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Das Handwerk bleibt in der Familie - Töchter übernehmen Leipziger Kunstschmiede

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15:02 10.01.2022
Die beiden Töchter von Kunstschmied Althammer, die Metallbaumeisterin und jetzige Chefin der Schmiede, Elisabeth Althammer-Kluge (r) und die Metallgestalterin und Schmiedegesellin Claudia Süßmeyer stehen bei der Bearbeitung eines Stabes für ein Tor am Schmiedefeuer.
Die beiden Töchter von Kunstschmied Althammer, die Metallbaumeisterin und jetzige Chefin der Schmiede, Elisabeth Althammer-Kluge (r) und die Metallgestalterin und Schmiedegesellin Claudia Süßmeyer stehen bei der Bearbeitung eines Stabes für ein Tor am Schmiedefeuer. Quelle: Waltraud Grubitzsch
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Leipzig

Der Kunstschmied Andreas Althammer beugt sich mit seinen Töchtern Elisabeth und Claudia in einer Werkstatt über eine lebensgroße graue Hundeskulptur. „Dort müssen wir auf jeden Fall nochmal ran“, sagt der 70-Jährige und deutet auf eine Hinterpfote des 500 Kilogramm schweren Zinkgusses. Althammer gibt immer noch fachlichen Rat, aber das Sagen in dem traditionsreichen Leipziger Handwerksbetrieb haben längst die Töchter. Elisabeth (39) führt die „Kunstschmiede Althammer“ als Chefin, Claudia (46) ist als Schmiedegesellin angestellt.

Der Familie ist damit etwas gelungen, was viele Handwerksbetriebe derzeit vor große Schwierigkeiten stellt: Sie hat die Übergabe des Betriebes von einer Generation an die nächste geregelt. Und das auch noch vom Vater auf die Töchter in einer Branche, in der Frauen bis vor einigen Jahren als Exotinnen gegolten haben. Ob er froh sei, dass das geklappt hat? „Na sicher, na klar!“, ruft Althammer. „Es ist doch im Handwerk schwierig, dass die Betriebe weitergeführt werden.“

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In Sachsen gibt es laut Wirtschaftsministerium rund 36 500 Handwerksunternehmen. Bei ungefähr einem Drittel wird sich die Frage nach einer Nachfolge bald stellen: Die Handwerkskammer Leipzig geht von 2300 Betrieben in den nächsten fünf Jahren aus. In der Region Dresden rechnet die Kammer mit 3000 bis 4000 Betrieben. Die Chemnitzer Handwerkskammer spricht von 5500 Unternehmen, die sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren mit dem Thema werden befassen müssen. Das große Problem sei dabei der demografische Wandel. Es gibt schlicht immer weniger potenzielle Nachfolger.

Andreas Althammer hat seine Kunstschmiede 1976 gegründet. Als einer der drei Ersten im damaligen Bezirk Leipzig habe er sich einen Gewerbeschein geholt, als das Gesetz zur Förderung des Handwerks die Selbstständigkeit in der DDR wieder möglich gemacht habe, sagt er. Seit 1979 habe er sich „staatlich anerkannter Kunsthandwerker“ nennen dürfen. „Seitdem arbeiten wir vorwiegend im Denkmalbereich.“

Zwei Töchter treten in die Fußstapfen

Heute ist der Familienbetrieb auch international gefragt, etwa für Arbeiten am Dom in Oslo. Der große graue Hund, an dem die Kunstschmiede derzeit arbeiten, gehört zur Figurengruppe „Besiegter Hirsch“ aus Mägdesprung im Harz. Dass zwei seiner drei Töchter in seine Fußstapfen getreten sind, habe er „weder verlangt, noch haben wir da groß drüber gesprochen“, erzählt Althammer.

Die Suche nach einem Unternehmensnachfolger ist in ganz Deutschland ein Problem. Einer jüngst veröffentlichten Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn zufolge muss in rund 190.000 Unternehmen in Deutschland in den nächsten fünf Jahren die Nachfolgefrage geklärt werden, weil die Eigentümer aufgrund von Alter oder Krankheit aus der Geschäftsführung ausscheiden oder sterben. Nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks werden in den nächsten fünf Jahren 100.000 Handwerksbetriebe einen Nachfolger finden müssen. Im Osten kommt verschärfend dazu, dass sich viele Meister nach 1990 selbstständig gemacht haben. Sie kommen nun relativ gleichzeitig ins Rentenalter.

„Ich komme mit meinem Vater beruflich gut zurecht“

Laut Handwerkskammer Leipzig wünscht sich die Mehrheit der Unternehmer, dass der Betrieb in der Familie bleibt. Solche Übergaben erschienen auf den ersten Blick die organisatorisch einfachsten zu sein, sagt Sprecherin Andrea Wolter. Sie funktionierten aber nur reibungslos, wenn der Senior dem Nachfolger den nötigen Freiraum lasse und Kompetenzen anerkenne.

Für Elisabeth Althammer-Kluge war es nie ein Problem, das Firmenerbe des Vaters anzutreten, sagt sie. „Ich komme mit meinem Vater beruflich gut zurecht.“ Andreas Althammer ist sich zugleich sicher, dass die Kunstschmiede weiter von seinem Wissen und seinen Fertigkeiten profitieren kann. „Solche Bereiche, die mit Historie zu tun haben, die leben einfach von der langjährigen Erfahrung.“

Von RND/dpa