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Lokales Chefin des Leipziger Stadtelternrates verordnet der Stadt Nachsitzen bei der Schulentwicklung
Leipzig Lokales Chefin des Leipziger Stadtelternrates verordnet der Stadt Nachsitzen bei der Schulentwicklung
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22:04 26.07.2018
Petra Elias, die Vorsitzende des Stadtelternrates, bemängelt, dass die Stadt trotz großer Bemühungen zu wenig Unterrichtsräume bereitstellt.
Petra Elias, die Vorsitzende des Stadtelternrates, bemängelt, dass die Stadt trotz großer Bemühungen zu wenig Unterrichtsräume bereitstellt. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Es geht vorwärts. Dennoch verordnet Petra Elias der Stadt Leipzig Nachsitzen. Die 48-jährige Bürokauffrau leitet den Stadtelternrat, der alle Elternsprecher an den hiesigen Schulen vereint und sich in Teamarbeit um die Belange der Bildungsstätten kümmert. Im LVZ-Interview äußert sich Petra Elias, Mutter dreier Kinder, zur Schulsituation in Leipzig.

Sie haben im Vorjahr Noten vergeben. Die Schulbehörden bekamen für den Fleiß eine Eins, für das Ergebnis ein Unbefriedigend. Würden Sie diese Benotung so wiederholen?

Die Zusammenarbeit, die ich mit der Stadt in diesem Jahr erlebt habe, war wirklich große klasse. Der Stadtelternrat ist in vielen Gremien vertreten, darunter auch im sehr wichtigen Unterausschuss Schulnetzplanung. Dieser ist an der Planung von Klassen beteiligt. Es gibt aber nach wie vor in Leipzig nicht genügend Unterrichtsräume. Deshalb muss ich in diesem Jahr leider sagen: Die Stadt hat sich super bemüht, muss dennoch die Klasse wiederholen.

Trifft dies auch für das Landesamt für Schule und Bildung zu?

Nein. Lehrer gehen sehr sorgfältig mit der Bewertung um, ob ein Kind die Klasse wiederholen muss oder nicht. Das mache ich natürlich auch. Das Landesamt ist darauf angewiesen, dass der Schulträger Stadt Leipzig genügend Unterrichtsräume bereitstellt. Das hat sie leider nicht geschafft. Wir sehen es daran, dass Kinder vermehrt nicht so ohne Weiteres die Schule oder die Schulform wechseln können. Durch die Verdichtung von Schulen, also weil immer mehr Kinder an einem Ort lernen, konnte das Landesamt sogar Synergien bei der Lehrerversorgung nutzen. Wie es aussieht, ist die Lehrerversorgung fürs kommende Schuljahr abgesichert.

Sie sind also mit der Arbeit des Landesamtes zufriedener als mit jener der Stadt?

Im Ergebnis ja. Wir haben Schüler, die die Klasse an einer anderen Schule wiederholen müssen.

Woran liegt das?

Die unteren Klassen sind voll. Die Stadt hat es nicht geschafft, wenige Reserven vorzuhalten. Das ist nicht zu akzeptieren. Wobei die Schulkonferenzen sogar zugestimmt haben, dass ein 29. Kind in die Klasse aufgenommen werden kann. Oder im Einzelfall sogar mehr.

Wie ist das Problem bis zum neuen Schuljahr zu lösen?

Wie die Verwaltung das schafft, kann und will ich ihr nicht vorschreiben. Dafür sitzen die Profis im Rathaus. Insgesamt können wir nur hoffen und beten, dass bis zum Schuljahresbeginn alle angekündigten Schulhausbauten fertig werden, zum Beispiel in der Ratzelstraße. Und dass auch die fehlenden Tafeln rechtzeitig montiert sind, wie in der Oberschule Am Weißeplatz. Auch die, die schon im vorherigen Schuljahr fehlten. Unterm Strich reicht das Ergebnis nicht aus. Wir können doch nicht wie bei Kitas sagen, wir schicken die Kinder von Wahren nach Paunsdorf. Zumindest für Grundschulen gibt es Schulbezirke sowie eine Vorschrift, wie weit die Entfernung von der Wohnung bis zur Schule sein darf.

Wie viele Klassenwiederholer bekommen keinen Platz an der jetzigen Schule?

Offiziell sind es fünf. Aber ich kenne noch weitere Beispiele, in denen Eltern hoffen, dass sich in letzter Minute noch eine Lösung findet. Das mag wenig erscheinen, aber wir reden nur von diesem einen Jahr. Und es deutet sich keineswegs an, dass sich die Situation durch neue Objekte entspannt.

Der Gesetzgeber sieht ja bei entsprechenden Leistungen einen Wechsel von Oberschule aufs Gymnasium und umgekehrt vor. Wie funktioniert das?

Nur ganz schwierig. Viele beißen sich durch, bleiben beispielsweise bis zur 10. Klasse auf dem Gymnasium, weil ein Wechsel schwierig oder für die Eltern nicht zumutbar erscheint.

Aufgabe des Stadtelternrates ist es, den Finger in die Wunde zu legen. Was ist aus Ihrer Sicht das gravierendste Problem?

Die Verdichtung in den Schulen. Alle Häuser und Klassen sind inzwischen rappelvoll. Dadurch gibt es auch mehr Interaktion zwischen den Schülern, die nicht immer schön ist. Ich finde es gut, dass die Zahl der zwölf Schulpsychologen um vier Stellen aufgestockt werden soll. Das reicht aber nicht für die Masse der Kinder, die bereits in der Schule ist sowie hineindrängt. Leipzig hat den höchsten Zuwachs an Schülern und die höchste Zahl an Abbrechern in Sachsen. Wer Förderunterricht machen will, braucht einen Raum. Aber wenn die alle bis in den Nachmittag hinein voll belegt sind? Da müssen noch einige Hausaufgaben gemacht werden. Ein „Weiter so!“ hilft da nicht.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren?

Ganz wichtig ist, Lehrer zu entlasten, damit sie mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben haben. Da gibt es ein Handlungsprogramm, das in die richtige Richtung geht. Aber es bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer über Jahre hinweg eine Entwicklung verschläft, holt diese nicht über Nacht auf. Die Botschaft, dass in der Bildungspolitik vieles zu verändern ist, ist aber bei Freistaat und Stadt angekommen. Das betrifft auch die Arbeitsbedingungen für die Lehrer.

Ein
155-Millionen-Bauprogramm der Stadt für Schulen
klingt gigantisch. Warum sind Sie trotzdem nicht zufrieden?

Ich habe Bauchschmerzen, ob es wirklich funktioniert. Kann die Verwaltung dies überhaupt so schnell umsetzen? Und schafft sie das auch in der notwendigen Qualität? Bei der Geschwindigkeit fällt doch zuerst die Bürgerbeteiligung weg. Am Bayerischen Bahnhof ist mit der ehemaligen Neruda-Grundschule ein Gebäude entstanden, das in seinem Charme an einen kühlen Bürobau erinnert. Wie ein Platz, an dem Lebensfreude und Lernlust entwickelt werden soll, sieht es dort jedenfalls nicht aus. Es gibt aber hervorragende Farbkonzepte in anderen Schulen, die umgesetzt werden können.

Die Zeit drängt. Selbst der Stadtrat bleibt in vielen Entscheidungen außen vor. Ist da die Forderung nach einem Beteiligungsverfahren realistisch?

Im Grunde ist es gar nicht mehr möglich. Dennoch liegt es im Ermessen der Verwaltung, sich individuelle Beratung zu holen. Eltern, Lehrer und Schüler sind jedenfalls dazu bereit.

Von Mathias Orbeck

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