Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Beratung bei Ess-Störungen: Immer mehr Leipziger suchen Hilfe
Leipzig Lokales Beratung bei Ess-Störungen: Immer mehr Leipziger suchen Hilfe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:03 22.05.2019
Setzen sich für Menschen mit Ess-Störungen ein: Anja Mann (l.) und Martina Müller. Quelle: Foto: Christian Modla
Leipzig

Eine App macht es möglich: Der eigene Bauch wird flacher als in der Realität, die Nase schmaler, der Mund voller oder die Brust größer. Die Veränderung an einem hochgeladenen Foto kann mit wenigen Befehlen simuliert werden. So harmlos-spielerisch solche Online-Werkzeuge scheinen – sie befeuern die zum gesellschaftlichen Fetisch gewordene Sehnsucht nach optischer Perfektion. Und können vor allem ein Krankheitsbild fatal verstärken: die Ess-Störung. Tatsächlich steigt die Zahl der Betroffenen welt- und deutschlandweit. Leipzig bietet eine weit über Sachsen hinaus gefragte Anlaufstelle: das „BEL Beratungszentrum Ess-Störungen Leipzig“.

Ehrenamtlicher Anfang

Begonnen hat die Geschichte des Projekts 2012 auf ehrenamtlicher Basis. Vier Frauen, die selbst von einer Ess-Störung betroffen oder durch das eigene Umfeld damit konfrontiert waren, schlossen sich zusammen, um Beratungen zu ermöglichen. „Bis dahin gab es nur die Möglichkeit, eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen, und davor schrecken viele zurück“, sagt Martina Müller, die sich im BEL um Netzwerkarbeit und Angebote kümmert sowie Gruppen leitet. Die Erziehungswissenschaftlerin und Mediatorin gehört zu einem Team, das seit 2017 von der AOK Plus unterstützt wird – und die Finanzspritze für drei volle Stellen auf sechs Leute verteilt.

„Der Bedarf ist groß“

Auch dadurch konnte das einzige auf Ess-Störungen spezialisierte Beratungszentrum im mitteldeutschen Raum seine Arbeit intensivieren, denn „der Bedarf ist groß“, betont Tanztherapeutin Anja Mann, beim BEL mit den Schwerpunkten Körperarbeit, Gruppenleitung und Öffentlichkeitsarbeit aktiv. Bislang hat das Zentrum rund 570 Beratungsgespräche geführt.

Weltweit sind 70 Millionen Menschen betroffen, die vor allem in Industrienationen leben. Die psychosomatische Erkrankung wurzelt in Problemen im familiären, biologischen oder soziokulturellen Bereich. Sehr oft spielen Perfektionismus oder Leistungsanspruch, ein geringes Selbstwertgefühl oder traumatische Erlebnisse eine Rolle. Nicht zuletzt das in den Medien ins Unnatürliche hochgeschraubte Schönheitsideal, der Vergleich mit Freunden und Personen der Öffentlichkeit haben einen Anteil an Ess-Störungen. Die häufigsten sind Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und die Binge-Eating-Störung (Esssucht ohne Erbrechen).

Zahl junger Männer steigt

Vor allem betroffen sind Mädchen – inzwischen bereits ab neun Jahren – und Frauen. Aber auch die Zahl junger Männer steigt. „Bei ihnen fällt die Störung nicht so deutlich auf wie bei Frauen“, erläutert Martina Müller, „Männer kompensieren die mangelhafte Nahrungsaufnahme oft mit Muskelaufbau – und auch das im Übermaß.“ Wie bei anderen Ausformungen von Sucht ist es schwer, dem Erkrankten die Notwendigkeit zu vermitteln, sein Leben ändern zu müssen. „Viele wollen sich nicht behandeln lassen, weil ihnen die Krankheitseinsicht schwer fällt“, so Müller.

Gute Kontakte zu Kliniken

Therapie gelingt dann, wenn die Betroffenen ihre Angst verlieren, dass der Körper sich bei einer Normalisierung der Nahrungszufuhr verändert. Ein anderer Punkt: sich selbst zu akzeptieren und wertzuschätzen. Das bedarf einer Menge psychosozialer Arbeit. Das BEL unterstützt Essgestörte durch Beratung, Workshops, offene Gesprächsrunden, Vermittlung zu medizinischer und therapeutischer Hilfe. Man pflegt gute Kontakte zur Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren und zu Kliniken – in Leipzig, aber auch in Dresden und im Umland.

Unterstützung läuft aus

Anfragen um Unterstützung kommen aus vielen Regionen. „Umso wichtiger ist die Sicherung einer langfristigen Finanzierung“ – Anja Mann wirft dabei einen Blick aufs kommende Jahr, wenn die Unterstützung der AOK Plus unter der Trägerschaft des Suchtzentrums Leipzig ausläuft. Wie, ob und wodurch das BEL weiter existieren wird, ist bislang ungewiss.

Um auf seine Arbeit aufmerksam zu machen, lädt das Zentrum am Freitag, 24. Mai, unter dem Motto „BELiennale – Ess-Störungen im Blickwechsel“ in die Galerie KUB ein (Eintritt frei). Von 18 bis 21 Uhr bieten Teilnehmer der Selbsthilfegruppen, Klienten und das weitere Umfeld des BEL auf unterschiedlichste Art Einblicke – durch Gesang, Gedichte sowie eine Fotoausstellung und Malerei, aber auch anhand von Texten, in denen Betroffene ihre Geschichte erzählen. „Oft suchen sich Menschen mit Ess-Störungen sehr kreative Wege, um sich auszudrücken“, sagt Martina Müller, „das ist immer wieder bewundernswert.“

www.bel.jetzt

Von Mark Daniel

In der neuen kommunalen Kita in der Curiestraße sind derzeit 140 Plätze ungenutzt – unter anderem, weil das Personal fehlt. In der gesamten Stadt fehlt Personal für 210 Plätze. Die Linken fordern jetzt ad-hoc-Maßnahmen, um den Erziehermangel kurz- und mittelfristig zu beheben.

22.05.2019

Am 26. Mai ist Kommunalwahl. Die Leipziger wählen einen neuen Stadtrat. Aber wofür stehen die Parteien? Auf LVZ.de analysieren wir in einer Serie die Programme der in der aktuellen Ratsversammlung vertretenen Parteien in vier verschiedenen Politikfeldern. Heute: das Thema Wohnen.

22.05.2019

Der Förderverein des Leipziger Naturkundemuseums sucht Gefährten. Die engagierten Unterstützer können eine individuelle Objektpatenschaft übernehmen.

22.05.2019