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Lokales DGB-Chef verlangt gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West
Leipzig Lokales DGB-Chef verlangt gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West
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15:35 01.05.2019
DGB-Chef Reiner Hoffmann. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

„Das ist harte Arbeit. Die Arbeit der letzten acht und mehr Jahre.“ Bernd Kruppa blickt zufrieden auf die vielen Fahnen und Transparente mit Aufschriften wie „Kürzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen“, „Weniger ist mehr – 35-Stundenwoche jetzt“ und „Ihr könnt uns mal ... besser vergüten!“. Einige hundert Meter lang ist der Zug von Demonstranten, die lautstark vom Volkshaus zum Marktplatz ziehen.

Gewerkschaft fordert gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West.

Für den Leipziger Chef der IG Metall steht fest: „Viele der Beschäftigten sind auf der Straße, nicht nur um nur zu fordern, sondern auch um zu zeigen, dass sie in den letzten Jahren einiges erreicht haben.“ Und dann zählt Kruppa auf: Kampf gegen Werkverträge, Reduzierung von Leiharbeit, bessere Löhne und für Tarifverträge auch bei Logistikern und Zulieferern. Im Demonstrationszug wehen Fahnen von Siemens, Porsche, BMW, Kirow und Halberg-Guss. Die IG Metall habe im Raum Leipzig in den letzten Jahren die Schließung von Standorten verhindert und in vielen Firmen einen tariflichen Ordnungsrahmen durchgesetzt, sagt Kruppa. „Jetzt kämpfen wir für die 35-Stunden-Woche.“
Sauer ist Kruppa über einen Leipziger Historiker, der bei MDR aktuell die Abschaffung des 1. Mai als Kampftag fordert. „Von wegen nicht mehr zeitgemäß – das Gegenteil ist der Fall.“

Tarifvertrag bei Galeria Kaufhof gekündigt

Dass er damit nicht unrecht hat, zeigt sich kurz darauf auf dem Marktplatz. Zu Beginn der zentralen Mai-Kundgebung holt DGB-Regionalgeschäftsführer Erik Wolf zwei Verkäuferinnen von Galeria Kaufhof auf die Bühne. Nach der Fusion mit Karstadt sei als erstes der Tarifvertrag mit Verdi gekündigt worden, berichten sie. Unter den Beschäftigten mache sich Verunsicherung und Angst vor Arbeitsplatzverlust breit. Man werde nicht zulassen, dass sich der Konzern auf dem Rücken der Beschäftigten saniert, sagt Wolf.

Wenig Tarifbindung im Osten

Tarifbindung ist auch ein Thema von DGB-Chef Reiner Hoffmann. Zur bitteren Realität in den ostdeutschen Ländern gehöre es, dass nur noch 44 Prozent der Beschäftigten unter den Schutz von Tarifverträgen fallen. Im Westen sei die Tarifbindung mit 57 Prozent unwesentlich besser. „Wir werden es nicht hinnehmen, dass die Kapitalisten nahezu täglich Tarifflucht betreiben“, ruft Hoffmann in die Menge. Um das zu erreichen, fordert er unter anderem, dass Fördergelder und Investitionshilfen nur noch an Firmen vergeben werden, die Tariflöhne zahlen. Dafür müsse sich endlich auch die sächsische Regierung einsetzen. „Es ist doch ein Unding, dass wir mit unseren Steuergeldern auch noch Lohndumping unterstützen.“
Der DGB-Chef hat reichlich Mühe, gegen das Stimmengewirr rund um die Stände von Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen anzukämpfen. Rund 4500 Menschen sind nach Schätzung der Gewerkschaften gekommen. Um Nähe bemüht, erinnert er an die friedliche Revolution im Herbst 1989. Der Mut der Leipziger, die auf die Straße gegangen sind, habe wesentlich dazu beigetragen, dass sich der eiserne Vorhang in Europa öffnet. Heute würde wieder der Ruf „Wir sind das Volk!“ ertönen. Allerdings nicht von denen, die ein offenes Land mit freien Menschen wollen, sondern von den Totengräbern offener Grenzen, Solidarität und Demokratie.
Hoffmann bedankt sich bei den Leipzigern dafür, dass sie dem „rechten Mob“ in Leipzig die Stirn geboten haben. Leipzig sei eine weltoffene Handels- und Messestadt mit einem Oberbürgermeister, der gegen Rechts „klar Kante“ zeige. Zugleich fordert der DGB-Chef auf, am 26. Mai wählen zu gehen. Nötig sei ein „starkes, solidarisches Europa“. Keines der EU-Länder könne allein die Herausforderungen der Zukunft wie Globalisierung, Migration, Flucht oder Digitalisierung bewältigen. Zugleich kritisiert er, dass von Europa zu oft nur negativ geredet werde. „Wir stehen hier direkt über dem Leipziger City-Tunnel“, so Hoffmann. „Dieser Tunnel hat die Lebensqualität für alle, die hier in der Stadt und ihrem Umland leben, deutlich verbessert. Wer weiß eigentlich, dass das Geld für den Bau des Tunnels zu fast einem Drittel aus europäischen Fördertöpfen kam?“
Andreas Dunte