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Lokales „Die DDR war von einem Moment zum anderen zu Ende“
Leipzig Lokales „Die DDR war von einem Moment zum anderen zu Ende“
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18:41 15.10.2019
Jochen Lässig in einer Szene des Filmes "Leipzig im Herbst" von Andreas Voigt Quelle: Defa-Stiftung
Leipzig

Jochen Lässig war Mitglied des Neuen Forum. Der DokumentarfilmLeipzig im Herbst“ zeigt ihn im Oktober 1989 in einem neu eingerichteten Kontaktbüro im Leipziger Westen. Doch davon weiß er nicht mehr viel, zu viel passierte in diesen Wochen auf einmal.

Erinnern Sie sich noch an das Filmteam um Andreas Voigt, dass Sie im Herbst 1989 in den Räumlichkeiten des Neuen Forums besuchte?

Ehrlich gesagt, habe ich nur vage Erinnerung. Das war so ein Typ mit Bart, oder? Wissen Sie, damals haben uns so viele Kamerateams und Journalisten aus dem Ausland besucht, an alle kann ich mich wirklich nicht erinnern. Das war eine sehr intensive Zeit. Vor lauter Stress ist mir meine damalige Freundin weg gelaufen!

Wie ist es zu der Gründung des Neuen Forums gekommen?

Es gab ja in DDR schon eine Struktur in der Opposition. Im September 1989 gründete sich das Neue Forum in Berlin. Danach haben sich dann auch verschiedene politische Basisgruppen aus Leipzig mit einander verbunden. Unser erster Schritt war es, ungefähr zehn verschiedene Kontaktstellen einzurichten. Eine Kontaktstelle war zum Beispiel in meiner damaligen Wohnung und die war quasi ständig belagert. Das war wirklich eine aufregende Zeit. Die Räume, die man in „Leipzig im Herbst“ sieht, gehörten zu einer besetzten Wohnung in der Dreilindenstraße.

Jochen Lässig erinnert sich an Leipzig im Herbst 1989 Quelle: ps/afs

Würden Sie sagen, dass das Neue Forum im Untergrund agieren musste?

Eigentlich nicht. Die SED ist nämlich nicht eingeschritten gegen die Gründung des Neuen Forums. Vorher, als wir uns in Kirchen vernetzt haben, das was die Arbeit im Untergrund. Das Neue Forum wurde eben geduldet, deswegen würde ich es nicht mehr als Untergrund bezeichnen. Gerade auch, weil uns so viele Journalisten besuchten haben, konnten wir offener agieren und beispielsweise am Rande des Kirchentages Gelder für Inhaftierte sammeln.

Was sind Ihre Erinnerungen an die Montagsdemonstrationen?

Am 2. Oktober hatte ich die Funktion des Presseberichterstatters, da saß ich am Telefon und habe Radiointerviews für ausländische Sender gegeben. Aber am 9. Oktober war ich dabei. Die Stimmung war sehr angespannt und bedrohlich. Wir hörten, dass Blutkonserven in den Krankenhäusern bereit gehalten wurden für den Ernstfall. Wir haben im Vorhinein mit allem gerechnet. Ich war an dem Tag in der Michaeliskirche. Beim Verlassen der Kirche waren wir sehr unruhig. Aber sobald wir die Menschenmasse auf dem Augustusplatz gesehen haben, hatten wir das Gefühl, dass nichts passieren wird. Da war von einem Moment zum anderen die DDR zu Ende und die Auseinandersetzung gewonnen. Der Mauerfall war nur ein Resultat des Oktobers in Leipzig.

LVZ.de taucht ein in das Leipzig im Herbst 1989

Der DokumentarfilmLeipzig im Herbst“ porträtiert die Stimmung nach dem 9. Oktober eindrucksvoll. Bis zum Mauerfall ist Filmemacher Andreas Voigt unterwegs und begegnet Bürgern, Beamten und Aktivisten im Strom der Ereignisse. In einer multimedialen Reportage taucht LVZ.de noch einmal ein in das „Leipzig im Herbst“ von 1989.

Wie ging es danach für Sie weiter?

Ich war häufig in Berlin zu den großen Versammlungen, die dazu dienten eine politische Partei zu gründen. Wir haben es aber nicht so genannt, das hing mit dem Verbrauch des Wortes Partei in der DDR zusammen. Deswegen meinten wir es damals eine Bürgerbewegung nennen zu müssen, aber natürlich hatten wir den Plan an Wahlen teilzunehmen. Die vielen verschiedenen Foren haben sich oft in Berlin versammelt und auch oft gestritten.

Auch im Dokumentarfilm von Andreas Voigt sieht man, dass sich einige Demonstranten eine Wiedervereinigung wünschten, andere sprachen von einer Reform der DDR. Wie sahen Sie das damals?

Ich habe mir immer eine Wiedervereinigung gewünscht. Aber in der Bürgerbewegung gab es damals drei Gruppen: Die einen wollten eine sofortige Wiedervereinigung, ohne eigene politische Akzente zu setzen. Das waren aus meiner Sicht etwa 80 Prozent damals. Das konnte ich auch verstehen, das System der Bundesrepublik war ja schließlich schon da. Eine andere Gruppe hat die Wiedervereinigung als langsamen Prozess verstanden, dazu gehörte auch ich. Und die dritte Gruppe wollte eben ein ganz eigenes System behalten.

Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück? Sehen Sie das, wofür Sie gekämpft haben, verwirklicht?

Naja, das ist alles sehr gemischt. Mein persönliches Leben hat sich danach natürlich sehr verbessert. Ich konnte Jura studieren und bin eine Weile in die Politik gegangen. Politisch sehe ich natürlich auch die Probleme unserer Zeit. Das Erstarken rechter Kräfte ist auch eine Folge der DDR Zeit, denn die DDR war ja ein ultrakonservativer Staat. Um das zu verstehen, muss man sich nur den damaligen Umgang mit Ausländern angucken. Es gab ein Kontaktverbot zwischen Deutschen und Vertragsarbeitern aus Kuba oder Mosambik. Auch zum Thema Asylrecht gab es eine ganz andere Haltung in Ostdeutschland. Positiv könnte man auch sagen, die Ossis haben da eine ganz eigene Meinung zu. Aber dass jetzt mit Hass Politik gemacht wird, ist ein ganz großes Dilemma.

Was hätte aus Ihrer Sicht bei der Wiedervereinigung anders laufen müssen?

Es wäre sicherlich gut gewesen, wenn mehr Menschen aktiv in der Politik geblieben wären nach der Wende. Aber viele Leute mussten sich natürlich auch erstmal um ihren Broterwerb im wiedervereinigten Deutschland kümmern und konnten sich nicht einfach in der Politik verausgaben. Auch aus unserer Bürgerbewegung heraus konnte man nicht die Menschen vertreten, das musste sich ausdifferenzieren von links bis rechts. Vielleicht wäre es gut gewesen, eigenständige ostdeutsche Parteien mit Schwesterparteien im Westen zu gründen. Dann würden sich die Ostdeutschen besser repräsentiert fühlen. So wie es gelaufen ist, hat Ostdeutschland zu früh die eigene Stimme verloren.

Von Pia Siemer und Anna Flora Schade

Andreas Voigt und sein Kamerateam drehen ab dem 16. Oktober 1989 in Leipzig den Defa-Dokumentarfilm „Leipzig im Herbst“. Er sprach mit Demonstranten, Bürgerrechtlern, Bereitschaftspolizisten und Arbeitern. Im Interview mit lvz.de erinnert er sich an den Dreh.

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