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Lokales Besucher-Schwund bei Motetten
Leipzig Lokales Besucher-Schwund bei Motetten
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18:06 04.02.2019
Blick in die Thomaskirche am letzten Januar-Freitag 2019. Gerade mal 470 Besucher wollten die Motette erleben. Tags darauf waren es 828 Zuhörer. Die Kirche bietet 1500 Menschen Platz. Im Jahr 2017 kamen zu den Motetten mit dem Thomanerchor freitags durchschnittlich 800 Zuhörer, sonnabends rund 1400 Besucher.
Blick in die Thomaskirche am letzten Januar-Freitag 2019. Gerade mal 470 Besucher wollten die Motette erleben. Tags darauf waren es 828 Zuhörer. Die Kirche bietet 1500 Menschen Platz. Im Jahr 2017 kamen zu den Motetten mit dem Thomanerchor freitags durchschnittlich 800 Zuhörer, sonnabends rund 1400 Besucher. Quelle: André Kempner
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Seit wann es sie gibt, ist unklar. Die früheste Erwähnung der Motetten mit dem Thomanerchor findet sich in den 1694 erschienenen „Leipziger Kirchenandachten“. 325 Jahre später herrscht rund um das Thomasalumnat und die Thomaskirche die Sorge, dass die musikalischen Andachten am Freitag ab 18 Uhr und am Sonnabend ab 15 Uhr im Leben der Stadtgesellschaft ihre Bedeutung verlieren.

An belastbaren Zahlen mangelt es zwar, doch das Grundgefühl bei denen, die für die Organisation der Motetten verantwortlich zeichnen, lässt sich in den Satz gießen: Es kamen schon mal mehr Leute – auch außerhalb der Saure-Gurken-Zeit Januar/Februar, in der die Resonanz seit jeher schwach ist. Stefan Altner, der Geschäftsführer des Thomanerchores, wagt die Zuspitzung: „Die Leipziger gehen nicht mehr hin.“

„Wo anders bekommen Menschen das geboten?“

Das klingt nach Alarmstimmung, wenngleich weder Stefan Altner noch Britta Taddiken, die erste Pfarrerin an der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde St. Thomas, sich dem Jammern hingeben wollen. „Dieses ganz besondere Format muss im Gedächtnis unserer Stadt verwurzelt bleiben“, sagt die Theologin kämpferisch.

„Musik in Bachs Kirche – wo anders bekommen Menschen das geboten? Doch nur in Leipzig, doch nur in der Thomaskirche“, lautet das Credo der 48-Jährigen. Worte in Musik, Musik in Worten – diese Kombination sollte sich niemand entgehen lassen, findet Britta Taddiken. „Wer nach einer aufreibenden Woche zu Ruhe und Stille finden will, der kommt an den Motetten eigentlich nicht vorbei.“

„Auf höchstem künstlerischen Niveau Authentizität pur“

Ein Ansatz, den Thomaner-Geschäftsführer Stefan Altner unterstreicht. Der städtische Chor ist seit Langem sein Zuhause. In ihm sang er einst als Knabe, in ihm führt er seit 25 Jahren die Geschäfte. Neben dem spirituellen Aspekt treibt den 62-Jährigen der künstlerische um. In der Thomaskirche seien regelmäßig die beiden wichtigsten Kulturträger der Stadt zu erleben.

„Wenn Thomanerchor und Gewandhausorchester sonnabends in der Thomaskirche eine Kantate von Johann Sebastian Bach zur Aufführung bringen, dann ist das auf höchstem künstlerischen Niveau Authentizität pur“, schwärmt der ausgebildete Organist. „Wir müssen diesen Exzellenz-Gedanken wieder stärker nach außen tragen: Nur bei uns gibt es  d e n  Bach!“ Und selbst wenn die Thomaner mal nicht da sind – seit 2012 war der Chor an durchschnittlich 20 Wochenenden im Jahr in den Motetten präsent – werde ausgezeichnete Kost geboten.

„Die sind zu einer Touristen-Veranstaltung geworden“

Stefan Altner ist aber auch Realist. Als leitender kommunaler Angestellter hat er es mit vielen Gremien zu tun. Häufig muss er feststellen, dass Entscheidungsträger von heute nicht mehr wissen, dass es Motetten gibt. „Sie kennen dieses Angebot gar nicht.“ Darüber hinaus ist dem Mann, der in diesem Frühjahr in die passive Phase der Altersteilzeit wechselt, den „Kasten“ in der Hillerstraße demnächst also verlässt, durchaus bewusst, dass es Vorbehalte in der Bevölkerung gibt.

Eine nicht-repräsentative Umfrage unter Leipzigern bringt Statements wie diese hervor: „Motetten? Da stehst du vor der Kirche doch ewig in der Schlange.“ Oder: „Die sind zu einer Touristen-Veranstaltung geworden.“ Oder: „Sie treten doch kaum noch auf, die Thomaner.“ Der Geschäftsführer des Chores bittet um Verständnis, „dass die Jungs auch mal Ferien haben und dass wir hin und wieder auf Konzertreise gehen“.

Und auch wenn zwischen März und Dezember tatsächlich recht viele Gäste kämen, „sie fluten die Kirche nicht. Bei 1500 Sitzen findet sich garantiert immer noch ein Platz, die Heiligabend- und Silvester-Motetten vielleicht mal ausgenommen“, sagt Thomaspfarrerin Britta Taddiken. Schlangen würden sich höchstens an den Sonnabenden bilden, „weil der Samstag deutlich stärker besucht ist als der Freitag“, betont die Seelsorgerin. Die Wartezeiten hielten sich dann aber immer noch in Grenzen.

„Das Produkt Motette ist nicht mehr bekannt genug“

Antworten, die den einen oder anderen Ex-Motetten-Gänger vielleicht zu einem Comeback bewegen. Doch das unterschwellige Gefühl bleibt: Es saßen schon mal mehr Leute in der Kirche. Stefan Altner sieht die Notwendigkeit, „dass wir dringend etwas tun, dass wir uns öffnen müssen. Das Produkt Motette ist nicht mehr bekannt genug.“ Ein auf die musikalischen Andachten zugeschnittenes Marketing-Konzept soll es richten. Der neue Untertitel „Musik in Bachs Kirche“ gilt als ein erster Versuch, die Offerte wieder populärer zu machen. „Niederschwelliger“ würden Experten jetzt sagen.

Bei den nächsten Motetten am 8. Februar ab 18 Uhr und 9. Februar ab 15 Uhr sind letztmals vor den Winterferien die Thomaner zu hören. Das zwei Euro teure Programm- und Textheft berechtigt zum Eintritt in die Kirche. Kinder, Schüler und Leipzig-Pass-Inhaber kommen gratis hinein.

Von Dominic Welters