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Lokales Darum leben wir gern an der Straße des 18. Oktober
Leipzig Lokales Darum leben wir gern an der Straße des 18. Oktober
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06:01 23.01.2019
Die Straße des 18. Oktober in Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Sie ist bekannt – die Messemagistrale Straße des 18. Oktober in Leipzig. Vor einem halben Jahrhundert wurde der Grundstein für das einzigartige städtische Ensemble gelegt. Die offizielle Festveranstaltung sowie eine Porträtausstellung dazu fanden im vorigen Jahr statt. Aber damit nicht genug. Das Jubiläum wirkt bis ins neue Jahr hinein. So wird der Bürgerverein Messemagistrale am morgigen 23. Januar mit einer Wanderausstellung starten. Deren Titel: „50 Jahre Wohngebiet Straße des 18. Oktober – wir leben gerne hier“.

Das liegt garantiert nicht nur daran, dass einige Berühmtheiten seinerzeit an der Messemagistrale ihr Zuhause fanden. Kurt Masur lebte hier 26 Jahre lang. Auch der Komponist Arndt Bause und dessen heute bekannte Tochter, die Schlagersängerin, Moderatorin und Schauspielerin Inka Bause, oder die Leipziger Schauspielerin Christa Gottschalk gehörten zu den prominenten Bewohnern der Straße des 18. Oktober – dem ersten großen Wohngebiet in Leipzig, das ab 1968 komplett in industrieller Fertigteil-Bauweise entstanden war. Innerhalb weniger Jahre wurden an der Messemagistrale neben rund 2000 Wohnungen und knapp 4000 Internatsplätzen noch zwei Schulgebäude, eine Schulsporthalle, drei kombinierte Kindereinrichtungen, eine Kauf- und eine Schwimmhalle gebaut.

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Zahlreiche Bewohner lieben ihr Wohngebiet bis heute, können sich einen Umzug in andere Viertel der Stadt überhaupt nicht vorstellen. Vier von ihnen erzählen auf dieser Seite von ihren Eindrücken und Erfahrungen; davon, warum sie das Wohngebiet so liebenswert finden:

Klaus Setzepfandt (80), früherer Diplomfinanzwirtschaftler

„Wir leben seit 1973 im Wohngebiet Straße des 18. Oktober. Anfangs in einer Drei-Raum-Wohnung. Aber mit zwei Kindern, meiner Tochter und meinem Sohn, die zwei Jahre auseinander sind, wurde es dann doch zu eng. Vor allem als sie größer wurden. Wir hatten Glück, konnten innerhalb des Wohngebiets durch Wohnungstausch umziehen – in eine Vier-Raum-Wohnung. An-fangs wurde noch über die Messemagistrale gescherzt, sie als Rue de Blamage bezeichnet. Einfach deshalb, weil noch keine Straßenwege intakt waren, sondern wir nur über Bauplatten ins Haus kamen. Oder weil der Bau der Schule und der Kaufhalle auf sich warten ließen. Das ist aber längst Geschichte. Das Wohngebiet ist so schön geworden. Kein Wunder, dass nicht wenige seit zig Jahren hier geblieben sind. Selbst als 1999 die Häuser im bewohnten Zustand saniert wurden, nicht mal eine Toilette vorhanden war, wir also einen Eimer nutzen mussten. Heute sagen viele, wenn sie gefragt werden, warum sie nicht weggezogen sind: ,Jetzt, da es so prima hier ist, wäre das doch mehr als dumm.’ Und recht haben sie. Auch das Umfeld ist jetzt besser. Die Straße ist neu gebaut, die Kaufhalle ist neu. Hinzu kommt gleich in der Nähe der Friedenspark als Naherholungsdomizil mit Geruchs- und Tastgarten für Blinde und der Apothekergarten, dazu noch der Botanische Garten. Meine Frau und ich – wir fühlen uns nach wir vor sehr wohl in der Straße des 18. Oktober. Da gibt es nichts Böses zu sagen. Zumal Leipzig ja auch insgesamt attraktiver geworden ist.“

Alte und neue Fotos von der Leipziger Messemagistrale Straße des 18. Oktober.

Nicole Krüger (37), Sozialwissenschaftlerin

„An die Messemagistrale kam ich im Jahr 2005 durch meinen Studienortwechsel zur Uni Leipzig. Ich versuchte damals mein Glück, in eine der zahlreichen Studentenwohnungen zu ziehen. Tatsächlich hatte ich zwei Stunden später den Mietvertrag schon unterschrieben und konnte es kaum glauben, wie schnell und unkompliziert das ging. Ich kam gerade aus Heidelberg und kannte von dort ganz andere Verhältnisse. Nach meinem Studium zog ich in eines der Hochhäuser in der Straße des 18. Oktober. Ich habe den Supermarkt gleich vor der Tür und eine gute Verkehrsanbindung mit den Öffentlichen. Freizeitangebote gibt es auch: den Bürgerverein, das Schwimmbad, den Sportplatz mit Laufbahn, einen Fußballplatz und ein Basketballfeld, einen Fitnessclub sowie Grillplätze und Tischtennisplatten. Ich bin oft im Botanischen Garten in der Linnéstraße, einem meiner Lieblingsorte, oder im Friedenspark. Mit meinem Mann und meiner einjährigen Tochter lässt es sich dort prima sonnen, spazieren gehen und spielen. Ich empfinde Leipzig als eine junge, moderne und soziale Stadt. Die vielen Studenten aus Deutschland und der ganzen Welt machen es intererssant und fortschrittlich. Und die freundlichen und hilfsbereiten Alteingesessenen, mit denen man so einfach ins Gespräch kommt, erleichtern es einem, sich hier wohl zu fühlen. Leipzig ist zu meiner Heimat geworden – und die Messemagistrale zu dem Ort, an dem ich gern lebe.“

Bärbel Dittrich (79), ehemalige Geschichtslehrerin

„Viele betonen noch heute, dass sie gern hier gewohnt haben beziehungsweise wohnen. Und es gibt eine Reihe Mieter, die seit der Errichtung des Wohngebietes hier leben. Ich selbst wohne seit Ja- nuar 1970 in der Straße des 18. Oktober. Zahlreiche neu zugezogene und wieder zurückgekehrte Mieter wissen, warum sie gern an der Messemagistrale leben: wegen der angenehmen Wohnungen, deren Gestaltung und Komfort; wegen der zentrumsnahen Lage, der Erreichbarkeit aller lebensnotwendigen Einrichtungen, der Nähe zum Universitätsklinikums; wegen der verkehrstechnischen Anbindung mit S-Bahn, Straßenbahn und Bus; wegen des grünen Umfeldes; wegen der hier befindlichen Kindereinrichtungen und Schulen, die kurze Wege garantieren, was junge Familien sehr schätzen; wegen des sozialen Friedens im Wohngebiet; weil es den Bürgerverein Messemagis-trale mit seinen Angeboten gibt, die das Wohlbefinden, vor allem das vieler älterer Menschen, fördern.“

Adelheid Latchinian (80), Ex-Uni-Dozentin für russische Literatur

„Anfang 1970 hatten wir das große Glück, mit unseren drei Kindern im Alter von neun, acht und zwei Jahren eine gerade fertiggestellte Vier-Raum-Wohnun im damals größten Neubaugebiet Leipzigs in der Straße des 18. Oktober, Nummer 22, beziehen zu können. Erstmals gab es hier auch Angebote für kinderreiche Familien. Nach unseren bisherigen Unterkünften – natürlich mit Ofenheizung, zugiger Toilette auf der Treppe und teilweise salpeterfeuchten Wänden in der Küche – genossen wir nun froh und dankbar den neuen Komfort in einem fast prächtig anmutenden Zehngeschosser mit Aufzügen, Zentralheizung, Warmwasser, Einbauküche mit Durchreiche zum großen Familientisch im Wohnzimmer, zwei Balkonen und den pflegeleichten Spannteppich-Fußböden. Dieser Luxus wurde komplettiert und gesteigert durch bauliche Einrichtungen zur gemeinsamen, höchst erschwinglichen Nutzung im Wohngebiet: mehrere moderne, freundliche Kinderkrippen und Kindergärten im Grünen, Spiel-, Turn- und Sportplätze, drei Schulen, eine Schwimmhalle, großzügige Einkaufsstätten, Waschstützpunkte und Trockenanlagen. Fast unmerklich und geradezu selbstverständlich entwickelte sich zwischen uns Hausbewohnern ein Klima der Nähe, des Vertrauens und der gegenseitigen Hilfe – besonders bei der Betreuung ‚unserer‘ zahlreichen Kinder. Da konnte man den Nachbarn durchaus den Wohnungsschlüssel übergeben, wenn wir Eltern uns abends doch hin und wieder einen Kino- oder Theaterbesuch gönnten. Eines Tages rettete mich morgens mal ein junger sportlicher Nachbar, als ich unseren Jüngsten in die Kita gebracht, aber in der Eile den Wohnungsschlüssel von innen hatte stecken lassen. Ohne viele Worte verschwand der junge Mann in seiner Wohnung und öffnete mir wenig später verschmitzt lächelnd meine Wohnungstür von innen. Er war kurzerhand an der Außenfassade über die Balkonbrüstung geklettert, um mir behilflich zu sein. Was hätte da nicht alles passieren können! Aber die Menschen waren beherzt und herzlich. Alle Erwachsenen waren natürlich berufstätig. Gleichgültig, ob Lehrerin oder Arbeiter, Verkäuferin oder Professor, erübrigten sie außerdem Zeit, wenn mitunter zur gemeinschaftlichen Pflege der Blumenbeete oder Grünanlagen – also sonnabends zu den Subbotniks – aufgerufen wurde. Den jährlichen Höhepunkt aber bildeten die sommerlichen Hausfeste mit traditionellen Fußballspielen unserer Jungen und jungen Vätern auf der großen Wiese mit leidenschaftlichen Anfeuerungsrufen von den Balkons. Solche Lebensbedingungen sowie die gemeinsamen Erfahrungen und Freuden halfen, die recht schwierige Vereinbarung von Berufstätigkeit und Familienleben, aber auch gelegentliche Engpässe und Defizite im Alltag zu bewältigen. Sodass sich für uns und unsere Kinder im Rückblick auf diese Jahrzehnte viele unvergesslich helle Erinnerungen ergeben.“

Von Ulrich Langer