wie wir es nennen. Das kann sogar so weit gehen, dass ein Soldat wegen Zahnproblemen nicht in den Einsatz kann. Die Bohrer sind also weder härter noch weicher, aber die zahnärztliche Versorgung ist richtig gut.

Was ist denn für Sie das interessanteste Thema auf dem Kongress?

Es ist alles interessant. Aber als Einsatzmediziner, ich war sechs Mal im Auslandseinsatz, freue ich mich besonders auf den Vortrag eines kanadischen Militärarztes, der zusammen mit Bundeswehrärzten in einem nordirakischen Feldlazarett eingesetzt war. Wir wollen ja immer auch über den nationalen Tellerrand blicken. Die Einsätze sind ja auch alle multinational.

Gibt es Fortschritte bei der Behandlung psychotraumatischer Belastungsstörungen von Soldaten nach Einsätzen?

Ja, auch darüber werden wir auf dem Kongress sprechen. Das gehört zur Wehrmedizin und ist im Entwicklungsprozess. Die Krankheit ist inzwischen anerkannt. Das Berliner Bundeswehrkrankenhaus hat ein spezielles Psychotrauma-Zentrum. Kollegen von dort werden auch Vorträge halten. Durch die Aufklärungsarbeit unserer Militärpsychologen und -psychiater werden die Betroffenen auch nicht mehr stigmatisiert. Die Militärpsychologen und -psychiater waren selbst in den Einsätzen und können besser nachempfinden, was die Soldaten belastet.

Was brauchen die Soldaten für besondere Medikamente und Mittelchen? Warum muss es auch eine Wehrpharmazie geben?

Für die Grundversorgung haben wir dieselben Medikamente. Es gibt aber den Unterschied, dass die Bundeswehrapotheken stärker in der Lage sind, Medikamente selbst herzustellen. Ein ganz wichtiger Punkt ist das Thema Impfen. Im Gegensatz zum Zivilisten hat der Soldat im Auslandseinsatz eine Impfduldungspflicht. Je nach Einsatzgebiet gibt es dann eine ganze Reihe vom Impfungen. Das muss alles bevorratet werden. Außerdem sind die Wehrpharmazeuten unsere Logistiker, die darauf achten, dass die ganze Medizinausrüstung auch vor Ort ankommt und entsprechend beschafft wird.

Der Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstarzt Dr. Ulrich Baumgärtner, will sich äußern zum Zustand des Sanitätsdienstes. Im zivilen Leben klemmt es überall. Fehlen auch beim Bund Ärzte und Sanitäter?

Ja, auch wir suchen auch ständig Nachwuchs. Das Medizinstudium beim Bund ist aus meiner Sicht sehr attraktiv. Man studiert zivil, bekommt aber das Gehalt vom Bund. Bei den medizinischen Assistenzberufen haben wir auch Bedarf und konkurrieren natürlich mit dem zivilem Gesundheitssystem.

Ein Workshop beschäftigt sich auch mit den Schlussfolgerungen nach dem Terroranschlag in Berlin. Worum geht es da?

Angehörige vom Berliner Bundeswehrkrankenhaus waren mit die ersten, die am Breitscheidplatz waren. Bei diesem Workshop geht es nicht nur um die medizinischen Aspekte, sondern auch um die Organisation bei so einem Großschadensereignis. Die Frage ist ja: Wie schaffen wir es, dass der Abtransport der Verletzten, die Verteilung auf die Krankenhäuser, die Kommunikation mit den Leitstellen besser werden. Da ist damals nicht alles ideal gelaufen.

Interview: Anita Kecke

Zur Person

Generalarzt Dr. Andreas Hölscher (56) ist seit 1982 bei der Bundeswehr. Von 1985 bis 1991 studierte er Medizin in seiner Geburtsstadt Düsseldorf. Nach der Promotion war er Arzt bei der Luftwaffe in Köln, Fürstenfeldbruck und Memmingen. 2001 zog es Hölscher nach Sachsen-Anhalt. Verbunden hat er das mit einem Umzug nach Leipzig. Hölscher war zunächst als Dezernatsleiter beim Sanitätskommando III in Weißenfels, dann ab 2002 als Kommandeur der Sanitätsregimenter 13 in Halle und 32 in Weißenfels. 2005 wechselte Hölscher als Pressesprecher für den Sanitätsdienst ins Bundesverteidigungsministerium.

2007 war er Leiter des Fachsanitätszentrums in Hannover. 2010 wurde er Chef des Stabes im Sanitätskommando I in Kiel. 2013 kam er wieder nach Weißenfels als Chef des Stabes. 2015 wurde er stellvertretender Kommandeur in Weißenfels und vom Oberstarzt zum Generalarzt befördert. Hölscher war mehrfach im Auslandseinsatz auf dem Balkan und an der Hochwasserfront in Mitteldeutschland 2002 und 2013. Im April 2019 wechselte er von Weißenfels ins Kommando Sanitätsdienst nach Koblenz. Demnächst zieht er privat von Leipzig ins bayerische Volkach bei Würzburg.

A. K.

Von Anita Kecke

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