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Lokales „Damit sie nicht vergessen werden“ – Andrea Lorz schreibt über jüdische Bürger
Leipzig Lokales „Damit sie nicht vergessen werden“ – Andrea Lorz schreibt über jüdische Bürger
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21:13 26.01.2019
Andrea Lorz geht dem Schicksal von jüdischen Bürgern in Leipzig nach und hat darüber schon mehrere Bücher geschrieben. Quelle: André Kempne
Leipzig

27. Januar, Holocaust-Gedenken. In Leipzig setzt sich eine Frau wie kaum jemand anderes für die Erinnerung an die jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Terrors ein – Andrea Lorz, 1947 in Altenburg geboren, seit Jahrzehnten in Leipzig zu Hause. Sie lebt in Grünau, still und bescheiden.

Obwohl vielfache Buchautorin steht sie kaum im Licht der Öffentlichkeit und ist trotz eines immer wieder aktuellen Themas eine Einzelkämpferin. Ihre Recherche-Bücher über die jüdischen Bürger Leipzigs und deren Schicksal zu Zeiten des Naziregimes werden allseits geschätzt und anerkannt, Orden und Ehrenzeichen hat sie dafür nicht bekommen, von staatlicher finanzieller Hilfe ganz zu schweigen.

„Damit sie nicht vergessen werden“ lautet der Titel von Andrea Lorz‘ neuestem Buch. Es ist ihre weitere Spurensuche zum Leben und Wirken jüdischer Ärzte in Leipzig. Die Publikation weist die Autorin erneut als gründliche Rechercheurin aus. Die Dokumentation ist wissenschaftlich fundiert, basiert auf umfangreichem Quellenstudium und auf persönlichen Erkundungen, vor allem bei den Nachkommen der porträtierten Personen.

An der Universität „abgewickelt“

Gewissenhaft zu arbeiten hatte Andrea Lorz gelernt. Als es noch die DDR gab, studierte sie Politikwissenschaften und promovierte am Institut für Gesellschaftswissenschaften des ZK der SED über die Kombinate in der Volkswirtschaft. Die Friedliche Revolution wurde auch von der guten Genossin begrüßt, für einen demokratischen Sozialismus und gegen eine „verkrustete DDR“ war sie 1989 mit auf die Straße gegangen, ohne freilich zu ahnen, wie schnell die Entwicklung gehen würde. Das Ende ihres Staates bedeutete für Andrea Lorz das Ende ihrer Universitätslaufbahn. Sie wurde „abgewickelt“, musste sich neu orientieren und kam zum Verein „Pro Leipzig“.

„Ein Glücksfall“, wie sie heute weiß. Bei ersten Vorhaben, regionale Dinge zu erforschen, traf sie auf die Geschichte vom „Kaufhaus Gebrüder Held“ in Lindenau. Lorz kam in Kontakt mit dem in London lebenden Peter Held, Sohn des Kaufhaus-Besitzers Albert Held. Man schrieb sich, lernte sich persönlich kennen. Peter Held motivierte sie, nicht nur seine Geschichte zu ergründen: „Du kannst ja mal schauen, was du noch machen kannst.“

Mentale und finanzielle Hilfe

Held, der 2016 starb, vermachte Andrea Lorz ein Legat, dank dem sie bis heute ihre Forschungen und Publikationen finanzieren kann. Weitere Zeitzeugen und Nachkommen jüdischer Leipziger Familien sind nicht nur mentale Unterstützer. Zu ihnen gehören Hannelore Braunsberg (London/Nachfahrin des Musikverlags Benjamin und Schauer) und Henry Bamberger (Los Angeles/die Familie war Mitinhaber des Bekleidungskaufhauses Bamberger & Hertz/2012 verstorben). Ein verlässlicher Partner ist die Ephraim Carlebach Stiftung.

„Ich will, dass keiner mehr sagen kann, ich habe das nicht gewusst“ lautet die Botschaft von Andrea Lorz, die für sie selbst immer wieder Auftrag ist. Die Arbeit hilft ihr, das eigene, nicht problemfreie Leben zu meistern. Dank ihres Engagements konnten zwei ehemalige Leipziger, so geschehen im Fall von Josephine Hünerfeld und Georg Jünemann (Vater und Tochter, beide gläubige Katholiken), die während der Nazizeit in ihrer Wohnung die jüdische Familie Leopold versteckten und damit vor der Deportation retteten, von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt werden.

„Ich tue das, was getan werden muss“

Andrea Lorz macht mit ihren meist im Passage Verlag edierten Publikationen (dazu zählt das mit Bernd-Lutz Lange verfasste Buch „Jüdische Spuren in Leipzig“) auf eine zu lange vergessene und mitunter verdrängte Geschichte aufmerksam. Über Jahre dokumentierte sie dank einer Projektstelle für das Stadtgeschichtliche Museum das jüdische Leben in Leipzig.

Bis zur Pensionierung 2012 leitete sie einige Jahre die Gedenkstätte für Zwangsarbeiter, mit dem Archiv Bürgerbewegung e.V. und weiteren Mitstreitern betreut sie die Aktion Stolpersteine, womit auch in Leipzig vielfach spür- und sichtbar an jüdische Opfer der NS-Diktatur erinnert wird.

Ein Grund, warum Andrea Lorz all das tut, ist aber auch privat. Ihr Vater war im KZ Heuberg auf der Schwäbischen Alb interniert, sie kennt ihn nur vom Erzählen und aus den Akten. Auf seinem Grabstein stehen die Worte des Dichter-Revoluzzers Erich Mühsam: „Denn ich bin ein Mensch gewesen und das heißt, ein Kämpfer zu sein.“ Was Andrea Lorz gegen das Vergessen leistet, ist heldenhaft. Sie selbst sieht das freilich ganz anders: „Ich tue das, was getan werden muss.“

Von Thomas Mayer

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