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Lokales DDR-Krankentransporter lässt Sanitäter-Herz höher schlagen
Leipzig Lokales DDR-Krankentransporter lässt Sanitäter-Herz höher schlagen
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17:05 04.01.2019
Enrico Schellenberg vor seinem Oldtimer-Krankentransporter Barkas B 1000.
Enrico Schellenberg vor seinem Oldtimer-Krankentransporter Barkas B 1000. Quelle: Kempner
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Leipzig

Es ist seine große Leidenschaft: Enrico Schellenberg sitzt im originalen Oldtimer-Krankentransporter SMH2, einem Barkas B1000. SMH steht für Schnelle Medizinische Hilfe, er war während der DDR im DHD, also im Einsatz des dringlichen Hausbesuchsdiensts.

Stolz zieht der Sanitäter in seinem Hof in Engelsdorf die Fächer mit originalen DDR-Medikamenten auf. Er kennt sich aus: Bereits der Großvater des 41-Jährigen war Sanitäter. Schon als Kind fuhr er mit seinem Großvater im Krankenwagen durch Altenburg, spielte in den Garagen der Wismut-Poliklinik mit dem Blaulicht herum.

SMH2 mit original Defibrillator, Spritzen und Totenscheinen

Beinahe 20 Jahre habe er nach solch einem Auto gesucht. „Davon gibt es vielleicht noch fünf in Deutschland“, betont er. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Borna schaffte sich das Fahrzeug 1989 an. Ein Jahr später wurde es aussortiert. Die meisten Rettungswagen und Krankentransporter wurden in Oststaaten verkauft. Doch den SMH2, der letzte seiner Art in Borna, hatten DRK-Mitglieder ins Herz geschlossen. Sie bewahrten ihn bis in die 2000er Jahre in der Fahrzeughalle auf. Als der DRK Borna 2002 Pleite war, verzichtete ein Mitarbeiter auf seine Abfindung und nahm den historischen Krankentransporter an sich. Darin: originale Sauerstoffflaschen, ein Defibrillator, Spritzen, Totenscheine, ein Herzinfarktmeldebogen und Infusionen aus der DDR.

„Ich habe über Ecken mitbekommen, dass es das Auto gibt“, erzählt Schellenberg. Im Februar dieses Jahres hat Schellenberg das Auto gekauft. Das Gefährt war jahrelang nicht bewegt worden, Schellenberg ließ von einer Landmaschinen-Werkstatt die defekten Trommelbremsen reparieren. Auch Radlager und Getriebe überholte er. Seit April fährt Schellenberg regelmäßig zu Oldtimertreffen, macht Ausflüge mit seinem wahrgewordenen Traum. Etwa 5000 Kilometer hat er während seiner ersten Saison zurückgelegt. Seit November steht sein Herzstück in der Garage. Einmal die Woche fährt Schellenberg in den Hof und wieder in die Garage. „Damit die Bremsen bewegt werden“, erklärt der 41-Jährige.

Tochter ist begeistert vom DDR-Krankentransporter

Seine eineinhalb Jahre alte Tochter begeistert sich genau wie er für den Krankentransporter. Sie liebt es, am Lenkrad herumzuspielen. Bis zu 110 Stundenkilometer fährt der historische Barkas B1000, der ab kommendem Jahr offiziell als Oldtimer anerkannt werden soll. 46 PS hat das 1,61 Tonnen schwere Gefährt.

An ein Museum würde er seinen SMH2 „niemals“ verkaufen. „Danach ist das Auto kaputt“, sagt Schellenberg. Überhaupt, ihm gefallen die Gebrauchsspuren am Krankentransporter. „Die Dellen erzählen die Geschichte des Autos“, sagt er. Hin und wieder streicht er liebevoll mit der Hand über das Blech.

1983 ergänzte der SMH3 mit Hochdach den SMH2 in größeren Städten. Da im Jahr nur etwa 65 der neueren Modelle gebaut wurden, wurden insgesamt lediglich 500 SMH3 zugelassen. „Der SMH2 war immer mein Traum“, sagt Schellenberg. Der Wunsch hat sich erfüllt. „Wenn mir mal ein bestückter SMH3 über den Weg fährt, dann würde ich dafür aber sogar meinen SMH2 verkaufen.“

Von Theresa Held