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Lokales Beratung für Autisten in Leipzig
Leipzig Lokales Beratung für Autisten in Leipzig
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12:01 16.01.2019
Beratung, Hilfsangebote und noch viel mehr: Sebastian Petzold, Melle Schrimpf, Katja Kötz, Viktoria Günther und Peter Crimmann (v. l.) setzen sich für LunA ein; auf dem Bild fehlt Tina Crimmann. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

An manchen Tagen besteht das Leben für Franziska Ansbach* einzig aus Überreizung. Dann ist das Licht zu grell, dann treibt sie ein Strudel aus Lärmquellen in eine Abwehrhaltung, Gerüche attackieren sie. Das sind Tage, an denen die Leipzigerin in ihre Wohnung zurück muss und sie nicht mehr verlässt. Ansbach ist Autistin; und je älter die nun 36-Jährige wird, desto intensiver spürt sie die Symptome ihrer Entwicklungsstörung. Ein Fall, den der Verein Leipzig und Autismus, kurz LunA, so und in vielen anderen Ausformungen kennt. Die 2005 gegründete, gemeinnützige Einrichtung ist eine der wenigen Anlaufstellen für Autisten in und um Leipzig.

Wer das LunA-Team im Stadtteil Leutzsch besucht, begegnet einem sensibel justierten Mikrokosmos. Dabei nimmt die Einrichtung der Räume, in denen seit 2016 vor allem beraten und geschult wird, Rücksicht auf die Klientel – und die Berater. Tina Crimmann und Katja Kötz sowie ein Großteil ihres Teams haben die Beeinträchtigung selbst und wissen, wie Störungen gefiltert werden können. Durch gedämpftes Licht beispielsweise und Reduzierung von Lärmquellen. „Schon das Surren einer Leuchtstoffröhre kann einen Autisten aus der Bahn werfen“, beschreibt es Crimmann.

Probleme im sozialen Umgang

Die Variationen der so genannten Autismus-Spektrum-Störung sind vielfältig. Es gibt Hochbegabung, Intelligenzminderung, leichtere Fälle und schwere, die bis zu Angststörungen und Depressionen reichen. Der gemeinsame Nenner liegt bei Problemen im sozialen Umgang oder Auffälligkeiten in der Kommunikation. Autisten entschlüsseln beispielsweise keine Ironie und nehmen Aussagen wörtlich. „Sagt jemand ,Ich mache jetzt gleich Feierabend’, können wir mit den widersprüchlichen zeitlichen Bezeichnungen ,jetzt’ und ,gleich’ nichts anfangen“, erklärt Katja Kötz. Hinzu kommt häufig eine überdurchschnittliche Empfindlichkeit der Sinnesorgane sowie hoher Energieverlust durch Kommunikation, vor allem mit den so genannten neurotypischen, also nicht autistischen Menschen.

Franziska Ansbach gehört zu denen, die sich ihrer Umgebung nie zugehörig fühlten und dafür keine Erklärung fanden – bis sie vor ein paar Jahren, sie war 30, in einer Zeitschrift einen Text über die Einschränkung durch Autismus las. „Es war, als rüttelte mich jemand wach“, sagt sie, „ich dachte, der Autor schreibt über mich.“

In den meisten Fällen liegt dann eine Art Schockstarre neben der Erleichterung darüber, dass die eigene Andersartigkeit einen Namen hat. Und dass es eine Erklärung dafür gibt, warum man einem Gespräch ab sechs Augen kaum noch folgen kann oder die Stressanfälligkeit wächst.

Ansbach kam in ihrem Job bei einer Versicherung immer weniger zurecht – auch wegen des Umzugs in ein Großraumbüro. Zu viel Lärm, zu viel Unberechenbares, zu viel Getümmel – eine Überforderung für Autisten. Inzwischen einigte sie sich mit ihrem Arbeitgeber auf einen Auflösungsvertrag. Ansbach versucht die Zeit zu nutzen, sich selbst zu verstehen und Fachärzte aufzuspüren.

Im LunA e. V. weiß man, dass das ein großes Problem ist. „Es gibt wenige Therapeuten im Leipziger Raum, die mit Autismus-Patienten richtig umgehen können“, so Crimmann. Dasselbe treffe auf den Bildungsbereich zu. „Wer ein autistisches Kind hat, muss hart und lange für einen Schulplatz mit adäquater Betreuung kämpfen“, berichtet Kötz. Sowohl sie als auch Crimmann standen für ihre Kinder vor dieser Herausforderung. Der Verein, der am 6. April zum vierten Mal das überregionale Fachsymposium zum Thema Autismus ausrichtet, erarbeitet mit den Betroffenen Wege, um in eine größtmögliche Selbstbestimmung zu kommen.

Ob und wie die Barrierefreiheit von Autisten im Leben außerhalb der vertrauten vier Wände klappt, hängt vom Wissensstand der Umgebung ab. Im Idealfall bieten öffentliche Einrichtungen die sogenannten Metacom-Symbole – Piktogramme, die Menschen mit Wahrnehmungsbesonderheiten Orientierung und Kommunikation erleichtern. Beispielhaft steht hierfür seit Mitte Oktober das Bachmuseum Leipzig, das in Kooperation mit dem LunA-Team das Pilotprojekt „Sensory Friendly – Sinnesfreundliche Umgebung“ entwickelt hat.

Hilfreiche Symbole für Autisten entwickelt

Eigens dafür entstand mit Grafikerin Annette Kitzinger ein Symbol, das analog den bereits bekannten Piktogrammen, wie zum Beispiel für Rollstuhlfahrer oder Hörschleifen, einen Hinweis auf Möglichkeiten im Bereich der Sinnesfreundlichkeit liefert. Diese Kennzeichnung können Einrichtungen nach der Erarbeitung eines individuellen Konzeptes von LunA erhalten. Die damit gekennzeichneten Umgebungen sind unter Berücksichtigung der sozialen und sensorischen Empfindungen von Menschen aus dem Autismus-Spektrum gestaltet.

Der Weg zu einem breiteren Wissen von Neurotypischen über Autismus ist noch ein langer in einer Welt, die Multitasking und daraus wachsende Überforderung unausgesprochen zum Prinzip ihres wirtschaftlichen Funktionierens macht. Katja Kötz kennt Verzweiflung und Sackgassen-Gefühl. „Es ist oft hart, den Weg ins Leben neu zu finden“, sagt sie, „aber es lohnt sich.“ Wo er kann, hilft LunA, dessen Kernteam aus sechs Leuten besteht und bundesweit Anfragen mit Bitte um Ratschläge bekommt. Seit Januar 2018 ist der Verein eine von drei Beratungsstellen in Leipzig für die „Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB)“; sie bieten Menschen mit Behinderungen Informationen und Unterstützung bei Anträgen. Wie wertvoll die Arbeit ist, zeigt der im Juni letzten Jahres verliehene Preis des Wettbewerbs „Start Social“ an den Verein im Bundeskanzleramt. Angela Merkel lobte unter anderem die „gelebte Solidarität“.

Franziska Ansbach geht gerade einen neuen Weg. Sie belegt beim Sozialunternehmen Diversicon einen Kurs, adressiert an Menschen im Autismus-Spektrum, um die berufliche Handlungsfähigkeit zu verbessern. Finanziert wird die Maßnahme durch die Bundesagentur für Arbeit. Die 36-Jährige ist optimistisch. „Ich habe große Hoffnung, eine neue Perspektive zu bekommen.“

*Name von der Redaktion geändert

Der LunA e.V. in Leipzig freut sich über Geld- oder Sachspenden, zum Beispiel in Form von Software oder i-Pads, mit denen autistische Kinder und Jugendliche barrierefrei lernen können. Infos auf www.leipzig-und-autismus.de, Kontakt gibt es am besten per Mail an info@luna-ev.de. Buchempfehlung: „Geniale Störung“ (Steve Silberman, DuMont, 28 Euro).

Von Mark Daniel

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